Wer dann und wann in Wimbledon vorbeischaut, könnte die Selbstbeherrschung der Einheimischen beeindrucken. Sie stehen geordnet in der Schlange um Eintrittskarten an, schauen auf dem Centre Court still zu und applaudieren, wenn es sich gehört. Schnelle Fortbewegung ist auf der Anlage unerwünscht – „um die Sicherheit aller nicht zu gefährden“.Die englische Disziplin hat aber Pause, wenn der letzte Hoffnungsträger der stolzen Tennisnation auf dem Rasenplatz steht. Als Arthur Fery, der vor dem Turnier vermutlich sogar den meisten Briten unbekannt war, am Samstag auf Platz 18 ins Achtelfinale einzog, war die Stimmung nicht gediegen, sondern ging eher ins Ballermannhafte.Die Zuschauer johlten, sangen „Here comes the Ferry“ und machten dazu Geräusche, als ob ein Fährmann den anderen grüßen würde. Den unterlegenen Belgier Zizou Bergs machte der Rummel kirre, er tickte zwischendrin aus, zumal Fery in entscheidenden Phasen auch noch Nasenbluten bekam. Das Spiel musste unterbrochen werden, ebenso wie Ferys vorangegangene Matches aus demselben Grund. „Ich kann verstehen, dass es frustrierend für den Gegner ist, wenn das Momentum weg ist und er warten muss“, sagte der Sieger, der an diesem Montag im Achtelfinale auf den Bulgaren Grigor Dimitrow trifft: „Aber ich kann nichts dagegen tun.“Fery hat nicht nur einiges im Kopf, sondern auch in den BeinenArthur Fery, auf Platz 114 der Weltrangliste geführt und wie der nette Herr Dimitrow nur dank einer Wildcard des Wimbledon-Veranstalters am Start, blieb selbst im Tunnel. Wie zwei Tage zuvor, als die Herzogin von Wales während seines Matches erschien und der Dreiundzwanzigjährige keine Notiz davon nahm. „Ich gehöre nicht zu den Spielern, die während des Matches viel mit dem Publikum interagieren“, sagte er nach seinem Fünfsatzsieg über Bergs. „Ich versuche, mich innerlich zu sammeln, was schwierig genug ist.“ Ruhe bewahren und weitermachen – das englische Motto hat Fery verinnerlicht.Die Briten sind begeistert und stören sich auch nicht daran, dass ihr aktueller Tennisnationalheld nur französisches Blut in sich hat. Seine Mutter Olivia Féry war früher Tennisprofi, sein Vater Loïc Féry ist in der Finanzbranche und Präsident des FC Lorient aus der ersten französischen Fußball-Liga. Geboren wurde Sohn Arthur in einer Vorstadt von Paris in der Nähe von Roland Garros; aufgewachsen ist er in der Umgebung des Londoner All England Club. Studiert hat er danach an der US-Universität Stanford und dort bis vor drei Jahren erfolgreich Collegetennis gespielt.Am Samstag zeigte Fery, dass er nicht nur einiges im Kopf hat, sondern auch in den Beinen. „Das längste Match, das ich je gespielt habe, zum ersten Mal in die Top 100 vorgestoßen, die zweite Woche in einem Grand-Slam-Turnier, und das nur fünf Minuten davon entfernt, wo ich aufgewachsen bin – eine großartige Geschichte für mich“, sagte Fery nach seinem Drittrundenspiel gegen den 37. der Weltrangliste.Ob nach dem 4:37 Stunden dauernden Match noch die Kraft reicht für das Duell mit dem Routinier Dimitrow? „Ich bin mir sicher, ab einem bestimmten Punkt wird es mich umhauen“, sagte Fery. „Aber im Moment fühle ich mich großartig.“ Sogar die Briten sind mehr als amüsiert. Das schafft nicht jeder geborene Franzose.
Wimbledon 2026: Arthur Fery steht als letzter Brite im Achtelfinale
Der in Frankreich geborene Arthur Fery ist in Wimbledon die letzte britische Tennishoffnung. Vor dem Rasenklassiker dürfte er den wenigsten ein Begriff gewesen sein. Nun amüsiert er selbst die diszipliniertesten Briten.










