Der neue Roman von Kae Tempest: Von der Suche nach einem bewohnbaren LebenMit grosser sprachlicher Kraft erzählt der britische Rapper und Schriftsteller Kae Tempest von einem Transmann, der sich aus den Zuschreibungen seiner Umwelt befreit. Und unterläuft dabei immer wieder die Erwartungen der Leser.Rainer Moritz04.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenKae Tempest schreibt in «Ein Leben lang gesucht» trotz allgegenwärtiger Härte von Zärtlichkeit.Jesse Glazzard / Suhrkamp VerlagWas anfangen mit einem Leben, das kaum noch etwas verspricht, das keinen Anlass zu Zuversicht gibt? Rothko Taylor hat viele Jahre im Gefängnis verbracht, schuldig geworden durch eine Tat, die sich nicht rückgängig machen lässt: «Ich hab ein Leben auf dem Gewissen. Egal, wie man’s betrachtet.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun, im Oktober 2026, ist Rothko mit sechsunddreissig Jahren wieder in Freiheit. Zurückgekehrt in seinen Heimatort, das fiktive englische Küstenstädtchen Edgecliff, lebt er in einem Transporter, innerhalb einer queeren Community, die nicht viel nach seiner Vergangenheit fragt. Dennoch ist diese ständig präsent. Wenn er auf alte Weggefährten trifft und mit dem konfrontiert wird, was einst seine Familie, sein Heranwachsen prägte.Da sind seine ältere Schwester Sarai, seine Mutter Meg, die ein erschütterndes Leben zwischen Krankenhaus, Kneipen und Entzugsstationen geführt hat, und sein Vater Ezra, der – die Ehe der Eltern wurde früh geschieden – längst eine andere Familie gegründet hat.Verhasste FrauenkleiderDer Autor Kae Tempest, 1985 als Kate Tempest im Londoner Stadtteil Brockley geboren, ist mit Spoken-Word-Performances bekannt geworden und debütierte 2016 mit dem Roman «Worauf du dich verlassen kannst». 2020 änderte Tempest den Vornamen und verkündete, sich nicht mehr über die Pronomen «sie» oder «er» zu definieren; 2025 erklärte er sich zum «nichtbinären Transmann».Der zweite Teil von Tempests neuem Roman «Ein Leben lang gesucht» blendet in Rothkos Vergangenheit und ins Frühjahr 2006 zurück. Rothko tut sich mit der Schule, nein, mit allem schwer. Er beginnt mit Drogen zu handeln, bestiehlt die kranke Mutter eines Freundes, begeht mit den entwendeten Tabletten einen Suizidversuch und legt aus Wut einen Brand, bei dem nur durch Glück niemand zu Schaden kommt.Vor allem aber leidet Rothko darunter, dass er sich in seinem Körper nicht zu Hause fühlt und das Leid niemandem mitteilen kann. Unter den verhassten Frauenkleidern steckt ein «noch schlimmerer Körper», der «nichts mit Rothko zu tun» hatte, mit «der Person, die Rothko war». Früh lernt Rothko, dass die enge Kleinstadtwelt nur Eindeutigkeiten zulässt und mit jemandem nicht klarkommt, der auf öffentlichen Toiletten den Optionen «Ladies» oder «Gents» hilflos und wütend gegenübersteht. Die Welt gibt solchen Personen das Gefühl, «sich schämen zu müssen und nie genug zu sein».Dass Tempests Erfahrungen in den Roman eingeflossen sind, steht ausser Zweifel, und dennoch ist er nicht der Versuchung erlegen, in einer sich zur Schau stellenden Autofiktion zu verharren oder einen Weltverbesserungstraktat zu schreiben. «Ein Leben lang gesucht» ist ein sprachgewaltiges Buch, das trotz seiner allgegenwärtigen Härte und Brutalität voller Zärtlichkeit ist.Brillante Dialoge und intime Passagen, die ohne Larmoyanz auskommen, eröffnen eine Ebene der Hoffnung, die sich über das Elend der Denunziation und Verächtlichmachung erhebt. Wesentlichen Anteil daran haben vor allem zwei Personen: der selbstbewusste Fletcher, der einen LKW neben Rothkos Transporter bewohnt und eine geschlechtsangleichende Operation hinter sich hat. Er macht mit jeder Faser seiner Existenz als Transmann deutlich, dass sich ein lust- und freudvolles Leben auch führen lässt, wenn es den tradierten bürgerlichen Vorstellungen widerspricht.Über zwanzig Jahre später – im mit «Heute» überschriebenen dritten Romanteil – trifft Rothko in einem Klub seine Ex-Freundin Dionne und spürt die alte Nähe sofort wieder. Rothko hatte inzwischen sein Coming-out; Dionne ist Mutter eines Teenagers, und trotz allem, was hinter ihnen liegt, erkennen sie die einmalige Chance, nun gemeinsam aufzubrechen: «Die ganze Zeit hatte Rothko sich hinter Drogen und Alkohol vor dem Leben versteckt.» Nun aber befindet er sich «mittendrin und wollte sich nicht mehr verstecken».Man mag die Stirn darüber runzeln, mit welcher Entschlossenheit der Roman auf ein Hoffnung verheissendes Ende zusteuert. Doch wenn man über knapp vierhundert Seiten den mit so viel Empathie festgehaltenen Schicksalen gefolgt ist, stellt sich unweigerlich die Überzeugung ein, dass Dionne und Rothko nicht in ihrem Leid versacken dürfen. Manchmal findet man eben, wonach man «ein Leben lang gesucht hat».Sexszenen ohne PeinlichkeitKae Tempest verfügt über eine beeindruckende Sprachmacht und weiss Anspielungen auf Pop-Musik und Literatur als Erkennungszeichen geschickt einzubauen. Tempest versteht es zudem, die Gefühle der Protagonisten in kleinen, unvergesslichen Szenen einzufangen. Etwa, als Dionne spürt, wie unangenehm Rothko die Spitzenwäsche ist, die Ezras neue Freundin ihm hinlegt. Kurzerhand kauft Dionne für ihren anfangs unangenehm berührten Freund praktische Boxershorts und Sport-BHs. Und als es mit dem Sex nicht recht klappt, besuchen sie ein Fachgeschäft und kaufen einen Umschnalldildo. Kae Tempest kann Sexszenen ohne jede Peinlichkeit beschreiben.Zu Tempests Stilmitteln gehört der Einsatz von Pronomen, die Rothkos fluide Geschlechtszugehörigkeit spiegeln. So ersetzt der Text anfangs «sie» durch das geschlechtsneutrale «dey». Das führt zu Satzungetümen, da das Possessivpronomen dazu «deren» und der Dativ «demm» lauten soll. Sie sind jedoch im Kontext des Romans von grosser Konsequenz: Rothko weiss mit den eindeutigen Geschlechtszuschreibungen seiner Umwelt nichts anzufangen, und dafür findet der Text ein sprachliches Äquivalent. Am Ende, im «Heute», hat sich Rothkos Blick auf sich selbst geändert. Folgerichtig verwendet er nun das Pronomen «er».Kae Tempest: Ein Leben lang gesucht. Roman. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Berlin, Suhrkamp-Verlag 2026. 391 S., Fr. 37.90.Passend zum Artikel