SZ: Herr Lopes Cabral, wie ist es, bei einer WM zu sein, solche Ergebnisse zu erzielen, in Summe: Geschichte zu schreiben?Sidny Lopes Cabral: Ehrlich gesagt habe ich keine Worte, um das Gefühl zu beschreiben, das ich gerade habe. Ich bin so glücklich über die Ergebnisse, die wir erzielen. Wir haben das erste Spiel gegen Spanien 0:0 gespielt, beim 2:2 gegen Uruguay das nächste großartige Spiel geliefert, und dann mit einem weiteren 0:0 gegen Saudi-Arabien die Qualifikation für die nächste Runde geschafft. Die Buchmacher gaben uns eine Ein-Prozent-Chance. Wir haben gezeigt, wie groß ein Prozent sein kann.Ein Prozent kann so groß sein, dass Sie 90 Minuten davon entfernt sind, den Weltmeister Argentinien mit Lionel Messi aus dem Turnier zu werfen. Wird Ihnen schwindelig?Gar nicht. Wir werden versuchen zu gewinnen. Unser Fokus liegt auf uns selbst, auf unserer Art, Fußball zu spielen, auf unserer Struktur, auf unserem Plan.Wie hoch haben Sie selbst denn die Chancen eingeschätzt weiterzukommen?Wir haben jedenfalls nicht in Prozenten gedacht. Als wir irgendwo gelesen haben, dass uns eine einprozentige Chance eingeräumt wurde, haben wir gelacht. Klar, wir sind zum ersten Mal bei einer WM dabei. Aber das heißt auch, dass niemand einschätzen konnte, wozu wir fähig sein würden. Wir haben gezeigt, dass Arbeit auf dem Platz mehr wert ist als Worte.Hat es Ihnen geholfen, als der Außenseiter schlechthin zu gelten?Absolut. Wir holen das meiste aus unserem Spiel und unserem Plan heraus, wenn wir den jeweiligen Gegner spielen lassen und ihm durch Konter wehtun.Gab es im Spiel gegen Spanien einen Moment, in dem Sie dachten: Wir schaffen das, jetzt haben wir sie?Ja. Nach der ersten Halbzeit haben wir alle uns in der Kabine das Gleiche gesagt: „Leute, wir machen ein großartiges Spiel.“ Das hat wirklich jeder bei uns gesagt.Sie wankten nicht einmal, als in der zweiten Halbzeit Lamine Yamal ins Spiel kam – und Ihr Gegenspieler wurde?Für einen Moment dachte ich: „Oh, Shit.“ Aber dann war ich einfach auf mich selbst fokussiert und habe mir gesagt: „Okay, los geht’s, ich teste mich jetzt selbst.“ Am Ende habe ich gar nicht so lange gegen Lamine gespielt, vielleicht fünf oder zehn Minuten; weil ich eine gelbe Karte hatte, wurde ich ausgewechselt. Der Spieler, der für mich reinkam, João Paulo, hat ein großartiges Spiel gemacht. Auch das hat gezeigt, dass wir eine gute Mannschaft sind.Sind die vermeintlich großen Teams und Fußballer am Ende gar nicht so groß?Doch, doch, sie sind groß! Das ist die Wahrheit. Und das merkt man auch. Sofort. Lamine Yamal kommt rein – und das ganze Stadion ist lauter als vorher. Aber dass wir es mit einer guten Mannschaftsleistung geschafft haben, einen Punkt zu holen, hat uns selbstbewusster gemacht. Schon gegen Uruguay, als es vom Spielverlauf her schwieriger wurde. Wir waren 1:0 in Führung gegangen, dann haben wir aber zwei Tore in fünf Minuten kassiert. Nach der Halbzeit sind wir zurückgekommen. Wir waren nah dran, das Spiel zu gewinnen.Kapverden bei der WM 2026:Selbst in Brooklyn kennen sie jetzt Vozinhas MutterDie WM hat ihren Weltmeister der Herzen: Die Kapverden ziehen sensationell in die K.-o.-Runde ein. Beim Fußballschauen in einer kapverdischen Kneipe in New York feiern längst nicht nur Fans in Hai-Kostümen den Außenseiter.Wie müssen wir uns die Stimmung in Ihrem Teamcamp in Florida vorstellen?Als sehr gut. Wir tanzen viel, haben Spaß, lachen zusammen, verbringen viel Zeit miteinander. Es fühlt sich manchmal wie Urlaub an. Natürlich trainieren wir hart, aber außerhalb des Trainings sind wir eine Familie.Haben Sie Ihre WM-Spiele auch genießen können?Offen gesagt habe ich im ersten und zweiten Spiel überhaupt nichts genossen. Erst im dritten habe ich gemerkt, wie schön und groß eine WM ist. Ich durfte wegen einer Gelbsperre nicht spielen, und als ich auf der Tribüne saß, war ich so gerührt, dass ich fast geweint hätte.Das klingt fast so, als würden Sie in der nächsten Partie lieber nicht auf dem Platz stehen.Natürlich möchte ich spielen! Hören Sie doch zu! Ich war auf der Tribüne nervös wie noch nie in meinem Leben. Nicht einmal bei meinem Spiel mit Benfica gegen Real Madrid im Estadio Santiago Bernabéu oder bei meinem WM-Debüt gegen Spanien.Nach dem Spiel werde ich genießen können, gegen Messi gespielt zu haben. Ich hoffe, ich bekomme ein paar schöne Fotos mit ihm.Sidny Lopes CabralWas richtet der Gedanke, auf Lionel Messi zu treffen, bei Ihnen an?Ich konzentriere mich nie auf den Gegner. Wenn du nur daran denkst, dass du gegen Messi spielst, verlierst du deinen Kopf. Natürlich wird es Momente geben, in denen Messi den Ball hat und ich denke: „Ich spiele gegen Messi!“ Aber das Wichtigste ist, uns auf uns zu konzentrieren.Ist es das, was Ihnen Ihr Trainer Bubista sagt?Ziemlich genau, ja. Er betont, dass wir ein Team, eine Familie sein müssen. Und dass es nicht um Namen geht. Es ist elf gegen elf. Er sagt uns, dass wir an uns glauben sollen, an unsere Spieler und an unseren Plan.Was ist denn der Plan, um eine Mannschaft wie Argentinien zu schlagen und einen Spieler wie Messi zu stoppen?Darüber möchte ich lieber nicht sprechen.Was denken Sie persönlich über Messi, der schon ein Weltstar war, als Sie noch ein Kind waren?Wenn ich dieses Spiel nicht spielen würde, würde ich tun, was Sie tun: viele Fragen über Messi stellen. Aber ich muss mich auf mich selbst konzentrieren. Nach dem Spiel werde ich genießen können, gegen ihn gespielt zu haben. Ich hoffe, ich bekomme ein paar schöne Fotos mit ihm.Haben Sie denn Routinen, die helfen, sich zu konzentrieren?In der Freizeit sind wir viel zusammen, spielen Spiele oder schauen andere WM-Partien. So haben wir gar nicht so viel Zeit, über das Spiel nachzudenken. Ansonsten ist alles sehr eng getaktet: Wir stehen auf, frühstücken und gehen zum Training. Wir schauen Videos, studieren, wie der Gegner spielt und wie wir spielen wollen. Danach essen wir gemeinsam, gehen zur Massage und kümmern uns um unseren Körper.Stimmt es, dass Sie als Kind eher Ronaldo-Fan als Messi-Fan waren?Ja. Aber ich bin auch inspiriert von Messis Talent. Was er kann, kann niemand sonst. Er ist der Einzige, der erst acht Spieler ausspielen und dann ein Tor schießen kann.Ihr Torwart Vozinha, der mit 40 Jahren zu einem der Shooting-Stars der WM geworden ist, dürfte etwas dagegen haben. Haben Sie erwartet, dass er eine solche WM spielt?Ich kannte seine Qualität, er hat sie immer gezeigt. Auch vor dem Turnier war er stark. Er ist ein großartiger Mensch und eine tolle Persönlichkeit. Ich bin einer der Jüngsten im Team – und er war immer da, wenn man ihn brauchte. Er macht Witze, sorgt für Stimmung. Er macht manchmal verrückte Sachen. Wie Torhüter halt so sind!Ist er der Lustigste?Das ist eher Gilson Benchimol Tavares. Neulich haben wir alle herumgetanzt, und da war dann eine Lady mit einem Hund im Arm. Da ist er einfach hin, hat ihr den Hund abgenommen – und hat mit dem Hund weitergetanzt.Härtetest gegen Lamine Yamal: Lopes Cabral (rechts) versucht, den spanischen Wirbelwind zu bremsen, das WM-Gruppenspiel endet 0:0. Jacob Kupferman/APSie sind in Rotterdam zur Welt gekommen, haben in der Stadt die Jugendabteilungen der Klubs Sparta und Feyenoord durchlaufen. Wie sind Sie zum Nationalteam der Kapverden gekommen?Ich habe immer davon geträumt, für mein Land zu spielen. Ich liebe die Kapverden. Das Land hat einen großen Platz in meinem Herzen. Ich war als Kind jedes Jahr im Sommer dort, auf Santiago, der Hauptinsel, von der mein Vater stammt. Meine Mutter kommt von São Vicente. Sie sind beide mit 17 Jahren in die Niederlande gegangen – und haben sich dort kennengelernt.Im Kader gibt es mehr Spieler aus Rotterdam als aus der kapverdischen Hauptstadt Praia.Weil es in Rotterdam eine große kapverdische Community gibt. Es gibt Stadtviertel, in denen fast nur Kapverdier leben. Für mich war es schön, dort aufzuwachsen, weil ich viele kapverdische Freunde und Familienangehörige habe.Wann beschlossen Sie, Profifußballer zu werden?Ich wollte das immer schon. Ich habe meiner Mutter gesagt: „Ich werde Profi, und du musst dann nicht mehr arbeiten.“ Selbst als ich (ab Februar 2022; Anm. d. Red.) in der fünften Liga in Deutschland bei Rot-Weiß Erfurt gespielt habe, sagte ich ihr immer, dass sie sich keine Sorgen machen solle, dass ich für sie sorgen würde.Sie haben nie gezweifelt?Nie. Ich habe immer gewusst, dass ich es nach ganz oben schaffen werde. Ich habe es meiner Familie, meiner Freundin, meinen Brüdern, meiner Mutter und meinen Freunden immer wieder gesagt. Und jetzt lebe ich tatsächlich meinen Traum.Was sagen Ihre Freunde heute?Früher haben sie mich für verrückt gehalten. Ich habe über Training gesprochen, sie über Partys. Natürlich bin ich auch mal ausgegangen, aber am nächsten Tag war ich wieder auf dem Platz. Manchmal bin ich um drei oder vier Uhr morgens nach Hause gekommen und war um zehn Uhr schon wieder beim Training. Heute sagen sie: „Du hast es geschafft. Du warst verrückt – aber im richtigen Sinne.“Wie war Ihre Zeit in Deutschland, die Sie eben ansprachen? Sie kamen als 19-Jähriger aus Helsingborg in Schweden.Am Anfang war es sehr schwer. Ich habe die ersten sechs Monate jeden Tag geweint. Jeden Tag. Ich wollte zurück in die Niederlande. Mein erstes Training war im Winter, es regnete, es schneite, und ich musste in kurzer Hose, einem T-Shirt und einer Regenjacke trainieren. Ich habe so gefroren, dass ich dachte, ich würde krank. Meine Wohnung war leer. Ich hatte keine Möbel, als Vorhänge habe ich Müllsäcke benutzen müssen. Ich wollte wirklich nach Hause. Erst als wir aufgestiegen sind, wurde alles etwas besser.WM-Historie:Wie man (wahrscheinlich) Weltmeister wirdStark verteidigen, schon zum Turnierstart in Top-Form sein – und es nicht aufs Elfmeterschießen ankommen lassen: Sieben Erkenntnisse aus den Statistiken aller Fußball-Weltmeisterschaften.Sie sagten, Sie wollten Ihrer Mutter helfen. War Ihre Familie in finanziellen Schwierigkeiten in Rotterdam?Nein. Aber meine Mutter und mein Vater haben immer sehr viel arbeiten müssen. Sie waren kaum zu Hause. Ich bin zur Schule gegangen und danach direkt zum Training, also war ich auch immer spät zu Hause. Wie mein Bruder, der auch Profifußballer war.Dürfen wir fragen, wie viel Geld Sie in Erfurt verdient haben?Rund tausend Euro im Monat.Und da gab es keinen Moment, der Sie denken ließ: Ich schaffe das nicht?Ich habe nie so gedacht. Ich habe immer an mir gearbeitet. Wenn wir nachmittags Training hatten, bin ich morgens ins Fitnessstudio gegangen. Nach dem Training habe ich Extraübungen gemacht – Schüsse, Flanken, Läufe, alles. Wenn ich zurückblicke, war diese Zeit sehr wichtig. Deutschland hat mich mental stark gemacht. Jetzt habe ich das Gefühl: Nichts kann mich mehr brechen.Aus Erfurt sind Sie nach Köln zum FC Viktoria gewechselt.Ich hatte auch in Erfurt schöne Momente. Aber in Köln war alles besser – die Bedingungen, das Niveau, die Liga, das Geld. In Erfurt habe ich viel gelernt. Der Trainer – Fabian Gerber, der Sohn von Franz Gerber – ist ein großartiger Mensch, er hat mir sehr geholfen. So ein Glück hatte ich in Köln durch Trainer Olaf Janßen dann auch. Ein Super-Trainer.Weniger in Erfurt selbst, aber bei Spielen kam es vor, dass ich rassistisch beleidigt wurde, zum Beispiel gegen Jena.Sidny Lopes CabralDann wechselten Sie von Köln zu Estrela Amadora in Portugal – und schlugen dort derart ein, dass Trainer José Mourinho sie zu Benfica holte … Plötzlich spielten Sie Champions League statt dritte Liga.Richtig.Eines dieser Champions-League-Spiele führte zu einer Regeländerung, die auch diese WM prägt: Spieler, die sich die Hand vor den Mund halten, um einen Gegner zu beleidigen, sehen nun die rote Karte. Eine Folge des Vorfalls zwischen Gianluca Prestianni und Vinícius Jr. beim Spiel zwischen Benfica und Real.Ich habe nicht alle Details mitbekommen, weil ich auf der Bank saß. Aber was passiert ist, hätte nie passieren dürfen.Hat Rassismus auch Ihren Weg schwieriger gemacht?Ja. Fußball sollte Spaß machen. Rassismus nimmt diesen Spaß weg.Mussten Sie Erfahrungen mit rassistischen Zwischenfällen machen?Ja. Leider. Weniger in Erfurt selbst, aber bei Spielen kam es vor, dass ich rassistisch beleidigt wurde, zum Beispiel bei einem Spiel gegen Jena. Die Menschen in Deutschland wissen sicher, dass einige Fußballfans in ihrem Land sehr, sehr rassistisch sind.Einige niederländische Spieler wurden nach ihrer Niederlage gegen Marokko rassistisch beleidigt. Und auch die deutsche Nationalelf fühlte sich nach dem Aus gegen Paraguay gezwungen, sich gegen rassistisch motivierte Anfeindungen zur Wehr zu setzen.Es ist schlimm, dass das im Jahr 2026 immer noch passiert. Spieler vertreten ihr Land und werden trotzdem so behandelt. Das ist nicht akzeptabel. Ich habe nach der Situation mit Vinícius etwas Ähnliches durchmachen müssen. Man hat mich in vielen Nachrichten beleidigt, auch rassistisch beschimpft, Affe genannt. Ich habe irgendwann mein Handy ausschalten und die Kommentarfunktion unter meinen Posts deaktivieren müssen.Ihnen wurde unterstellt, Sie hätten das Trikot mit Vinícius getauscht …… was nicht stimmte.Dennoch erwuchs daraus der Vorwurf, Sie seien gegenüber Benfica illoyal gewesen. Es heißt, dass das der Grund war, warum Sie Benfica nach nur einem halben Jahr verlassen und bei Trabzonspor unterschrieben haben.Auch das stimmt nicht. Gegen Ende der Saison habe ich auf vielen Positionen spielen müssen. Ich wollte Spielpraxis haben – und einen fixen Platz.„Deutschland hat mich mental stark gemacht“: Der Weg von Sidny Lopes Cabral führte über die Regionalliga Nordost und Rot Weiss Erfurt. Damals gegen ZFC Meuselwitz (oben) - und nun gegen Messi. Sascha Fromm/Funke Foto Servie/ImagoWie war es, mit Mourinho zusammenzuarbeiten?Er ist besonders. Er sagt dir, wenn du scheiße gespielt hast. Er sagt, dir, wenn du gut warst. Ich glaube, er ist die ehrlichste Person, die ich je getroffen habe. Deswegen war ich sehr stolz, als er mir nach den Spielen gegen Spanien und Uruguay Nachrichten geschickt hat: „Glaub weiter an dich!“Sie haben von einer WM geträumt – und sind jetzt dabei. Wovon träumen Sie noch?Davon, in der Premier League zu spielen. Ich liebe diese Liga – das Niveau, die Intensität.Haben Sie einen Lieblingsverein in der Premier League?Ich mag Manchester City. Ich liebe sie.Ihr Lieblingsspieler?Jérémy Doku.Hatten Sie als Kind ein Idol?Den Brasilianer Marcelo.Hatten Sie je Kontakt zu ihm?Niemals direkt. Aber er ist ein guter Freund meines besten Freundes. Den habe ich gebeten, mir ein Trikot von Marcelo zu besorgen. Er hat es geschafft. Aber sein Bruder hat es irgendwo verloren. Ich war wirklich sehr sauer. Und bin es immer noch.Sie haben jetzt die Chance, vielleicht ein Trikot von Messi zu bekommen.Ich will ein Trikot von Marcelo.Haben Sie denn das Trikot von Lamine Yamal bekommen?Nein. Ich habe nach dem Spiel gegen Spanien kein Trikot getauscht. Mein Debüt-Trikot werde ich meiner Tante geben, das andere will ich behalten.Und wer wird Weltmeister?Ich hoffe wir, die Kapverden.