Autofahrer ärgern sich: Öl wird billiger, Benzin bleibt teuer. Was ist da los?Donald Trump wittert Abzocke der Erdölkonzerne. Doch während die Welt schon wieder im Rohöl schwimmt, sieht das bei Benzin und Diesel anders aus – auch in Europa. Das sind die Gründe.04.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenKönnte man Rohöl tanken, wäre Autofahren günstiger.Sandra Ardizzone / CH-MediaDonald Trump ist nicht glücklich. Vor wenigen Tagen warf der US-Präsident den grossen Erdölkonzernen vor, sie würden die Amerikaner «auspressen» – denn Benzin und Diesel sind an den Zapfsäulen weiterhin teuer. Und das, obwohl der Preis für Rohöl auf das Niveau von vor Ausbruch des Iran-Kriegs gesunken ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Folglich müsse der Benzinpreis runter, «sofort!», schrieb Trump in Grossbuchstaben auf der Plattform Truth Social. Dem Justizministerium hat er bereits befohlen, eine Untersuchung gegen die Ölkonzerne einzuleiten. Finanzminister Scott Bessent empfahl den Unternehmen, sich «gut zu benehmen».Hohe Preise auch in der Schweiz und DeutschlandAuch Autofahrer in Europa könnten sich wundern. Hierzulande kostet Bleifrei 95 nach der jüngsten Erhebung des Touringclubs Schweiz durchschnittlich 1.81 Franken und Diesel 1.98 Franken je Liter. Damit sind die Preise seit dem Hoch im März und April zwar gesunken, liegen aber noch 8 und 10 Prozent höher als direkt vor Kriegsbeginn.In Deutschland sind die Benzinpreise sogar drastisch gestiegen, nachdem Anfang Juli ein von der Regierung eingeführter Tankrabatt ausgelaufen war. Doch der Aufwärtstrend habe schon in den Tagen vor dem Ende der Subvention eingesetzt, monierte der Automobilklub ADAC.Tatsächlich ist der Kontrast auffällig: Rohöl der in Europa viel beachteten Referenzsorte Brent steht bei 72 Dollar je Fass (zu 159 Litern). Ein Fass der amerikanischen Referenzsorte WTI kostet 69 Dollar. Das ist in beiden Fällen so viel wie vor Beginn der Kampfhandlungen Ende Februar. Wenig verwunderlich, erhält der Verdacht Nahrung, die Tankstellenbetreiber gäben Preissenkungen bei den Rohstoffen nur zögerlich weiter.Experten sehen sogar kurzfristig eine Schwemme von Rohöl – nachdem vor wenigen Wochen noch stets von Knappheit die Rede gewesen ist. Zahlreiche bereits beladene Öltanker waren nämlich durch die Sperrung der Strasse von Hormuz im Persischen Golf gefangen. Diese Schiffe verlassen nun den Golf.Die Schiffsbetreiber wollen nicht warten, bis Klarheit über das künftige Management des Verkehrs in der Meerenge herrscht. In den vergangenen 14 Tagen hätten rund 110 Rohöltanker die Meerenge durchfahren, hat das Branchenportal Lloyd’s List Intelligence gezählt. Das sind etwa halb so viele wie insgesamt in den vorigen fast vier Monaten des Iran-Krieges.Mit diesem Strom an Tankern ändere sich auf dem Weltmarkt das Angebot an Rohöl schneller als die Nachfrage, konstatiert die Grossbank HSBC. Manche Rohölsorten aus der Golfregion werden jetzt sogar mit Nachlässen gehandelt. Der Rohölmarkt sei von Krisenpreisen zu Räumungspreisen übergegangen, kommentiert die Saxo Bank.Die Raffinerien sind das neue NadelöhrAllerdings zeigt sich eine Wahrheit, die bereits zu Kriegsbeginn zu beobachten war: Die Märkte und Preise für Rohöl einerseits und jene für die verarbeiteten Erdölprodukte wie Benzin, Diesel, Kerosin und Heizöl andererseits sind zwei verschiedene Dinge.Der Rohölpreis, besonders für die Referenzsorten Brent und WTI, wird mit Finanzinstrumenten an den Börsen gebildet. Dort mischen Investoren und Spekulanten mit. Hingegen ist der Preis für Ölprodukte stark regional geprägt und richtet sich nach dem Zusammenspiel von tatsächlichem Angebot und Nachfrage für die einzelnen Erzeugnisse.Nach Beginn des Iran-Kriegs schossen die Preise für einige Ölprodukte in einigen Weltregionen deutlich stärker in die Höhe als die internationalen Referenzpreise für Rohöl. Und auch jetzt ist die Nachfrage nach Benzin oder Diesel zu gross und gleichzeitig das Angebot an diesen Ölprodukten zu klein, als dass sie sich schnell und stark verbilligen könnten.Nicht mehr die Strasse von Hormuz ist das Nadelöhr für die Versorgung der Welt, sondern die Produktionskapazität in den Raffinerien. Das hat mehrere Gründe:Die globalen Lieferketten für Ölprodukte müssen sich erst wieder einspielen. Das Rohöl vom Golf muss zu den Raffinerien gelangen, verarbeitet werden – und dann müssen die Produkte ausgeliefert werden.Viele Raffinerien haben während des Krieges die Produktion von Kerosin und Diesel gegenüber Benzin priorisiert, denn dort wirkte sich der Angebotsausfall der Golfländer am stärksten aus. Sie müssen sich erst wieder neu ausrichten.In den USA liegen die Vorräte von Benzin und Diesel noch deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt, weil das Land grosse Mengen Treibstoff exportiert hat – besonders nach Europa. Auch deshalb sind die Preise dort zu Trumps Leidwesen hoch.In einigen asiatischen Ländern, die traditionell viele Lieferungen aus der Golfregion erhalten, sind noch Exportbeschränkungen oder Ausfuhrsteuern für Erdölprodukte in Kraft. Sie waren wegen des Krieges eingeführt worden und erschweren nun den Ausgleich am Weltmarkt.Die Raffinerien in der Golfregion arbeiten noch nicht wieder mit voller Kapazität. Die Reparatur der verbliebenen kriegsbedingten Schäden könnte mehrere Monate dauern, schätzt die Investmentbank Goldman Sachs.Ungewöhnlich viele Raffinerien im Rest der Welt sind derzeit durch Zwischenfälle beeinträchtigt, etwa Wetterschäden oder hohe Temperaturen. In Russland ist geschätzt ein Drittel der Raffineriekapazität durch ukrainische Angriffe ausgefallen.Seit Mitte Juni ist in der nördlichen Hemisphäre die grosse Sommerreisezeit angebrochen. Das schafft zusätzliche Nachfrage.Hierzulande sorgen weitere Gründe für höhere Preise, wie der Touringclub Schweiz auf Anfrage festhält. Der Dollar hat seit Anfang Juni an Wert gewonnen, was die Einfuhrkosten für die in Dollar abgerechneten Treibstoffe erhöht. Der Rhein führt Niedrigwasser, was den Transport auf diesem wichtigen Importweg verteuert.Jene Raffinerien, die in Betrieb sind, verdienen jetzt viel Geld: Ihre Margen dürften für den Rest des Jahres zwei- bis dreimal höher liegen als im Durchschnitt von 2013 bis 2019, schätzt Goldman Sachs. Der sogenannte «crack spread», also der Verkaufswert ihrer Produkte abzüglich der Kosten für den Rohstoff, ist im Fall von WTI-Rohöl wieder so hoch wie auf dem Höhepunkt des Iran-Krieges.Diese Margen könnten bald etwas schrumpfen: HSBC-Analysten gehen davon aus, dass es noch bis Ende kommender Woche dauern könnte, bis alle ehemals gefangenen Tanker die Meerenge von Hormuz passiert haben. Dann könnte sich der Rohölpreis wieder in Richtung von 80 Dollar je Fass bewegen.Anschliessend hängt viel davon ab, wie schnell die Ölförderung in den Golfländern ihr altes Niveau erreicht und wie schnell sich die Logistik normalisiert. Ausserdem davon, wie die weiteren Friedensgespräche zwischen Iran und den USA verlaufen und wann die Engpässe in den Raffinerien beseitigt werden.Sind diese Hürden geschafft, steht einem strukturellen Überangebot an Öl wenig im Weg. Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert für 2027 einen signifikanten Überschuss in der Ölproduktion. Das wird viele Länder freuen, die ihre gesunkenen Reserven auffüllen müssen. Allerspätestens dann dürften auch die Autofahrer aufatmen können.Passend zum Artikel