Sidny Lopes Cabrales hatte seine Sinne verloren und verwandelte sich in einen Getriebenen. Soeben hatte er eines der Tore erzielt, von dem sich augenblicklich sagen ließ, dass es in keinem Rückblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 fehlen wird. Auf einer der größtmöglichen Bühnen des Fußballs, im Sechzehntelfinale der WM, hatte Lopes Cabrales ein Traumtor gegen Weltmeister Argentinien erzielt – und diesen an den Rand des Abgrunds geführt. Wie anmutig es aussah, als er vom links Richtung Strafraumeck zog und, dort angekommen, den Ball in den rechten oberen Winkel zirkelte, ohne dass der argentinische Torwart, Dibu Martínez, auch nur ansatzweise eine Chance gehabt hätte, den Einschlag zu verhindern. Lopes Cabrales lief los, über die eigene Heldentat erschrocken. Und er ließ sich von keinem Kameraden aufhalten, der ihn verfolgte, um ihn zu umarmen.Sidny Lopes Cabres tat etwas, was man bei dieser WM noch nie gesehen hatte. Er sprang über die Spielfeldumrandung in die Tribüne, lief eine Treppe hinauf und suchte den Bereich ab, der von Menschen mit kapverdischen Trikots bevölkert war. Bis sich eine junge Frau auftauchte wie eine Nixe aus wogender See, auf ihn zustürzte, ihn umarmte, küsste, die Brauen aus ungläubiger Rührung zusammengezogen. Wer die Dame war? Jayley da Cruz, mit der Sidny seit frühester Jugend zusammen ist, und die ihn durch die schlimmsten Tiefen seiner jungen Karriere begleitet hat. Zum Beispiel: Als er in Erfurt für 1000 Euro im Monat kickte und die Fenster seiner Wohnung mit Mülltüten abdecken musste. Jetzt stand er da, 64 000 Augenpaare auf sie gerichtet. Und hegte noch die Hoffnung, Messis WM-Karriere in Miami ein ungeheuerliches Ende zu bereiten.2:3 nach Verlängerung:Die Kapverden bringen den Weltmeister an den Rand des AbgrundsDer Außenseiter verpasst nur knapp die größte Sensation der WM-Geschichte:. Torhüter Vozinha hält erneut überragend, dem ehemaligen Erfurter Lopes Cabral gelingt ein Traumtor.Dieser Kelch ging an den Argentiniern vorbei, die Sensation blieb eine unvollendete. Argentinien schaffte es, zehn Minuten nach dem Ausgleich durch Lopes Cabral (103.) ein drittes und letztes Mal in Führung zu gehen. Das 3:2 von Miami war damit aber nicht nur die Chiffre für den erwarteten Achtelfinaleinzug der Argentinier, sondern auch für den Epilog einer der erstaunlichsten Geschichten der WM-Historie.Fußball-Weltmeisterschaften haben es seit Anbeginn verlässlich geschafft, Länder ins globale Bewusstsein zu rücken. Hätte es Uruguay in der Vorstellungswelt der Menschheit je gegeben, wenn die kleine südamerikanische Republik nicht 1930 die erste WM überhaupt gewonnen hätte? Und wie groß wäre der Anteil der Europäer, die wüssten, dass es einmal ein Land namens Zaire gab und einen von der CIA ermordeten Antikolonialisten namens Patrice Lumumba, wenn sich jetzt nicht die DR Kongo qualifiziert hätte, die einen Lumumba-Imitator im Schlepptau hatte? Die Kapverden toppten das alles noch einmal: Hätte sich Curaçao nicht qualifiziert – ein Team, gegen das die DFB-Vertretung problemlos gewann –, wären die Kapverden der kleinste WM-Teilnehmer gewesen.„Ich hoffe, dass wir zu einer Referenz für andere Länder werden“, sagt Trainer BubistaUnd sie war nicht nur erstaunlich, sondern markerschütternd. „Ich muss jetzt erstmal wieder Boden unter den Füßen bekommen“, sagte Sidney am Samstag einem Vertrauten. Er rechnete ihm vor, dass er vor der Partie 200 Follower bei Instagram gehabt hatte, danach 311 000, Tendenz steigend. Das war eine Zunahme, die nicht ganz so exponentiell geriet, wie sie Torwart Vozinha nach dem Auftaktspiel gegen Spanien erlebt hatte. Dessen „Follower“-Zahlen, die universale Aufmerksamkeitswährung der Gegenwart, hatten innert weniger als 90 Minuten die Millionenmarke überschritten, mittlerweile liegt er bei mehr als 20 Millionen – fünf Millionen mehr als der in etwa gleichaltrige Manuel Neuer. Am Tag danach wollte Lopes Cabral nicht sprechen: „Sag ihnen: Dies ist unvergesslich. Ein unglaublicher Tag“, ließ er ausrichten. Er wolle jetzt auf die Kapverden, ein paar Tage auszuspannen, herunterkommen.„Wir haben die Kapverden auf die Landkarte gesetzt“, sagte Vozinha, der nach dem Spiel nicht nur nach einer historischen Einordnung des Erlebten gefragt wurde, sondern auch nach seiner Großmutter. Sein nom de guerre heißt so viel wie Omalein. Es war fast der einzige Moment, da Vozinha lächelte: „Sie ist nicht mehr bei mir. Aber sie wäre stolz“. Der andere Moment war, als er sich bei den Volunteers und dem Toningenieur bedankte. Was man bei der WM eher nicht sieht, wenn die Ronaldos, Messis oder Kimmichs zur Tür laufen. Apropos Ronaldo: Als Vozinha in der ersten Halbzeit Lautaro Martínez im Strafraum mit einem Haken narrte, hatte er für einen kuriosen Fakt gesorgt: Er hatte mit diesem einen Hüftwackler Cristiano Ronaldo in der Sparte „gelungene Dribblings“ übertroffen.Vozinha pariert in dieser Szene einen Freistoß von Lionel Messi. Rebecca Blackwell/AP PhotoIm Grunde aber verrieten sogar die Falten der sonnengegerbten Haut Vozinhas Melancholie. Sie wollten die WM nicht verlassen, und was niemand für möglich gehalten hatte: Sie spielten, als könnten sie das Achtelfinale, in dem Argentinien nun auf Ägypten trifft, tatsächlich erreichen. Sie verteidigten gut und umsichtig; wenn sie den Ball hatten, war er ihnen kaum zu nehmen. Und sie stemmten sich gegen die Logik, die da besagte, nur Argentinien könne gewinnen. „Wir wussten, dass es schwer werden würde“, sagte Lionel Messi, und das war alles andere als nur so dahingesagt.Messi schoss nach der ersten Trink- und Werbepause das 1:0 (29.), Deroy Duarte glich eine halbe Stunde später aus. Und weil Vozinha sich ein Privatduell mit Messi lieferte und sein Team mit gar nicht mal so vielen, aber teuflischen Paraden rettete, gab es eine Verlängerung. Wieder schien alles auf einen schmucklosen argentinischen Sieg hinauszulaufen: Nach einer Ecke von Messi traf Lisandro „Licha“ Martínez (92.), doch das rief, wie erwähnt, Sidny Lopes Cabral auf den Plan. Sein Tor führt dazu, dass die Fifa die dreistufige Wahl zum Puskas-Preis für das schönste Tor des Jahres (Vorauswahl, Online-Umfrage, Experten-Panel) wohl abkürzen kann. Ob das ein Trost dafür sein kann, dass die WM-Reise der Kapverden nach dem 3:2 für Argentinien, das ebenfalls auf eine Messi-Ecke folgte (113./Eigentor Diney Borges), beendet ist?Vielleicht, ja. „Ich hoffe, dass wir zu einer Referenz für andere Länder werden, die so klein und arm sind wie wir. Wenn wir Schwierigkeiten überwinden können, kann das jeder. Der Fußball gehört allen. Nicht nur den Reichen“, hatte Trainer Bubista im Laufe des Turniers gesagt, und das sind wohl Dinge, die bleiben.