Schweizer Retter kämpfen in Venezuela gegen die Zeit – die Regierung spricht von 69 000 VermisstenVier Tage nach den schweren Erdbeben sinkt die Hoffnung auf weitere Überlebende. Die Rettungskette Schweiz ist im venezolanischen Gliedstaat La Guaira mit einer Katastrophe historischen Ausmasses konfrontiert.28.06.2026, 20.09 Uhr4 LeseminutenFranzösische Zivilschützer suchen in einem eingestürzten Wohnhaus in Caraballeda im Gliedstaat La Guaira nach Überlebenden.Miguel Medina / ReutersDie Schweiz ist unter den ersten Staaten Europas, die Rettungskräfte und Hilfsmaterial nach Venezuela geschickt haben. Michael Fichter war Teil des Vorausdetachements, das von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) über den Atlantik entsandt wurde. Wenige Stunden nach dem Erdbeben am Mittwochabend (Caracas-Zeit) flog er mit sechs anderen Spezialisten des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH) voraus. Das Team sollte die Bedürfnisse vor Ort klären und die reibungslose Einreise der Rettungskette Schweiz vorbereiten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der Nacht auf Freitag erreichte das Team kurz nach Mitternacht den Einsatzort. Sein Ziel war La Guaira, der Gliedstaat an der Karibikküste, wo die beiden Erdstösse den grössten Schaden verursacht hatten. «Man fährt lange durch intakte Wohngebiete ohne jeden Schaden, und plötzlich steht dann kein Haus mehr», sagt der 49-jährige stellvertretende Teamleiter der Rettungskette. «Das sind Hochhäuser und auch Einzelbauten, die nur noch Trümmerhaufen sind.»Die Helfer kampieren im BaseballstadionIm Baseballstadion José María Vargas direkt an der Küste schlagen die Schweizer ihr Lager auf. Neben den Schweizern sind im Stadion auch Rettungsteams aus Ecuador, Frankreich und Italien untergebracht. Inzwischen haben mehr als 30 Staaten Katastrophenhelfer geschickt. Insgesamt 1600 ausländische Experten sollen in Venezuela eingetroffen sein. Andere Helfer sind in einem Fussballstadion untergebracht. Die Stadien dienen als Einsatzzentren.Michael Fichter.PDDoch die Anreise der Einsatzkräfte aus der Schweiz gestaltet sich schwierig: Fast 80 Rettungskräfte, darunter acht Spürhunde, landen einen Tag später in Maracay, einem Provinzflughafen im Westen des Landes. Der internationale Flughafen ist wegen schwerer Schäden an der Start- und Landebahn geschlossen.Die Anfahrt ins Krisengebiet verzögert sich: Die einzige Autobahn, die vom Flughafen nach Caracas und dann hinunter in den betroffenen Gliedstaat La Guaira führt, ist wegen der vielen Menschen, die dort nach Angehörigen suchen oder helfen wollen, vollständig verstopft. «Das ist immer so bei Erdbeben», sagt Fichter, der bereits bei der Erdbebenkatastrophe in der Türkei vor drei Jahren im Einsatz war. «Die Menschen wollen solidarisch sein und helfen und überlasten damit andererseits die Transportwege.»Die Suchtrupps finden nur vereinzelt ÜberlebendeErst am Freitagabend können die Helfer ihr provisorisches Camp beziehen. Die erste Equipe macht sich auf die Suche nach Überlebenden: Das sind vier Hundeführer, Spezialisten mit akustischen Ortungsgeräten sowie von der Schweizer Botschaft organisierte Übersetzer – rund 20 Personen.Die Suchteams wechseln sich rund um die Uhr ab. Bisher haben die Retter aus der Schweiz noch keine Lebenden geborgen. Auch andere Suchtrupps finden nur vereinzelt Überlebende. Nicht mehr als ein Dutzend Rettungen melden die lokalen Medien in La Guaira, unter ihnen drei Kinder, eine Frau und ein Baby sowie ein 11-jähriger Junge.Die Zahl der Vermissten steigt weiter. Der Kongresspräsident Jorge Rodríguez hat am Sonntag erklärt, dass noch rund 69 000 Menschen vermisst würden. Die Zeit wird knapp. Keiner der Helfer spricht das aus, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich noch Überlebende unter den Trümmern finden, sinkt nach inzwischen fast vier Tagen seit den Erdstössen rapide.«Das Problem in Venezuela ist die grosse Hitze und die Feuchtigkeit», sagt Fichter, der auch Angehöriger der Berner Kantonspolizei ist. Zudem seien mehrere Hochhäuser kollabiert, bei denen sich die gewaltigen Trümmer nur sehr schwer bewegen liessen. Er zögert, seine Erfahrungen aus den anderen Erdbeben zu vergleichen. «Es ist immer ein immenses menschliches Leid, das man vorfindet. Unsere Hilfe steht im Vordergrund – egal wo.»Sebastian Eugster, Teamleiter der Schweizer Rettungskette, bereitet am Flughafen Zürich Ausrüstung für das Rettungsteam in Venezuela vor. Kloten, 25. Juni 2026.Claudio Thoma / KeystoneDie Regierung ist froh über die grosse SolidaritätFür die Menschen in Venezuela sind die ausländischen Solidaritätsaktionen wichtig. Das Vertrauen in die eigene autoritäre Regierung ist nicht gross. Die Menschen spürten erstmals wieder Solidarität und fühlten sich nicht alleingelassen, meint eine ausländische Diplomatin. Spezialisierte Katastrophenhelfer und trainierte Hundestaffeln, wie sie jetzt aus dem Ausland angereist seien, gebe es in Venezuela nicht. Die Präsidentin Delcy Rodríguez hat sich am Sonntag mit der Regierungsspitze sowie den über 30 Delegationsleitern und Botschaftern der Staaten, die Hilfe entsandt haben, zu einer Koordinationssitzung getroffen.Die ehemalige Aussenministerin und Vizepräsidentin hat nach der gewaltsamen Absetzung von Präsident Nicolás Maduro durch US-Truppen die Macht übernommen. Doch der venezolanische Staat ist nach vielen Jahren der Misswirtschaft schlecht auf eine Naturkatastrophe vorbereitet. Schon zuvor funktionierten die Krankenhäuser kaum noch. Auch die Strom- und die Wasserversorgung fallen immer wieder aus. Jede Hilfe aus dem Ausland ist denn auch hochwillkommen – zugleich ist die internationale Unterstützung auch für das politische Überleben der Regierung von grosser Bedeutung.Passend zum Artikel