«Ich lege mir jeweils eine imaginäre Ritterrüstung an», sagt ein Schweizer Rettungshelfer nach dem Einsatz in VenezuelaGian Forster war Teil des Schweizer Rettungsteams, das nach den Erdbeben in Venezuela nach Verschütteten suchte. Im Interview erzählt er von der schwierigen Situation vor Ort, der Arbeit mit Suchhunden und davon, wie Rettungskräfte mit ausbleibenden Erfolgen umgehen.04.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenÜber 2500 Personen starben bei den verheerenden Erdbeben in Venezuela. Tausende weitere Menschen werden noch vermisst.Ariana Cubillos / APHerr Forster, Sie kommen gerade aus Venezuela zurück. Wie haben Sie die Situation erlebt?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Schwierig. Besonders eindrücklich war die Trümmerlage. An manchen Orten standen noch alle Gebäude, an anderen war alles zerstört. Erstaunt hat mich, dass die Bevölkerung trotz der Katastrophe sehr ruhig war. Ich habe mit vielen Leuten vor Ort gesprochen, es gab keine Panik. Die Venezolaner machten in ihrer Trauer fast schon einen stoisch-erstarrten Eindruck. Das hatten wir nicht erwartet, und es hat mich sehr getroffen.Nach einem Erdbeben zählt oft jede Stunde, um Überlebende zu finden. Mit welchen Erwartungen und Hoffnungen sind Sie nach Venezuela gereist?Gian Forster.Wenn ich zu einem Einsatz gerufen werde, lege ich mir jeweils eine imaginäre Ritterrüstung an. Ich versuche, mich auf Fakten zu stützen und mich nicht von Emotionen leiten zu lassen. Letztere lasse ich erst wieder zu, wenn der Einsatz zu Ende ist und wir wieder in Zürich gelandet sind. Natürlich habe ich mir gesagt: Wir reisen jetzt nach Venezuela und retten so viele Menschen wie möglich. Gleichzeitig habe ich mir vorgenommen, Schritt für Schritt zu arbeiten: zuerst fliegen, dann vor Ort verlegen, nach Vermissten suchen und im Rahmen unserer Möglichkeiten das Beste machen. Und das haben wir auch gemacht.Wie gross war das Schweizer Team vor Ort?Die Schweizer Rettungskette besteht aus achtzig Personen und acht Suchhunden. Das Team bestand aus zwei Task-Forces, die so aufgeteilt waren, dass wir während zehn Tagen auf zwei Schadenlagen rund um die Uhr suchen konnten. Im Einsatz waren wir vor allem im Gebiet um die stark betroffene Stadt La Guaira, nördlich der Hauptstadt Caracas.Was waren die grössten Herausforderungen?Zu Beginn war es sicherlich der Verkehr. Viele Strassen waren blockiert oder nicht befahrbar. Wir wussten nicht, welche offen waren und über welche Brücken wir fahren konnten. Die grosse Herausforderung dabei war, dass wir wussten, dass jede Minute zählt und wir im Stau feststecken. Einmal vor Ort, war es schwierig, das zerstörte Gebäude mit der grössten Chance auf lebende Personen zu finden.Über RedogMit Hunden auf der Suche nach VermisstenGian Forster ist Bereichsleiter Verschüttetensuche und Ausbildungsverantwortlicher beim Freiwilligenverein Redog. Die Organisation unterstützt nach Erdbeben weltweit die Suche nach Verschütteten mit speziell ausgebildeten Suchhunden. Nach dem schweren Erdbeben in Venezuela vom 24. Juni reiste Forster als Teil des Schweizer Rettungsteams nach Südamerika und leitete dort den Einsatz von Redog.Es gab Nachbeben. Wie gross war das Risiko für die Teams – und wie geht man mit dieser Gefahr um?Diese Gefahr besteht immer, wenn man in ein Erdbebengebiet reist. Die Sicherheit unserer Teammitglieder und Hunde hat oberste Priorität. In Venezuela waren viele Gebäude schwer beschädigt und stark einsturzgefährdet. Die für die Sicherheit verantwortlichen Personen haben das zerstörte Gebäude jeweils sorgfältig analysiert, bevor wir dieses betreten haben. Das Zusammenspiel mit den zuständigen Personen hat in unserem Team hervorragend funktioniert. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt.Sie waren eine Woche in Venezuela im Einsatz. Wann entscheidet man, die Suche zu beenden, und wer trifft diesen Entscheid?Die Schweiz hat ihre Nothilfe nicht beendet und entsendet Spezialistinnen und Spezialisten des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe, um den Überlebenden zu helfen. Der Entscheid, die Suche einzustellen, wurde von der Einsatzleitung in der Schweiz nach Absprache mit den venezolanischen Vertretern getroffen.Ihr Team konnte keine Überlebenden finden. Wie geht man mit einem Einsatz um, bei dem jede Suche erfolglos bleibt?Das löst Frustration aus. Aber die Bergung von verstorbenen Personen ermöglichte es den trauernden Familien, die Leichname ihrer Angehörigen in Empfang zu nehmen. Dieser, oft vernachlässigte Aspekt ist für die Familien und ihren Trauerprozess ebenfalls von grosser Bedeutung. Wir hatten aber einen guten Zusammenhalt in der Task-Force und haben schon vor Ort im Team über die Erlebnisse offen gesprochen. Das war ein wichtiger Teil, um im Einsatz fokussiert zu bleiben. In der Schweiz erhalten wir psychologische Betreuung, um das Erlebte in weiteren Gesprächen zu verarbeiten.Braucht es eine gewisse Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten?Jetzt braucht es einfach Zeit, bis sich das Erlebte gesetzt hat. Jeder Einsatz hinterlässt bleibende Spuren und Eindrücke, die prägen, aber auch für den nächsten Einsatz motivieren. Die gemachten Erfahrungen helfen in der Zukunft sowohl bei der Ausbildung wie im Einsatz.Sie engagieren sich nebenberuflich für Redog. Wie lässt sich ein spontaner Auslandseinsatz mit Beruf und Familie vereinbaren?Der Verein leistet etwa 100 000 Stunden Freiwilligenarbeit pro Jahr. Mit Erreichen der Einsatzfähigkeit müssen unsere Teams eine Bestätigung des Arbeitgebers vorweisen, dass man jederzeit für Einsätze ausrücken kann. Ohne die Unterstützung der Familie und der Freunde wäre ein solches Engagement nicht möglich. Bei mir ist meine Partnerin der Anker. Vor und während, aber vor allem auch nach dem Einsatz. Sie gibt mir den wichtigen Halt, um weiterzumachen.Was gibt Ihnen nach einem solchen Einsatz die Motivation, beim nächsten Mal wieder loszufliegen?In Venezuela wurde jüngst eine Woche nach dem Beben noch ein kleiner Junge von einem jordanischen Team lebend gerettet. Die Schweiz hat mitgeholfen, genau dieses Team aufzubauen, und ist somit indirekt an dieser Rettung beteiligt. Das zeigt, was gemeinsam möglich ist. Nur dann können solche kleinen Wunder passieren. Menschen vor Ort zu helfen, ist meine eigentliche Motivation. Darum werde ich auch beim nächsten Erdbeben wieder bereit sein und in das Katastrophengebiet fliegen.Das Team Alpha der Schweizer Rettungskette in Venezuela.PDPassend zum Artikel
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Gian Forster war Teil des Schweizer Rettungsteams, das nach den Erdbeben in Venezuela nach Verschütteten suchte. Im Interview erzählt er von der schwierigen Situation vor Ort, der Arbeit mit Suchhunden und davon, wie Rettungskräfte mit ausbleibenden Erfolgen umgehen.















