Weniger Geld, mehr politische Einmischung: Zum 250-Jahr-Jubiläum hat Amerika als Wissenschaftsnation nichts zu feiernDie Regierung in Washington führt einen Feldzug gegen die Universitäten und setzt damit Wohlstand und globalen Einfluss aufs Spiel. Derweil holt China in der Forschung rasch auf.04.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZ«Es ist schlimm», sagt Cole Donovan auf die Frage nach dem derzeitigen Zustand der Wissenschaft in den USA. Donovan blickt auf eine lange Karriere in wissenschaftspolitischen Ämtern in Washington zurück, hat internationale Vorhaben wie den Fusionsreaktor Iter oder den Large Hadron Collider am Cern als Diplomat begleitet und als Berater von Präsident Biden agiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Heute engagiert er sich in der Stiftung Stand Up for Science als Politikberater. Er will die wissenschaftlichen Institutionen «gegen die Bedrohung des Autoritarismus» schützen. Die Regierung drohe mit ihrer Wissenschaftspolitik die besten Talente aus dem Land zu vertreiben. Für Amerika könnten die Folgen verheerend sein und würden weit über die Wissenschaft hinausreichen.Donovan ist mit seiner Diagnose nicht allein. Immer mehr Experten sorgen sich um die Zukunft der Wissenschaftsnation USA.Amerika stieg erst durch staatliche Forschungsförderung zur Supermacht aufDer Aufstieg Amerikas zur Supermacht in der Wissenschaft begann erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Und er begann erst, als die Regierung die wissenschaftliche Forschung und Bildung zur nationalen Priorität erhob.Präsident Roosevelt bat bereits im November 1944 seinen Wissenschaftsberater Vannevar Bush, eine nationale Strategie zur Förderung der Forschung auszuarbeiten. Während des Kriegs hatte sich die Wissenschaft als entscheidend herausgestellt: Sie hatte den Radar, das Penicillin und die Atombombe ermöglicht und damit die militärische Schlagkraft Amerikas erheblich gesteigert. Und sie sollte nun zu Friedenszeiten den Wohlstand und die Sicherheit der Nation stützen.Vannevar Bush, ein entfernter Cousin der späteren amerikanischen Präsidenten George H. W. Bush und George W. Bush, ersann in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs das moderne System der staatlichen Forschungsfinanzierung in den USA.Harris & Ewing, Wikimedia CommonsVannevar Bush legte seinen Bericht im Juli 1945 unter dem Titel «Science, the endless frontier» vor. Der Report gilt bis heute als der Grundstein für die moderne Wissenschaftspolitik Amerikas. Bush schlug darin vor, eine Bundesbehörde zur Förderung der Grundlagenforschung einzurichten. Diese Empfehlung setzte der amerikanische Kongress 1950 mit der Gründung der National Science Foundation (NSF) um. Zudem wurde das seit 1930 bestehende National Institute of Health (NIH) 1948 reformiert und neu auf die Förderung der biomedizinischen Forschung ausgerichtet.Bush empfahl in seinem Bericht, Forschung an den Hochschulen zu fördern. Dort, allein von Neugier getrieben und ohne kurzfristigen wirtschaftlichen Druck, würden Wissenschafter die bedeutendsten Entdeckungen machen. Für die amerikanischen Universitäten begann damit eine neue Ära. Vor dem Krieg hatte sich ihre Forschung primär durch private Geldgeber wie die Rockefeller Foundation finanziert. Jetzt wurde der Staat zum wichtigsten Förderer und Auftraggeber.Das Modell hat prächtig funktioniert. Egal, welchen Massstab man anlegt: Nach dem Krieg wurden die USA zur globalen Supermacht in den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Amerikanische Universitäten wie Harvard, Stanford oder das Massachusetts Institute of Technology wurden zum Traumziel der besten Köpfe der Welt.Eindeutig sichtbar ist das beim Blick auf die höchste Auszeichnung der Wissenschaft, den Nobelpreis. Bis 1945 hatten ihn nur 17 amerikanische Wissenschafter gewonnen. Deutschland zählte hingegen 39 Nobelpreisträger, Grossbritannien 22. Seit Kriegsende sind 365 Nobelpreise in Physik, Chemie, Medizin und Wirtschaftswissenschaften an Amerikanerinnen und Amerikaner gegangen. Die europäische Konkurrenz ist inzwischen weit abgeschlagen.Staatliche Forschungsfinanzierung geht in den USA seit Jahrzehnten stetig zurückDie staatliche Förderung der Wissenschaft stieg bis Mitte der sechziger Jahre rasant. Am Höhepunkt des Wettlaufs zum Mond mit der Sowjetunion schulterte der Staat zwei Drittel aller Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den USA. Doch danach ging die staatliche Forschungsfinanzierung stetig zurück.Heute stellt die Regierung nur ein Viertel der Mittel für Forschung und Entwicklung in den USA, den Rest geben Unternehmen aus. Dieser Wandel geschah in kleinen Schritten über mehrere Jahrzehnte. Inzwischen gibt die Privatwirtschaft in den USA nicht nur mehr als jede Regierung aus. Sogar einzelne amerikanische Konzerne stecken mehr Geld in Innovation als ganze Länder Europas.Eigentlich ist nichts falsch daran, dass Unternehmen mehr in Innovation investieren. Ganz im Gegenteil. Problematisch ist, wenn Staaten das ausnutzen, um sich selbst aus der Forschungsfinanzierung zurückzuziehen. Denn Firmen stecken meist Geld in Technologien, die bereits so weit entwickelt sind, dass sie in absehbarer Zeit zu Produkten werden können. Staaten hingegen legen die Basis dafür, dass es durch scheinbar nutzlose Entdeckungen irgendwann überhaupt zur Erfindung dieser Technologien kommt. Wenn das Fundament wegbricht, fällt die ganze Innovationspyramide in sich zusammen.In der modernen wissensbasierten Wirtschaft wird Grundlagenforschung immer wichtiger. Ökonomen der University of California in Berkeley haben 2019 in einer Studie gezeigt: In den USA angemeldete Patente gehen zunehmend auf solche Forschung zurück, die von der Regierung finanziert worden ist. Im Jahr 2017 beruhte ein Drittel der Erfindungen auf staatlich geförderter Forschung. Zudem waren solche Patente laut Lee Fleming, Mitautor der Studie, erfolgreicher: «Sie wurden häufiger zitiert und erneuert, und ihr Neuheitswert war grösser als bei Patenten, die nicht auf Grundlagenforschung zurückführbar waren», sagt Fleming.Den volkswirtschaftlichen Effekt der Forschungsfinanzierung durch die US-Regierung hat der Ökonom Benjamin Jones von der Northwestern University in einer Studie beziffert: Laut ihr generiert jeder Dollar, den die Regierung in Forschung und Entwicklung steckt, im Schnitt mindestens fünf Dollar an Bruttoinlandprodukt. Der Ertrag würde sich mehr als verdoppeln, wenn man neben der rein monetären Ausbeute Nutzen wie die Steigerung der Lebensqualität durch bessere Gesundheit berücksichtigen würde, sagt Jones. Sein Fazit angesichts dieser Zahlen: «Eigentlich investiert die Regierung nicht zu viel, sondern zu wenig in Wissenschaft.» Das gelte im Übrigen nicht nur für die USA.Aber das sieht die Trump-Regierung offensichtlich anders. Sie kürzt Gelder und baut das bisher erfolgreiche System der Wissenschaftsförderung Stück für Stück ab. Die NSF ist seit dem Rücktritt des ehemaligen Direktors vor einem Jahr im Zuge der ersten Kürzungswelle der Regierung führungslos. Trump hat zwar einen Nachfolger nominiert. Der hat aber keine Erfahrung als Wissenschafter oder Ingenieur vorzuweisen – das gab es in der Geschichte der Forschungsförderungsbehörde noch nie.Ende April entliess Trump auch noch die 22 Mitglieder des National Science Board ersatzlos. Das Gremium definiert seit 1950 die Strategie der NSF und berät den amerikanischen Präsidenten sowie den Kongress in Wissenschaftsfragen.China hat die USA bei den Forschungsausgaben überholtWährend die USA den wissenschaftlichen Antrieb ihrer Innovationskraft drosseln, baut China den eigenen mit strategischer Voraussicht aus. Jüngste Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigen: China hat 2024 die USA als das Land überholt, das gemessen an der Kaufkraft seiner Bürger am meisten für Forschung und Entwicklung ausgibt. Der Meilenstein überraschte keinen Experten; er hatte sich seit Jahrzehnten abgezeichnet.China bildet inzwischen auch mehr Ingenieure und Naturwissenschafter als die USA aus, veröffentlicht in manchen Disziplinen mehr und teilweise bessere Forschungsstudien und schöpft auch bei den Patenten zunehmend aus einheimischer Forschung. Wenn es um Forschung mit dem allerhöchsten Innovationswert geht, sind amerikanische Universitäten noch führend, aber ihre chinesischen Pendants holen schnell auf.Und der Trend dürfte sich fortsetzen. In ihrem letzten Fünfjahresplan hat die chinesische Regierung angekündigt, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bis 2030 um mindestens 7 Prozent pro Jahr aufzustocken. Währenddessen sieht Präsident Trump in seinem Haushaltsentwurf für das Fiskaljahr 2027 starke Kürzungen für die Wissenschaft vor. Das Repräsentantenhaus hat seinerseits vor wenigen Wochen ein Budget mit nur leicht milderen Einschnitten verabschiedet. Der Senat dürfte erst nach den Zwischenwahlen im November über das Budget verhandeln.Trump möchte dafür die Ausgaben für militärische Forschung und Entwicklung um 35,5 Milliarden Dollar erhöhen. Allerdings soll das meiste davon in fortgeschrittene Technologieentwicklung fliessen wie das Raketenabwehrsystem Golden Dome. Die angewandte und die Grundlagenforschung im Militär sollen ebenfalls gekürzt werden – um mehr als 1 Milliarde Dollar.Analysten haben bereits darauf hingewiesen, dass mehr Geld für militärische Technologie kein Ersatz für die Ausfälle in den Wissenschaftsbudgets sei. Zahlreiche militärische Systeme entstünden erst nach langen Jahren der Grundlagenforschung. So wäre der Satellitendienst GPS ohne präzise Atomuhren und die zugrunde liegende physikalische Forschung – von der Quantenmechanik bis hin zu Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie – undenkbar.Sorge um ausufernde Politisierung der WissenschaftNeben der dramatischen Kürzung der Forschungsmittel bereitet der amerikanischen Forschergemeinde auch die zunehmende Politisierung der Wissenschaft grosse Sorge.Ende Mai hat die Trump-Regierung Änderungen des Regelwerks zur staatlichen Forschungsfinanzierung vorgeschlagen, die einen regelrechten Aufschrei ausgelöst haben. Die neuen Regeln sehen unter anderem vor, dass politische Amtsträger statt unabhängiger Fachleute über die Finanzierung von Forschungsprojekten entscheiden. Die Beamten sollen dabei sicherstellen, dass die Forschungsvorhaben mit «den politischen Prioritäten des Präsidenten» übereinstimmen.Zudem könnte die Finanzierung für Publikationsgebühren von Fachzeitschriften und für die Teilnahme an Fachkonferenzen wegfallen. Das würde die Verbreitung von Forschungsergebnissen stark behindern. Und auch die internationale Forschungszusammenarbeit dürfte unter den neuen Regeln stark leiden. Mit Kollegen gewisser Nationalitäten, egal wo diese leben und arbeiten, dürften amerikanische Forscher gar nicht mehr kooperieren.In Tausenden Kommentaren warnen Wissenschafter vor den desaströsen Folgen des vorgeschlagenen Reglements. Viele anerkennen, dass das Risiko von Wissensdiebstahl durch Kooperationen mit Ländern wie China real sei. Ein Pauschalverbot der Zusammenarbeit schiesse jedoch über das Ziel hinaus.Gewisse Fraktionen in der Regierung wollten eine Agenda vorantreiben, die im Ergebnis nur wissenschaftsfeindlich sein könne, sagt Chris Glass, Professor am Boston College. Das reiche von der Einwanderungspolitik über den Feldzug gegen den «Wokeismus» an den Universitäten bis hin zum Protektionismus gegenüber geopolitischen Rivalen.Laut Glass lässt sich die Trump-Regierung mit ihren «maximalistischen wissenschaftspolitischen Massnahmen» auf ein riskantes Experiment ein. Jede Administration habe das Recht, politische Prioritäten zu setzen. Doch normalerweise würde die Regierung einen derart drastischen Umbau des Wissenschaftssystems Schritt für Schritt testen und erst dann umsetzen.Die Trump-Regierung habe bei der Regulierung der Wissenschaft dennoch den Ansatz der Schocktherapie gewählt, sagt Glass. «Aber das Ökosystem der Wissenschaft ist wie ein Wald. Wenn man diesen Wald niederbrennt, kann es eine Generation dauern, bis er sich wieder erholt.»Passend zum Artikel