Interview«Wir wollen fehlbaren Instituten die gelbe Karte zeigen können», sagt die Finma-PräsidentinMarlene Amstad sagt, weshalb neue Befugnisse für die Finanzmarktaufsicht die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes stärken. Bussen seien «ein sehr liberales Instrument».04.07.2026, 21.45 Uhr8 LeseminutenMarlene Amstad ist seit 2021 Präsidentin der Schweizerischen Finanzmarktaufsicht (Finma).Andrea Zahler / CH MediaFrau Amstad, die Credit Suisse ist seit drei Jahren Geschichte. Trotzdem wird öffentlich immer noch hart um die Deutungshoheit in dem Fall gerungen. Der UBS-Chef Sergio Ermotti hat unlängst bei einer Konferenz die Finanzmarktaufsicht kritisiert. Laut ihm ist die CS hauptsächlich wegen regulatorischer Erleichterungen gescheitert. Was entgegnen Sie?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ich habe in meinen mittlerweile mehr als dreissig Jahren Erfahrung im Finanzmarkt selten bis nie eine Bankenkrise gesehen, bei der sich alle derart einig waren, dass die Hauptverantwortung für das Scheitern beim Management und beim Verwaltungsrat des Instituts gelegen hat.Sie sagen, dass Skandale der CS wie Greensill und Archegos Sie darin bestärkt hätten, dass die Schweiz bei Banken, die schwere Regelverstösse begehen, gesetzlich nachbessern müsse. Vor Ihrer Zeit bei der Finma haben Sie für Notenbanken in den USA und Asien gearbeitet. Dort wird gegenüber renitenten Banken deutlich härter durchgegriffen als in der Schweiz. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?Es geht mir nicht um mehr Regulierung, sondern um schärfere Konsequenzen für die wenigen Institute, die sich bei schweren Regelverletzungen renitent verhalten. Betroffen macht mich vor allem, dass wir nicht transparenter über die von uns geführten Verfahren kommunizieren dürfen. Wir schliessen im Durchschnitt 40 Enforcement-Verfahren pro Jahr ab. Über gerade einmal 5 Prozent der abgeschlossenen Fälle dürfen wir die Öffentlichkeit informieren. Auf allen anderen wichtigen Finanzplätzen liegt der Wert zwischen 95 und 100 Prozent. Das betrifft keine Bagatellen: Ein Drittel der Verfahren betrifft Geldwäscherei. Es geht um Menschenhandel und Terrorfinanzierung – alles Dinge, mit denen der Schweizer Finanzplatz nichts zu tun haben will.Welche Folgen hat das?Es sendet gegenüber den Kunden des Finanzplatzes kein gutes Signal aus, wenn wir nicht kommunizieren dürfen, welche Bank oder Versicherung die geltenden Regeln gravierend verletzt hat. Dieses erzwungene Schweigen untergräbt das Vertrauen in den Schweizer Finanzplatz. Deshalb brauchen wir hier die gleichen gesetzlichen Grundlagen, wie sie auch auf allen anderen grossen Finanzplätzen gegeben sind.Bei der Credit Suisse hat die Finma aber nicht alle Instrumente eingesetzt, über die sie verfügt. So wurde weder den fehlbaren Managern die Gewähr noch der CS die Lizenz entzogen. Warum brauchen Sie neue Instrumente, wenn Sie die alten nicht vollumfänglich nutzen?Vorab: In den letzten zwei Jahren der Credit Suisse wurden mehr als 80 Prozent der Positionen in der Geschäftsleitung neu besetzt. Ein Gewährs- oder ein Lizenzentzug ist für uns immer die Ultima Ratio. Es ist ein schwerer Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit, und es bestehen hohe rechtliche Hürden, bis das überhaupt möglich ist. Wir setzen uns auch für ein neues Verantwortlichkeitsregime ein, welches die Zuständigkeiten innerhalb eines Instituts klarer zuordnet. Für uns ist es grundsätzlich wichtig, dass man alles unternimmt, damit es nicht dazu kommt, dass wir einer Bank die rote Karte zeigen müssen. Deshalb wollen wir vorher schon reagieren können. Um bei dem Fussball-Bild zu bleiben: Wir wollen fehlbaren Instituten die gelbe Karte zeigen können und so den Kunden und Aktionären einer Bank die Möglichkeit geben, aktiv zu werden. Zum Beispiel, indem sie dem Verwaltungsrat die Entlastung verweigern.Der Bundesrat wird voraussichtlich noch im Sommer eine Vorlage in die Vernehmlassung schicken, die sich mit zusätzlichen Kompetenzen für die Finma befasst. Neben der bereits erwähnten Transparenz bei Enforcement-Verfahren wollen Sie unter anderem auch die Möglichkeit, Bussen auszusprechen. Auf welches dieser Instrumente können Sie nicht verzichten?Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass es in der Bankenregulierung ein Wundermittel gibt, mit dem sich alle Probleme lösen lassen. Die beste Regulierung für mich ist die, die den Markt zum Funktionieren bringt und die grosse Mehrheit schützt, die sich an die Regeln hält. Und dafür sorgt die Prävention mit den genannten Instrumenten. Die CS-Krise hat nochmals gezeigt, welchen Schaden ein einzelnes renitentes Institut verursachen kann und wie wichtig diese Prävention ist.Was verstehen Sie darunter?Dass schwere Regelverletzungen nicht gratis sind und sichtbar gemacht werden. Die Kunden, die Aktionäre wie auch die Mitarbeiter wollen nicht unbedingt bei einem Institut sein, das regelmässig Bussen zahlen muss oder in Verfahren verwickelt ist. Und nochmals: Uns geht es um die wenigen renitenten Institute. Letztlich ist eine Regelverletzung der Versuch, sich dem fairen Wettbewerb zu entziehen. Bussen stellen den Wettbewerb wieder her. In diesem Sinne sind sie ein sehr liberales Instrument.Seit der Finanzkrise sind es Schweizer Banken gewohnt, Bussen zu bezahlen – wenn nicht hier, dann im Ausland. In der Regel kommen dafür jedoch die Aktionäre auf. Die Manager selbst müssen dafür kein Geld in die Hand nehmen. Was macht Sie so sicher, dass Bussen der Finma trotzdem den gewünschten Effekt haben werden?Es macht schon einen Unterschied, ob ein Institut die Busse im Ausland bezahlt oder ob sie von der Aufsichtsbehörde ausgesprochen wird, die einer Bank auch die Lizenz ausstellt. Das ist dann eine gelbe Karte für die Bank. Zudem glaube ich nicht, dass ausgerechnet in einer Branche, deren Geschäft das Geld ist, eine Strafzahlung keinen Effekt haben soll. Die Banken bezahlen ja auch Boni, um die besten Mitarbeiter zu gewinnen.Hier besteht eine Asymmetrie: Den Bonus bekommen die Banker, die Busse bezahlt das Institut.Im ersten Moment ist das so. Aber es heisst nicht, dass eine Busse für die fehlbaren Manager überhaupt keine Konsequenzen hat. Die Bank hat selbstverständlich die Möglichkeit, gegen die entsprechenden Personen vorzugehen. Zum Beispiel indem Bussen mit dem Vergütungssystem verknüpft werden und Boni gestrichen oder zurückgefordert werden.Sie wollen in Zukunft die Öffentlichkeit informieren, wenn Sie ein Verfahren gegen eine Bank abgeschlossen haben. Gegenwärtig dauern die Verfahren der Finma von der Eröffnung bis zum rechtskräftigen Abschluss aber sehr lange. Warum?Das ist Teil des Systems. In der Schweiz gilt anders als in anderen grossen Finanzplätzen der Grundsatz der aufschiebenden Wirkung. Dieser führt dazu, dass eine Massnahme der Finma gegen ein Institut erst dann durchgesetzt werden kann, wenn entweder das Institut sie akzeptiert oder die Entscheidung des Gerichts rechtskräftig ist. Das kann sehr lange dauern. Wichtig wäre, dass wir auch hier internationalen Standards folgen. Wenn ausländische Finanzmarktaufseher Verfehlungen publik machen, bevor der Heimaufseher dies darf, fördert dies das Vertrauen in den Schweizer Finanzplatz nicht unbedingt.Sie wollen die aufschiebende Wirkung abschaffen?Es braucht klar Verbesserungen. Mir ist aber wichtig zu betonen: Die Finma wird dadurch nicht allmächtig. Auch in Zukunft werden die Institute jede Verfügung der Finma über zwei Instanzen gerichtlich anfechten können.Eine Aufhebung der aufschiebenden Wirkung würde aber dazu führen, dass die Kunden einer Bank Kenntnis von einem Enforcement-Verfahren der Finma erhalten, noch bevor dieses rechtskräftig ist. Damit hebeln Sie doch den Rechtsweg aus?Wir hebeln sicher nicht den Rechtsweg aus. Wir sind gegenüber den Gerichten rechenschaftspflichtig und werden das auch bleiben. Wir können und wollen nicht ausserhalb der rechtlichen Normen agieren. Uns geht es darum, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu klären.Die Banken befürchten aber, dass dadurch das Vertrauen der Kunden in eine Bank ruiniert werden könnte, bevor ein Entscheid rechtskräftig ist.Dieses Vorgehen ist international üblich. Mir ist nicht bekannt, dass dies zu grösseren Problemen geführt hat.Als Finma-Präsidentin machen Sie sich seit drei Jahren öffentlich stark für neue Aufsichtsinstrumente. Auch bei der Frage der Eigenmittelunterlegung für die UBS haben Sie Position bezogen und den Vorschlag des Bundesrates unterstützt. Damit überschreiten Sie für viele Banker die Grenzen Ihres Mandats.Ich kämpfe nicht erst seit dem Ende der CS für neue Befugnisse für die Finma, sondern seit meinem Amtsantritt 2021. Seit dem Ende der CS werde ich aber sehr häufig gefragt, weshalb wir nicht schon früher den Wunsch nach zusätzlichen Instrumenten geäussert hätten. Es gehört zu unserer Verantwortung, dass wir als Aufsicht aufzeigen, was wir brauchen, um unsere Arbeit erledigen zu können. Rückblickend würde ich daher auch die öffentliche Diskussion heute noch früher anstossen. Zum Beispiel beim Thema Bussen: Die Grossbanken haben über die Jahre Bussen in Milliardenhöhe bezahlt. Von dem Geld floss nichts in die Schweiz, obschon sie mit die Hauptrisiken trägt. Wäre es nicht angemessen, dass auch die Schweiz darüber bestimmt? Letztlich entscheiden aber nicht wir, sondern das Parlament über die neuen Befugnisse für die Aufsicht.Neue Instrumente für die Finma bedeuten zwangsläufig auch, dass die Kosten für die Regulierung zunehmen werden. Das betrifft alle Banken, auch diejenigen, die sich nichts zuschulden kommen lassen.Eine Busse kostet die Banken in der Vorbereitung erst einmal nichts. Auch auf die Enforcement-Transparenz müssen sie sich nicht extra vorbereiten. Es ist aber richtig, dass die Kosten grundsätzlich auf diejenigen umgelegt werden, welche die Regeln verletzen. Aber klar ist auch, dass wir alle Anstrengungen begrüssen, effizienter zu werden. Hier helfen uns auch neue Technologien wie die künstliche Intelligenz.Das klingt alles schön und gut. Aber was sagen Sie dem Chef einer kleinen Schweizer Bank, der angesichts der zunehmenden Kontrollen und steigenden Kosten zunehmend das Gefühl hat, einer Superbehörde gegenüberzustehen?Es geht nicht um mehr Regeln und mehr Macht für die Finma. Es geht um das Vertrauen in den Schweizer Finanzplatz. Das ist eine Vorbedingung für seine Wettbewerbsfähigkeit. Mir liegt auch persönlich sehr am Herzen, dass wir gerade bei den kleinen Instituten angemessen vorgehen. Man muss die Zahlen aber schon im richtigen Verhältnis sehen. Wir führen pro Jahr rund 40 Vor-Ort-Kontrollen bei der UBS durch. Eine kleine Bank kommt dagegen nur alle sieben bis acht Jahre an die Reihe. Ich habe Verständnis dafür, dass eine solche Vor-Ort-Kontrolle gerade bei kleinen Instituten Aufwand auslöst. Rein aufgrund der Zahlen sehe ich aber keine Anzeichen dafür, dass wir unsere Kontrollen falsch kalibriert hätten.Die Entscheidung über neue Kompetenzen für die Finma liegt beim Parlament. Eine schwache Bankenaufsicht ist in der Schweiz politisch jedoch gewollt. Was machen Sie, wenn Sie die geforderten Instrumente nicht bekommen? Haben Sie einen Plan B?Die Frage nach der Wahrscheinlichkeit stelle ich mir nicht, ich sehe einfach die Notwendigkeit, zum Wohle derer, die sich an die Regeln halten. Dafür kämpfe ich und setze ich mich ein. Die Politik hat sich intensiv mit der Aufarbeitung der CS-Krise beschäftigt und auch solche technischen Fragen vertieft diskutiert. Für mich ist das ein positives Zeichen.Ihre Amtszeit an der Spitze der Finma endet im Dezember 2027. Was machen Sie nachher?Mir wird sicher nicht langweilig.Zur PersonMarlene AmstadVor ihrer Zeit bei der Finma war sie lange im Ausland tätig. Sie arbeitete unter anderem bei der Fed in New York und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Hongkong. Anschliessend lehrte sie an den Universitäten in Hongkong und Shenzhen. Seit 2016 ist Amstad Mitglied des Verwaltungsrates der Finma und seit 2021 Präsidentin. Zudem ist sie seit 2020 Titularprofessorin der Universität Bern und Senior Fellow an der Universität Harvard.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel