Es ist nicht überliefert, wie das Verhältnis des paraguayischen Torwarts Orlando Gill zu Mike Maignan ist, dem Schlussmann der Franzosen. Aber noch ist Zeit. Dass Gill, 26, im deutschen Manuel Neuer, 40, ein „Idol“ sah und stolz darauf war, sich mit ihm im Elfmeterschießen des Sechzehntelfinales der Fußball-WM gemessen zu haben, das erfuhr die Öffentlichkeit auch erst, nachdem Paraguay die Deutschen nach Hause geschickt hatte (1:1, 4:3 i. E.). Gill war danach überwältigt. „Wir haben einen Weltmeister geschlagen!“, sagte er, als er nach dem Sieg gegen Deutschland in Boston, USA, noch die paraguayische Landesflagge über den Schultern trug.Gill spielte beim vielleicht größten WM-Erfolg seines Landes keine untergeordnete Rolle. Im Gegenteil. In der Verlängerung kehrte er den Versuch von DFB-Verteidiger Waldemar Anton, seinem Kameraden Jonathan Tah durch einen Block gegen den Keeper zu einem unbedrängten Kopfball zu verhelfen, in eine Waffe um, die sich gegen die Deutschen richtete.Zumindest sah es mit jeder verlangsamten Wiederholung ein wenig mehr danach aus, als habe sich Gill in der Verlängerung nach dem Eckstoß, den Tah ins Tor geköpfelt hatte, fallen lassen. Er hatte einen Kontakt durch den am Ball eher desinteressierten Waldemar Anton wahrgenommen. Videoreferee Tatiana Guzmán, eine Ex-Fußballerin aus Nicaragua, schickte den Schiedsrichter Jalal Jayed (Marokko) an den TV-Schirm; er entschied, das Tor zu annullieren. „Ein Vollskandal“, zeterte Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann, Fifa-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina entgegnete, Spieler und Trainer seien vor der WM darauf hingewiesen worden, derartige Szenen würden abgepfiffen. Im Elfmeterschießen klatschte Gill dann in die Hände und brachte damit Kai Havertz, Nick Woltemade und Tah aus dem Konzept. „Ich liebe Elfer“, sollte Gill später sagen.Von 16 Schüssen, die in der Vorrunde auf sein Tor kamen, parierte er 13Für Gill wurde der Montag zum unglaublichsten Tag einer unwahrscheinlichen Karriere. Nach dem 1:4 aus dem Auftaktspiel gegen die USA war er noch von Paraguays Torwartlegende José Luis Chilavert veralbert worden („der spielt stumm“); gegen Deutschland bestätigte er eine Leistung, die ihn laut Fifa-Ranking zum besten Vorrundentorwart der WM gemacht hatte. Er hatte 16 Schüsse aufs Tor bekommen und 13 pariert, nach der Pleite gegen die USA spielte er gegen Australien und die Türkei zu null. Mittlerweile soll Gill Angebote aus England (Ipswich Town), Spanien (Valencia) und Italien (FC Turin) sortieren. Es würde sein Leben finanziell in einer Weise verändern, die vor ein paar Jahren unmöglich schien.2025 machte seine Ehefrau öffentlich, wie er 2022, als er noch im Klub seiner Geburtsstadt San Lorenzo spielte, gelitten hatte. Ihr Sohn kam als Frühgeburt zur Welt. Weil Paraguays durchliberalisiertes Gesundheitswesen kranke Menschen und deren Familien schröpft, sah sich Gill gezwungen, Hab und Gut zu verpfänden. Auch das Trikot von seinem U20-Debüt mit Paraguay.Die große Wende leitete ein Wechsel nach Argentinien ein – zu einem Klub, der kurioserweise ebenfalls San Lorenzo heißt. Gill wurde für die B-Mannschaft verpflichtet; weil der Klub pleite war, erhielt er aber anfangs keine Spielberechtigung. „Der paraguayische Courtois“, wie er wegen seiner Statur genannt wurde (Körpergröße: 1,95 Meter) trainierte im Wissen, nicht eine Minute spielen zu dürfen, zeitweise erhielt er kein Geld. Dann wanderte er auf die helle Seite des Fußballs: Ein Stammtorwart ging, der Ersatzmann patzte, Gill bekam seine Chance, nutzte sie, nun spielt er im WM-Achtelfinale gegen Frankreich. Und es scheint, er könne er neue Erinnerungen sammeln.