Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter endet mit einer überraschend scharfen Pointe: Es geht nicht um ein bisschen Nächstenliebe oder Solidarität als Christenpflicht. Vielmehr wird es zum Maßstab meiner Gottesbeziehung, dass ich mich notleidenden Menschen mit vollem Einsatz zuwende. Als Christinnen steht für uns fest: Jeder Mensch ist ein Mitmensch. Alle Menschen verdienen Zuwendung und Hilfe in Notlagen, ohne Ansehen der Person. „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“ (2 Korinther 9,7)Die Weltpolitik funktioniert nach anderen Maßstäben. Globale Entwicklungszusammenarbeit folgt immer auch staatlichen Zielen. Im besten Fall ergibt sich eine pragmatische Allianz von Nächstenliebe und Stabilisierungsinteressen. Wir sind besorgt, dass dieser Nexus aktuell aus dem Blick gerät. Kurzfristiger Eigennutz verdrängt nachhaltigkeitsorientiertes Kooperationsstreben. Internationale Hilfswerke trifft dieser Rückwärtsgang existenziell: Die Vereinigten Staaten von Amerika haben ihre Entwicklungsbehörde USAID in kürzester Zeit abgewickelt – eine Institution, die weltweit im täglichen Kampf um sauberes Wasser, Nahrung und Medizin die größten Mittel zur Verfügung gestellt hat.Deutschland kürzt zum fünften Mal in FolgeAuch Deutschland vermindert seinen Beitrag. Zum ersten Mal seit 30 Jahren fehlt im Koalitionsvertrag das international vereinbarte Ziel, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens in Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe zu investieren – zum fünften Mal in Folge wird hier gekürzt. Eine Studie der Entwicklungsorganisation ONE zeigt: Die reichsten OECD-Länder mobilisieren für Verteidigung siebenmal so viel wie für Diplomatie und Entwicklungszusammenarbeit zusammen – ein Missverhältnis, das die unbestrittene Relevanz aller drei Bereiche für Sicherheitsfragen gewiss nicht angemessen spiegelt.Anna-Nicole Heinrich ist Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. (Aufnahme von der EKD-Synode 2024 in Würzburg)dpaDie über Jahre mühsam aufgebaute internationale Ordnung, die auf Multilateralismus und Völkerrecht basiert, muss uns mehr wert sein. Der Erfolg von Entwicklungszusammenarbeit ist messbar. Sie ist mitverantwortlich für riesige Fortschritte, die aber öffentlich allzu oft unsichtbar bleiben, weil sie über große Zeiträume erreicht werden: Entwicklungszusammenarbeit hat in den vergangenen Jahrzehnten Millionen Menschenleben gerettet und unzählige Lebenssituationen verbessert.Der pragmatische Wert der NächstenliebeFrüher kam eine HIV-Infektion einem Todesurteil gleich. Heute haben Millionen Menschen Zugang zu Medikamenten, die bezahlbar sind, auch in ärmeren Ländern. Dank internationaler Impfprogramme ist Polio heute nahezu ausgerottet. Die Zahl der Todesfälle durch Tuberkulose und Malaria ist drastisch gesunken, allein im Jahr 2024 konnten durch Deutschlands Unterstützung 1,7 Millionen Menschen geimpft werden. Deutschland gehört zu den größten Gebern für diese Initiative, eine der wirksamsten Investitionen der deutschen Entwicklungspolitik überhaupt.Irme Stetter-Karp ist Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (Aufnahme aus dem Mai beim Abschluss des 104. Katholikentages in Würzburg)dpaImmer mehr Menschen haben Zugang zu sauberem Wasser, die Kindersterblichkeit hat sich mehr als halbiert. Die Entwicklungszusammenarbeit hat Armut verringert, Konflikte gewaltlos bearbeitet, den Naturschutz gestärkt und die Gleichberechtigung der Geschlechter gefördert. Millionen Kinder, selbst solche, die im Krieg aufwachsen, können zum ersten Mal eine Schule besuchen – vor allem Mädchen.Deutschland hat mit seinen Investitionen zu diesen Erfolgen maßgeblich beigetragen. Darauf dürfen wir stolz sein. Gleichzeitig gilt es, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Die aktuelle Haushaltspolitik der Bundesregierung setzt den Rotstift an. Der Entwicklungsetat und die Ausgaben für humanitäre Hilfe werden zu Einsparstellen. Verliert die Politik ihr Gespür für den pragmatischen Wert der Nächstenliebe?Als Christinnen können wir den Anspruch auf praktizierte Barmherzigkeit nicht relativieren. Unsere Hoffnung ist, dass Herausforderungen wie die knappe Haushaltslage den politisch Verantwortlichen nicht den Blick auf den Mehrwert verstellen, den diese Haltung in sich birgt. Gerade Deutschland kann ein international verantwortungsvoller Gegenpol zu einer selbstzentrierten Politik sein, wie wir sie derzeit nicht nur in Washington erleben.Eine Trendwende auf internationaler Ebene bedarf einer Veränderung in unserem eigenen Handeln. Wir appellieren im Interesse einer nachhaltigen Politik, weiterhin die notwendigen Mittel für funktionierende Entwicklungszusammenarbeit aufzubringen. Weltweite Kooperation bedarf eines ausreichend großen und verlässlichen Engagements. Auch ein Haushaltsplan zeichnet ein Menschenbild. Wer ihn entwirft, muss sich fragen lassen: Wer ist dein Nächster? Und: An wem gehen wir vorbei?