Dieser AfD-Parteitag würde lebhafter als die davor, hatte es zuletzt immer aus der Partei geheißen. Es könnte knirschen, sogar knallen. Brisante Anträge, erwartete Kampfkandidaturen – und dann noch die Wahl der beiden Vorsitzenden. Überraschungen seien zu erwarten. Und tatsächlich, die gab es auch. Aber zugleich spulte die Partei beinahe routiniert ihr Programm ab.Nicht überraschend war, dass die Parteichefs Alice Weidel und Tino Chrupalla in ihren Ämtern bestätigt wurden. Allerdings mit unterschiedlichen Ergebnissen: Weidel bekam 81 Prozent, etwas mehr als vor zwei Jahren. Chrupalla dagegen wurde abgewatscht: Er erhielt nur 70 Prozent, mehr als zehn Prozentpunkte weniger als bei der letzten Wahl. Chrupalla war zuletzt einigen Leuten auf die Füße getreten, etwa in der Verwandtenaffäre oder beim Thema Russland. In seiner Bewerbungsrede hatte er – ohne den Namen zu nennen – auch den Thüringer Landeschef Björn Höcke attackiert. Dessen Aussage, Westdeutsche seien eigentlich deutsch sprechende Amerikaner, hatte der Sachse Chrupalla widersprochen: „Der Westdeutsche ist genauso ein Deutscher wie der Ostdeutsche.“ Die AfD stehe für gesamtdeutsche Politik, die gegen Spaltung sei.Minutiös vorbereitet, meist friedlichWährend der Applaus für Chrupalla bescheiden ausfiel, erhoben sich viele Delegierte nach Weidels Rede immerhin von ihren Sitzen. Manche schwenkten die Deutschlandflaggen, die am Morgen auf jedem Platz gelegen hatten. Aber richtige Begeisterung schien kaum aufzukommen. Die Klatschenden setzten sich rasch wieder, und selbst Schlüsselwörter wie „Remigration“ sorgten nicht wie sonst oft für Jubelstürme. Es war, als wären die Delegierten mit den Gedanken woanders. Womöglich bei den Wahlen im Herbst in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Wie bedeutend die seien, hoben viele Redner hervor.AfD-Bundesparteitag am 4. Juli auf dem Messegelände in ErfurtDaniel PilarDass die Delegierten sich vor allem auf die Wahl des Bundesvorstands konzentrieren konnten, lag auch daran, dass sich Stadt und Polizei minutiös auf den Parteitag vorbereitet hatten. Mit Schutzzonen und Straßensperrungen hielten sie Demonstranten und Delegierte auf Abstand. Die Polizei gab zudem regelmäßige Updates zur Sicherheitslage. AfD-Politiker, die rennen müssen, um sich in Sicherheit zu bringen, sah man in Erfurt nicht. Der Parteitag begann fast auf die Minute pünktlich.Auf die Testfrage der Abstimmungsgeräte, Hatten Sie eine gute Anreise?, antworten 92,8 Prozent mit ja. „Die Randalierer von der Antifa haben ihr eigenes Störmanöver verschlafen, wir können hier heute pünktlich starten“, sagte Chrupalla in seiner Eröffnungsansprache. Weidel sprach dennoch von „vergifteter“ Stimmung und beschwor den Widerstand der AfD, die „immer größer und stärker“ werde, die „standhaft“ bleibe.Ein brisanter Antrag wird abgeräumtDer Protest, den sie damit kritisierte, fiel kleiner aus als erwartet. Statt der erwarteten 50.000 Demonstranten zogen nach Zählung der Polizei etwa 31.000 Menschen durch Erfurt. Meist blieb es friedlich. Auf dem Parkplatz neben der Messehalle, wo der Deutsche Gewerkschaftsbund eine Kundgebung angemeldet hatte, war die zulässige Höchstbesetzung von 15.000 Demonstranten am frühen Nachmittag erreicht. Obwohl sie mit Konzerten, Sprechchören und lauten Bässen die Messehalle beschallten, bekam man in der Halle nicht viel davon mit. Mit einer Ausnahme: Aus verschiedenen Ecken der Messehalle erklang nachmittags plötzlich der „Imperial March“, das Leitmotiv des Bösewichts Darth Vader aus „Star Wars“. Leise genug, um die Reden nicht zu unterbrechen, aber laut genug, um von allen gehört zu werden.Demonstranten und Polizeikräfte am 4. Juli in der Innenstadt von ErfurtDaniel PilarEbenfalls gut vorbereitet waren auch einige Ereignisse in der Halle. So etwa der Umgang mit einem brisanten Antrag. Höcke und andere hatten beantragt, die Unvereinbarkeitsliste der Partei zu überarbeiten. Es sollte neu definiert werden, was „extremistisch“ sei. Explizit genannt werden in dem Antrag die Grünen, die als „anti-deutsche Organisation“ aufgeführt werden. Zugleich galt der Antrag in Parteikreisen aber auch als Signal Höckes, mitmischen zu wollen.Aus Sicht der Parteiführung kam der Antrag zur Unzeit. Sie wollte nicht, dass auf dem Parteitag lang und breit diskutiert würde, welche Rechtsextremen zur AfD gehören dürfen und welche nicht. Am Samstag schlug Weidel von der Bühne aus einen Deal vor: Der Bundesvorstand verpflichte sich selbst, die Liste binnen eines Jahres zu überarbeiten. Dafür werde der Antrag zurückgezogen. Darauf ließen sich die Antragsteller ein.Björn Höcke am 4. Juli auf dem AfD-Bundesparteitag in ErfurtDaniel PilarKampfabstimmungen für den BundesvorstandEin bisschen mehr Stimmung kam bei einigen Kampfabstimmungen auf. Zwei langjährige Funktionäre verloren eine solche. Kay Gottschalk, stellvertretender Landesvorsitzender der AfD in Nordrhein-Westfalen und bisher auch stellvertretender Bundessprecher, konnte sich nicht gegen Sven Tritschler durchsetzen. Tritschler, der ebenfalls aus dem Landesverband NRW kommt, erhielt zwar nur 50,7 Prozent, doch wegen vieler „Nein zu beiden“-Stimmen und Enthaltungen lag Gottschalk mit rund 36 Prozent abgeschlagen dahinter. Dieser Sieg ist auch einer für Weidel. Tritschler wird zu ihrem Netzwerk mit Sebastian Münzenmaier gezählt, das ihre Machtposition stützt.In seiner Bewerbungsrede gab Tritschler seinem Konkurrenten Gottschalk recht unverblümt einen mit, wenn auch ohne seinen Namen zu nennen: Die AfD brauche keine „Umfaller“, die „jetzt Remigration rufen, aber andere dafür aus der Partei ausschließen wollten“. Gottschalk war der Erste gewesen, der auf dem Erfurter Parteitag das Wort „Remigration“ benutzt hatte. Früher hatte er sich eher gemäßigt positioniert.Auch Carsten Hütter, seit 2020 Schatzmeister der AfD, musste sein Amt abgeben. Er verlor gegen Hannes Gnauck, den früheren Vorsitzenden der aufgelösten „Jungen Alternative“. Nach zwei Wahlgängen, in denen keiner der beiden Kandidaten die absolute Mehrheit auf sich vereinen konnte, holte Gnauck 50 Prozent. Hütter fiel dann sogar bei der Wahl zum Vize-Schatzmeister durch: Alexander Jungbluth, ein früherer Mitarbeiter von Münzenmaier und Burschenschafter, gewann mit mehr als 65 Prozent.Neu in den Bundesvorstand wurden zudem zwei Vertraute des Thüringer Landeschefs Höcke gewählt: Stefan Möller aus Thüringen wurde mit 76 Prozent als stellvertretender Bundessprecher gewählt, Katrin Ebner-Steiner bekam 56 Prozent als weitere stellvertretende Bundessprecherin. Beide hatten keinen Gegenkandidaten.