In dieser kleinen britischen Industriestadt befindet sich der zweitgrösste Hub von Rechenzentren der Welt. Ist das Fluch oder Segen?Im britischen Slough befinden sich vierzig riesige Rechenzentren. Sie sollen Europa dabei helfen, den Anschluss an die KI-Spitze nicht zu verlieren. Doch langsam formt sich Widerstand.Tessa Szyszkowitz (Text), Miriam Strong (Bilder), Slough05.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenFirmen wie Equinix bauen im kleinen Städtchen Slough ein Rechenzentrum nach dem anderen. Das macht Slough zu einem Epizentrum des modernen Lebens.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In einer riesigen, grauen Lagerhalle, eine Autostunde von London entfernt, wird unablässig gerechnet. Anfragen gehen ein, werden bearbeitet und wieder abgeschickt, überall surrt und brummt es. Hitze wabert durch die Gegend. Doch schwitzen tut hier niemand, denn Menschen sind nicht zu sehen. Es sind Maschinen, die arbeiten. Mannshohe Schränke in langen Reihen, streng geordnet. In jedem Schrank stecken Dutzende flache Metallkästen, Server genannt. Zusammen bilden sie das Rechenzentrum London LD6.Eigentümer ist das amerikanische Unternehmen Equinix, das hier in der Kleinstadt Slough mehrere solcher Rechenzentren betreibt. Auch andere Unternehmen haben sich in Slough angesiedelt, etwa vierzig Zentren zählt die Stadt bereits. Das macht Slough zum grössten Hub von Datenzentren Europas. Und zum zweitgrössten der Welt.Ohne solche Zentren würde ein grosser Teil des Alltags stillstehen. Jede E-Mail, die verschickt wird, jedes Lied, das gestreamt wird, jede Frage, die jemand Chat-GPT stellt, braucht Datenzentren. Seit künstliche Intelligenz zum Massenprodukt geworden ist, wächst der Hunger nach Rechenkraft noch schneller. Nach Schätzungen nähern sich die jährlichen Investitionen in Rechenzentren weltweit 1 Billion Dollar. Also 1000 Milliarden.Das macht die Kleinstadt Slough zu einem Epizentrum des modernen Lebens.Ist das ein Segen? Oder ein Fluch?Kritische nationale Infrastruktur«Es ist ein neuer Goldrausch», sagt Leigh Tugwood. Der ehemalige Gemeinderat der Grünen kennt die Gegend genau. Er freut sich über das Interesse an seiner Arbeit, steigt, mit Landkarten und Plänen bewaffnet, ins Auto und führt dorthin, wo all die neuen Projekte geplant sind. Von Anfang an – zwei Jahrzehnte schon – hat er die Entwicklung der Datenzentren in seinem Heimatbezirk kritisch verfolgt. Der umgängliche Engländer ist nicht grundsätzlich gegen die Zentren. Auch sei er kein Technikfeind, sagt er. Doch es gebe viele offene Fragen: «Was bedeutet das für unser Grundwasser? Unser Stromnetz? Welche anderen Langzeitfolgen gibt es?»Links: Unter dem Schlamm im Naturschutzgebiet liegen dicke Kabel, die London und Slough verbinden. Rechts: Leigh Tugwood setzt sich seit Jahren gegen die Datenzentren ein.Es sind Fragen, die sich die Bevölkerung von Slough erst langsam zu stellen beginnt. Als in den vergangenen Wochen die Temperaturen in England bis auf 40 Grad stiegen, waren die Slougher alarmiert. Rechenzentren wirken wie riesige Öfen, zwischen 2 und 9 Grad, behaupten Anwohner, sei es hier wegen dieses Wärmeinseleffekts im Durchschnitt heisser als im Umland gewesen. Doch der grosse Protest blieb bisher aus.In den USA sieht das anders aus. Im Norden Virginias, wo sich der grösste Rechenzentrumscluster der Welt befindet, protestieren Anwohner regelmässig gegen die Zentren. Zum Beispiel im Prince William County. Dort sollten bis zu 37 Rechenzentren entstehen. Die öffentliche Anhörung dazu dauerte 27 Stunden, Hunderte Bürger warnten vor Lärm, Hochspannungsleitungen und der Zerstörung historischer Landschaften. Am Ende stimmte das County knapp dafür. Später zogen Anwohner vor Gericht und stoppten das Projekt.Zum Vergleich: In Slough erschienen vergangenen Oktober zwei Leute zur Anhörung bezüglich des Baus eines neuen Rechenzentrums.Der Widerstand ist in den USA zu einer politischen Kraft geworden. In Virginia gewann ein Demokrat einen eigentlich republikanischen Wahlkreis, indem er die Rechenzentren mit steigenden Strompreisen verknüpfte. Und in Washington fordern Politiker wie Bernie Sanders inzwischen sogar ein nationales Moratorium für neue KI-Rechenzentren.Die derzeitige Labour-Regierung ist dem Bau von Datenzentren wohlgesinnt. Sie will das Vereinigte Königreich für das 21. Jahrhundert kompetitiv machen. Allein in Slough und Umgebung sollen deswegen Dutzende neue Zentren entstehen. Doch warum gerade hier?Weil es hier «Strom, Land und eine nette Planungsbehörde» gebe, sagt James Tyler, Managing-Direktor von Equinix im Vereinigten Königreich. Er hat einem Interview zugestimmt. Aber ins Datenzentrum selbst darf die «NZZ am Sonntag» nicht.Seit 2024 gelten Rechenzentren in Grossbritannien als kritische nationale Infrastruktur, auf einer Stufe mit Energie, Wasser und Notfalldiensten. Doch kritische Infrastruktur braucht Anschluss. Nach jüngsten Zahlen verbrauchen britische Rechenzentren inzwischen knapp 6 Prozent des nationalen Stroms.Die Rechenzentren von Slough aus der Vogelperspektive. Es sollen noch mehr werden.Hugo Kurk / GettyEine riesige Steckdose dafür gibt es in Slough: Mit dem Iver Grid Supply Point besteht ein wichtiger Netzanschluss vor Ort. Slough hat den banalen Vorteil, dass hier schon lange Infrastruktur herumstand. Die Kleinstadt mit ihrem Trading Estate ist seit über hundert Jahren eine Industriestadt. Nach dem Ersten Weltkrieg entstand ein riesiges Reparaturdepot für Militärfahrzeuge. 1932 wurde in Slough der Mars-Riegel erfunden. Die Fabrik gibt es bis heute. Citroën baute hier von 1926 bis 1966 Autos. «Wir haben hier das richtige Ökosystem für unser Geschäft», sagt James Tyler.Dass sich in Slough nicht allzu viel Widerstand formt, dürfte auch an der Stadt selbst liegen. Unweit entfernt liegen Schloss Windsor und Eton. Wenn die Schüler der Eliteschule besonders witzig sein wollen, sagen sie manchmal: «Wir gehen in Slough zur Schule.» Denn Slough, das war für sie immer schon das Letzte.Das dachte auch der Dichter John Betjeman. «Come, friendly bombs, and fall on Slough!», schrieb er 1937 in seinem berühmten Schmähgedicht, «It isn’t fit for humans now» («Kommt, ihr freundlichen Bomben, und fallt auf Slough! Die Stadt ist den Menschen nicht zumutbar»). Der Dichter soll seine Verse später bereut haben. Aber sie sind im Volksmund immer noch eng mit Slough verbunden.Rechenzentren sind die neuen Atomkraftwerke. Niemand will sie in seinem Garten haben. China hat deswegen angefangen, Unterwasserzentren im Meer zu bauen. Elon Musk überlegt sich, Datenzentren ins All zu schiessen. Und Grossbritannien baut sie einfach in Slough.«Viele Familien kamen hierher, als die Nazis London geblitzt haben», erzählt der Grünen-Aktivist Leigh Tugwood. Slough sei vielleicht nicht so hübsch wie andere englische Städte, aber die arbeitende Bevölkerung sei durchaus stolz gewesen auf ihre Industriezone. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es hier genug Arbeit: «Sogar Fabergé hat hier produziert.» Allerdings nicht die berühmten Eier, sondern das Parfum Brut.Diese Industrien sind abgewandert, geblieben sind leere Hallen. Dort summen jetzt die Maschinen. «Der Hype um die Rechenzentren wird einige reich machen, aber Arbeitsplätze schafft er kaum», kritisiert Tugwood. Server brauchen nun einmal wenig Bedienpersonal. «Nicht einmal Food-Trucks ziehen sie an – es gibt ja niemanden, der etwas zu essen braucht.» Auf Anfrage widerspricht Tom Kingham von Cyrus One, einem Entwickler und Betreiber aus Texas, der allein auf dem Slough Trading Estate vier Anlagen betreibt: «Unser Datenzentrum braucht während der Konstruktion 580 Bauarbeiter, und wenn es fertig ist, 540 Jobs für Ingenieure und Sicherheitspersonal.»Grüne Aktivisten halten das für Schönfärberei. «Die Regierung verkauft das Land an Tech-Firmen und Geschäftemacher», kritisiert Owen Espley von der Nachhaltigkeitsorganisation Global Action Plan. Die Stromnetze kämen an den Anschlag, der Wasserverbrauch explodiere, Abwärme und Grünflächen gerieten immer mehr unter Druck.Auf diesem Feld in Slough soll bald ein riesiges Rechenzentrum entstehen. Das Land gehört einem Filmstudio.Die Branche widerspricht. «Unsere neuen Datenzentren können bereits ohne Wasser oder mit sehr niedrigem Wasserverbrauch kühlen», sagt Kingham vom Betreiber Cyrus One. Neue Rechner würden mit geschlossenen Kühlsystemen konzipiert, die auf Kühltürme und Verdunstungskühlung verzichteten.Der Widerstand kommtIm Industriepark in Slough selbst ist der Widerstand gering, aber in der grünen Zone und umliegenden Nationalparks wächst der Protest. Global Action Plan koordiniert die lokalen Aktivisten. Die NGO organisiert Demonstrationen, Flashmobs und Aktionstage gegen neue Rechenzentren.Erste Erfolge kann sie schon vorweisen. Unweit von Slough im Woodlands Park in Iver will ein Entwickler ein Hyperdatenzentrum mit 90 Megawatt bauen. Die NGO Global Action Plan und Foxglove gingen bis zum High Court, um das Projekt zu stoppen. Das gelang zwar nicht, aber der Entwickler musste nach der Anhörung konkreten Umweltauflagen zustimmen.Die grünen Aktivisten feiern. «Wir können nicht alles verhindern, aber zumindest müssen Regierung und Betreiber künftig ihre Hausaufgaben machen», sagt Leigh Tugwood zufrieden bei einem Zwischenstopp am Mud Wharf in Iver. Unter dem Schlamm im Naturschutzgebiet liegen dicke Kabel, die London und Slough verbinden. Man sieht sie nicht. Darauf hat der Gemeinderat in Iver bestanden. «Hier unter der Brücke wohnen schliesslich Fledermäuse», sagt Tugwood. Dann rollt er seine Pläne zusammen und setzt seine Führung fort.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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