Albaniens Demokratie ist schon 36 Jahre alt. Doch erst jetzt trauen sich die Menschen, den Oligarchen im Land entgegenzutretenFjoralba Ponari ist Influencerin und wirbt normalerweise für Lipgloss und Handtaschen. Doch seit gut einem Monat hat sie etwas Neues für sich entdeckt: die Politik. So wie Tausende andere Albaner auch.Adelheid Wölfl05.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenBilder Screenshot InstagramSeit einem Monat postet Fjoralba Ponari Fotos von Flamingos und Videos von sich selbst, wie sie passioniert Reden in den Strassen der albanischen Hauptstadt Tirana hält. Aus der jungen Frau wurde über Nacht eine Politaktivistin.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Normalerweise sieht man sie auf Instagram, wie sie sich mit Lipgloss schminkt oder für eine schicke Handtasche wirbt. Fjoralba Ponari führt auch gerne pastellfarbene Kleidchen vor. Sie tanzt dann wie eine Prinzessin und zeigt die dazu passende Handtasche und die dazu passenden Schuhe in die Kamera. Ponari ist eine albanische Influencerin mit 317 000 Followern auf Instagram.Seit einem Monat postet die junge Frau jedoch Fotos von Flamingos und Videos von sich selbst, wie sie passioniert Reden in den Strassen der albanischen Hauptstadt Tirana hält. Aus der Influencerin wurde über Nacht eine Politik-Aktivistin. Die 32-Jährige warf sich in Jeans und mischte sich unter die Leute, die seit dem 31. Mai jeden Tag vom Skanderbeg-Platz vor das Regierungsgebäude ziehen, um gegen geplante Luxusresorts in einem Landschaftsschutzgebiet an der albanischen Küste zu demonstrieren, die ausländische Investoren wie Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und seine Frau Ivanka Trump bauen wollen.«Ich bin unter euch, weil ich glaube, dass das Land, das Meer, die Bäume und die Lagunen Kulturerbe sind, nicht Beute. Wir haben die Pflicht, sie zu schützen», sagte Ponari bei einer ihrer Reden. Sie informiert per Instagram über die Routen für die täglichen Demos. «Wir sehen uns beim Protest», postet sie.Sie veräppeln den MinisterpräsidentenDie albanische Demokratie ist 36 Jahre alt, aber die Gesellschaft ist offenbar erst jetzt reif genug, um den Mechanismen der Diktatur, die noch immer alles durchdringen, entgegenzutreten. Die jungen Leute, die seit mehr als einem Monat auf die Strasse gehen, trauten sich bisher noch nie aufzumucken. Jetzt sind sie aufgeregt, weil sie das erste Mal Demokratie üben, ihre Rechte wahrnehmen. Viele von ihnen haben noch nie gewählt, weil sie bisher nichts mit Politik zu tun haben wollten. Nun sind sie mittendrin.Die ersten und einzigen Studentenproteste hatte es nach dem Ende des Kommunismus gegeben. Damals forderte die Jugend, dass neben der KP weitere Parteien die Politik aufmischen sollten. Unterdrückung und Unfreiheit blieben jedoch. Nun geht es darum, dem Autoritarismus und der Willkür der Mächtigen zu trotzen.Zehntausende protestieren dagegen, dass aus der einzigartigen Dünenlandschaft an der Küste, in der Riesenschildkröten ihre Eier legen, und neben der Lagune, in der etwa zweitausend blassrosa Flamingos nach Fischen schnappen, eine Touristenstadt werden soll. Sie wollen nicht mehr, dass die Regierung über ihre Köpfe hinweg Gesetze für Oligarchen entwirft und das Parlament diese abnickt, während die Natur zerstört wird.Protestierende in den Strassen Tiranas mit ihrem Maskottchen, einem Flamingo.Valdrin Xhemaj / ReutersDie Regierung wurde von den Protesten vollkommen überrascht. Und eine Influencerin wie Ponari stellt wegen ihrer Popularität und Breitenwirkung für sie eine Gefahr dar. Der Regierungschef Edi Rama machte sich öffentlich über Ponari lustig, indem er sich mit nach hinten gebeugtem Oberkörper hinstellte. Ponari hatte zuvor auf Instagram ein Foto von sich selbst in ähnlicher Pose vor dem Eiffelturm gepostet.Doch die Häme ging nach hinten los. Als Rama sich darüber beschwerte, dass die Demonstranten angeblich so viel Müll auf den Strassen hinterliessen, veräppelte Ponari den Ministerpräsidenten: «Als Korrespondentin aus Paris teile ich Ihnen mit, dass der französische Präsident Macron sich nicht über den Müll der Demonstranten beschwert.»Mittlerweile ist es zum Spiel der jungen Leute geworden, sich über den alten Mann im Regierungsamt mit seinen zynischen Macho-Sprüchen lustig zu machen. Wenn Rama wieder einmal einen Demonstranten vorführt, dann schreibt das Heer der Insta-Generation: «Schaffen Sie das Gesetz 21 aus dem Jahr 2024 ab!»«Wir wechseln einfach das Thema und weisen auf das Essenzielle hin», sagt die 24-jährige Musiklehrerin Anjeza Marku, die wir am Protest treffen. Das Essenzielle ist, dass 2024 ein Gesetzesartikel zu den Landschaftsschutzzonen völlig neu verfasst wurde. Dieser neue Artikel gestattete erstmals «Fünf-Sterne-Unterkünfte sowie dazugehörige Infrastruktur innerhalb von Schutzgebieten». Die EU-Kommission verlangt seit langem, dass dies zurückgenommen wird, weil es dem Geist der Landschaftsschutzzonen widerspricht. Doch die albanische Regierung weigert sich.Die 24-jährige Musiklehrerin Anjeza Marku.NZZaSProtestiert wird jedoch erst seit gut einem Monat. Am 30. Mai wurde in der Nähe der Stadt Vlora ein Umweltaktivist, der gegen die beginnenden Bauarbeiten protestierte, von privaten Sicherheitskräften misshandelt und gewaltsam weggezerrt. Die Polizei stand daneben und schaute zu. Das war der Trigger. «Ich dachte: Dieser Mensch könnte mein Bruder sein! Seitdem machen wir unseren Mund auf», meint Marku. Das Video spiegelte beispielhaft das tägliche Erleben von Hunderttausenden Albanern.Die privaten Sicherheitskräfte stehen für die Oligarchen Albaniens und ihre Verbindungen in die organisierte Kriminalität. Sie haben im Land das Sagen und erheben sich über das Gesetz. Die Polizisten, die daneben stehen und nicht einschreiten, stehen für den Staat und eine Politik, die mit den Oligarchen unter einer Decke stecken. Die traditionellen Medien betreiben Regierungspropaganda. Zunächst hatten sie nicht einmal über die Proteste berichtet.Entlarvte PropagandaMarku hat ihr ganzes Leben lang gehört, dass man nichts gegen die Regierung tun könne, dass man gehorchen müsse. Als sie vor ein paar Jahren im Opernhaus in Tirana vorsang, wurde sie nach hinten gereiht, obwohl sie im Ausland Gesangswettbewerbe gewonnen hatte. «Du musst hier jemanden kennen, damit du eine Chance bekommst. Leistung zählt nicht», so erzählt sie von ihren Erfahrungen.Trotz Universitätsabschlüssen finden viele ihrer Generation keine Jobs in ihren Berufen, wenn sie nicht bereit sind, zur Partei zu gehen. Hochschulabsolventen arbeiten in Albanien als Kellner.Doch dann sah Marku bei der Flamingo-Revolution, wie die Demos genannt werden, Mütter mit ihren Kindern, alte Menschen, Menschen mit Behinderungen. Eine Welle des Mutes ging durch die Gesellschaft, obwohl die Musiklehrerin Marku wie die Influencerin Ponari vorher gar nie politisch aktiv gewesen war.Sie habe bisher immer grosse Angst gehabt, die Regierung zu kritisieren, meint Marku. Die Furcht von Hunderttausenden, die wissen, dass in Albanien Kritik dazu führt, dass Familienangehörige den Job verlieren oder man keine Aufträge mehr bekommt, beherrschte das Land.Die politische Kultur hat sich im letzten Monat jedoch verändert. Jungen Menschen wie Marku oder Ponari sei Dank. Durch die Postings von Tausenden wird die Wirklichkeit nun ernst genommen, während die Regierungspropaganda entlarvt wird. Die Kinder der Flamingo-Revolution sind selbst überrascht über ihre Freiheit, die nur deshalb da ist, weil sie sie sich plötzlich nehmen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Flamingo-Revolution: Wie Albaniens Jugend für Veränderung kämpft
Fjoralba Ponari ist Influencerin und wirbt normalerweise für Lipgloss und Handtaschen. Doch seit gut einem Monat hat sie etwas Neues für sich entdeckt: die Politik. So wie Tausende andere Albaner auch.













