Das Tennisturnier in Wimbledon ist anders als alle anderen, das fängt schon beim Hauptstadion an, das puristisch nur Centre Court heißt und nicht „Rod Laver Arena“, Court Philippe-Chatrier oder Arthur-Ashe-Stadium wie in Melbourne, Paris und New York. Andy Murray, den man als zweimaligen Champion im All England Lawn Tennis and Croquet Club (AELTC), vor allem aber als weisen Mann seines Sports nicht genug würdigen kann, sagte einmal wunderbar über die berühmteste Tennisbühne der Welt: „Der Center Court ist nicht immer der lauteste, aber er fühlt sich am lautesten an – weil die Stille, wenn du spielst, so unglaublich ist.“ Manchmal wird diese Stille durchbrochen – von lautem Ploppen. Die Schiedsrichter sind dann angehalten, das Publikum mit britischem Feinsinn zu ermahnen: „Meine Damen und Herren, bitte lassen Sie keine Champagnerkorken knallen, während die Spieler zum Aufschlag ansetzen.“Die Geschichte dieser Veranstaltung ist überall spürbar. Hinter dem Centre Court steht die Fred-Perry-Statue, die einen der besten Spieler der Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts würdigt. Die Menschen stehen für einen Schnappschuss an. An Court 18 ehrt eine Tafel das irrste Match, das je in Wimbledon stattfand. 2010 gewann der US-Amerikaner John Isner 70:68 im fünften Satz gegen den bemitleidenswerten Franzosen Nicolas Mahut. Die Partie zog sich über drei Tage, dauerte 11:05 Stunden, 123 Bälle wurden verbraucht. Heute verhindert ein Tiebreak bis zehn Punkten im Entscheidungssatz solche Längen.Last 8 Club in Wimbledon:Verborgene Oase neben Gate 5Engländer lieben elitäre Clubs. Auch in Wimbledon findet sich eine Ruhezone, in die man sich mit keinem Geld der Welt, sondern nur mit Siegen Zutritt verschaffen kann: der Last-8-Club. Ein Gastbesuch.Schon der Anfang der Veranstaltung, bis heute ohne Werbebanner auf den Plätzen, ist legendär. Der „All England Croquet Club“, wie er 1877 hieß, hatte Geldnot, aufgrund einer offenen Rechnung von zehn Pfund konnte die gebrochene Achse der einzigen Rasenwalze nicht repariert werden. So wurde ein Turnier ins Leben gerufen, Nenngeld: ein Pfund und ein Shilling. Zuschauer sollten auch zahlen. Spencer Gore hieß der erste Sieger, angeblich besiegte er auf spektakuläre Art im Finale, das wegen Regens verschoben wurde, William Cecil Marshall – mit Volleys von der Grundlinie. 20 Pfund brachte das Turnier dem Klub ein. Die Walze hat heute einen Ehrenplatz, bei Court 14.Der Mythos Wimbledon entstand, weil auf jedes Detail geachtet wird; jedes Detail ist eine Erzählung wert – und eine Auflistung im „Wimbledon Compendium“. Alles wird darin vom Klub dokumentiert. Turniere ohne einen Moment Regenunterbrechung? Kurz nachgeblättert: 1922, 1931, 1976, 1977, 1993, 1995, 2009, 2010. Der Rasen der 18 Championship Courts ist eine Wissenschaft für sich. Untersuchungen hätten ergeben: Acht Millimeter Höhe sei perfekt für die Kombination aus täglicher Nutzung sowie Langlebigkeit. Überhaupt: Wimbledon ist das einzige Grand-Slam-Event, das auf einem lebenden Organismus stattfindet. Und zwar seit 2001 auf hundertprozentigem Perennial Ryegrass (Weidelgras).Der Wüstenbussard, der Tauben verjagt, ist auch nicht einfach ein Wüstenbussard. Es ist Rufus the Hawk, mit eigenem Instagram-Kanal. Die Erdbeeren sind nicht Erdbeeren. Sie sind Kult. Sie werden abends geerntet, damit sie so frisch wie möglich sind. 2,5 Millionen gehen weg. Wer sie im Garten züchten will: Die Sorte ist Grade I Kent Strawberries. Auch einmalig: der Pimm’s, ein Drink auf Gin-Basis. Man trinkt ihn gern auf dem Hügel, der wiederum nicht einfach Hügel heißt. Er heißt Henman Hill, benannt nach dem früheren britischen Spieler Tim Henman.Der Anzug des Italieners Matteo Berrettini war lediglich in gebrochenem Weiß gehalten – da hört der Spaß aufDen 51-jährigen Henman sieht man manchmal von hier nach da schreiten, er arbeitet für die BBC, aber auf keinen Fall sollte man zu ihm rennen. Rennen ist verpönt („do not run!“). Sonst kommen die Ordner, die nicht Ordner heißen, sondern Steward, Begleiter. Für Betuchte: Man kann Anleihen kaufen, Debentures. Das Geld verwendet die Gesellschaft des All England Lawn Tennis Ground für Investitionen und den Ausbau der Anlage, als Gegenleistung erhält man Karten, die kaum zu bekommen sind.Außer man ist Wimbledon-Mitglied. Die Jahresgebühr beträgt 150 Pfund. Ein Schnäppchen, ja. Aber Hoffnungen, aufgenommen zu werden, muss sich niemand machen. Der frühere Club-Chef Richard Lewis sagte der SZ einmal: Der einfachste Weg, Mitglied zu werden, sei, das Turnier zu gewinnen. Kleine Anekdote dazu: Als sich der achtmalige Turniersieger Roger Federer bei einem privaten Besuch in Wimbledon nicht als Mitglied ausweisen konnte, ließ ihn die Security zunächst nicht in den Klub. Dabei hatte er versichert: Drinnen hängen Fotos von mir, mit Pokal! Das war dem Pförtner offenbar egal. Kann ja jeder sagen.Laufsteg oder Tenniscourt? Für die Japanerin Naomi Osaka ist der Rasen in Wimbledon beides. Henry Nicholls/AFPDie Kleiderordnung, 1963 installiert, greift heute noch, 1995 wurde sie sogar verschärft, in „fast ganz in Weiß“. 2015 trug die Kanadierin Eugenie Bouchard einen schwarzen BH. Kam nicht gut an. Neuerdings laufen viele Profis mit Designerstücken ein; Jannik Sinners Auftritt mit Gucci-Täschchen 2023 setzte den Trend, dieses Jahr betritt die Japanerin Naomi Osaka jedes Mal den Platz so, als wäre sie auf dem Laufsteg. Ihr Kimono aber war regelkonform in Weiß gehalten.Der Italiener Matteo Berrettini wiederum wollte es dem US-Amerikaner Taylor Fritz gleichtun und in einem Anzug eines schwäbischen Einkleiders einlaufen, der die beiden ausstattet. „Wimbledon hat ihn abgelehnt“, verriet der Italiener nach seinem Zweitrundensieg gegen den Franzosen Arthur Fils. „Es war nicht weiß genug. Es war eher ein gebrochenes Weiß.“ Da hört der Spaß auf. Immerhin eine Kulanzregel führte Wimbledon ein: Frauen, die ihre Menstruation haben, dürfen mittel- oder dunkelfarbene Unterhosen tragen.An anderer Stelle sind die Ausrichter weniger kulant. Die Weltranglistenerste Aryna Sabalenka besitzt einen Cavalier-King-Charles-Spaniel-Welpen namens Ash, die Belarussin appellierte am Mittwoch: „Wimbledon, bitte, ich flehe euch an: Lasst die Hunde hinein!“ Bei den French Open kürzlich waren Vierbeiner erlaubt, das Turnier stellte sogar einen Hunde-Concierge zur Verfügung. Sabalenka sollte nicht damit rechnen, dass Wimbledon einknickt. In den Aufenthaltsregeln steht explizit: „Hunde dürfen von niemandem auf das Gelände des AELTC mitgebracht werden, mit Ausnahme von Assistenzhunden.“ Dass im Hundeland England das so gehalten wird, sagt viel aus über Wimbledon. Es ist eben eine eigene Welt an der Church Road in London, SW19 5AG.