Todesschüsse von Stade: Der Täter wurde in der Türkei wegen Pädokriminalität gesucht – davon wussten die deutschen Behörden nichtsEin türkischstämmiger Familienvater erschiesst im Streit um das Sorgerecht für seine Tochter sechs Menschen in einer Einrichtung der Jugendhilfe in Stade. Der Streit offenbart Versäumnisse im Informationsaustausch zwischen der Türkei und Deutschland.04.07.2026, 15.53 Uhr3 LeseminutenBei dem Amoklauf eines türkischstämmigen Familienvaters in Stade wurden sechs Menschen getötet.APDer 45-jährige Todesschütze, der am vergangenen Montag in einer Einrichtung der Jugendhilfe im niedersächsischen Stade sechs Sozialarbeiter erschoss, hat eine kriminelle Vergangenheit in der Türkei. Das berichtet die Zeitung «Bild» unter Berufung auf Informationen und Unterlagen des türkischen Justizsystems. Demzufolge ermitteln die Behörden dort gegen den 1981 in Deutschland geborenen Türken wegen des Verdachts auf ein schweres Sexualdelikt, das er dort 2007 begangen haben soll. Weitere Ermittlungen gegen ihn betreffen den Verdacht auf sexuellen Missbrauch seiner Tochter im Jahr 2022.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Täter war bereits drei Mal verheiratet, hatte sich aber immer wieder von seinen Ehefrauen scheiden lassen. 2021 sass er in der Türkei wegen eines weiteren Delikts in Untersuchungshaft. Damals konnte er jedoch aus dem Gefängnis ausbrechen, wie die «Bild»-Zeitung berichtet.Seither befindet er sich auf der Flucht. Die türkischen Behörden fahnden bis heute nach ihm. Die Staatsanwaltschaft in Stade habe nichts von der kriminellen Vorgeschichte des Todesschützen in der Türkei gewusst, schreibt die «Bild»-Zeitung. Der Informationsaustausch zwischen den Strafverfolgungsbehörden in der Türkei und Deutschland gelte als schwierig.Illegaler Waffenkauf in BerlinZurzeit sitzt der Todesschütze in Deutschland wegen des Verdachts auf sechsfachen Mord aus Heimtücke und niederen Beweggründen in Haft. Zum Zeitpunkt der Tat befand sich seine Lebensgefährtin mit dem gemeinsamen Baby in einer Mutter-Kind-Wohngruppe in der Jugendhilfeeinrichtung in Stade. Hintergrund der Tat ist ein Streit um das Sorgerecht für das gemeinsame Kind, den der Täter und seine Lebenspartnerin mit den Behörden in der Region Hannover führen.Das Jugendamt hatte die Inobhutnahme des Babys und die Trennung von seinen Eltern angeordnet, weil es den Verdacht auf körperliche Misshandlung hegte. Auf Anordnung eines Familiengerichts wurde das Baby jedoch in dem Mutter-Kind-Heim unter Aufsicht wieder mit der Mutter zusammengeführt.Im April hatten die Eltern ihr Baby in die Notaufnahme der Medizinischen Hochschule Hannover gebracht, weil es sich erbrochen hatte. Die Ärzte vermuteten ein Schütteltrauma und verständigten die Behörden. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover wegen des Verdachts auf Körperverletzung.Zwei Wochen vor der Bluttat in Stade soll der Todesschütze die Tatwaffe vom Typ Beretta illegal in Berlin gekauft haben, berichtet die Zeitung «Die Welt». Dies könnte darauf hindeuten, dass er die Tat von langer Hand geplant hat.Nach den tödlichen Schüssen auf die Mitarbeiter der Einrichtung hatte der Schütze versucht zu fliehen. Am Steuer des Fahrzeugs befand sich eine Sozialberaterin, die sich selbst als «Patentante» des gemeinsamen Kindes des Täters und seiner Lebenspartnerin bezeichnet. Die Polizei konnte die Flucht jedoch verhindern.Personelle Verbindungen zur SPDDie Sozialberaterin hatte wenige Tage vor der Bluttat einen zwanzigseitigen Brief an mehrere Redaktionen in Norddeutschland verschickt. Darin warf sie den Ärzten der Klinik, die das Baby des Täters und seiner Partnerin behandelt hatten, sowie den Behörden vor, den Eltern übel mitzuspielen.Welche Rolle die Sozialberaterin und die Mutter des Kindes in dem Drama spielen, ist noch unklar. Nach Angaben der «Bild»-Zeitung ermittelt die Staatsanwaltschaft Stade auch gegen die beiden Frauen wegen des Tatvorwurfs des Mordes.In den vergangenen Tagen war bekannt geworden, dass die Sozialberaterin die Schwiegermutter des SPD-Landtagsabgeordneten Deniz Kurku ist. Kurku ist ehrenamtlicher Beauftragter des Landes Niedersachsen für Migration und Teilhabe. Er hat die SPD-Fraktion im Landtag über seine familiären Verbindungen zu der Sozialberaterin informiert. In einer offiziellen Stellungnahme betonte er, im Vorfeld nichts von der Tat gewusst zu haben.Die SPD bezeichnete Kurku als «hoch anerkannt», seine Verbindungen zu der Bluttat in Stade hätten keine Auswirkungen auf sein Amt.Passend zum Artikel