Und wieder kamen Grigor Dimitrow in Wimbledon die Tränen. Wie vor einem Jahr, damals einen Tennisballwurf entfernt auf dem Centre Court. Dort zeigte der Bulgare im Achtelfinale gegen Jannik Sinner, über wie viel Talent er verfügt. Er lag mit 2:0-Sätzen vorne, als er sich nach einem geschlagenen Ass an die rechte Brust fasste, krümmte, zusammensackte. Mit Schmerzen und feuchten Augen musste Dimitrow aufgeben, in einem der größten Matches seiner langen Karriere. Wie sich bald herausstellte, war ihm ein Brustmuskel gerissen. Dimitrow weinte zwei Stunden lang in der Umkleide, musste sich operieren lassen. Sinner hatte Glück im Unglück – er wurde fünf Tage später Wimbledonsieger. Viel hätte nicht gefehlt, und das Ganze wäre anders ausgegangen.Am Donnerstagabend also wieder feuchte Augen. „Ich bin so glücklich, wieder hier zu sein und vor euch zu spielen“, begann Grigor Dimitrow sein Siegerinterview auf Court No. 1. Dann brach seine Stimme, er wandte sich ab, setzte aufs Neue an: „Rausgehen und kämpfen war mein Ziel, nicht gewinnen oder verlieren.“ Tausende Zuschauer, die den Fünfunddreißigjährigen zuvor zum 7:6, 4:6, 7:5, 6:3-Sieg gegen den 15 Jahre jüngeren Jakub Mensik getrieben haben, applaudierten tosend und im Stehen.Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass wohl jede und jeder im Tenniszirkus Dimitrow diesen Sieg von Herzen gegönnt hat. Selbst der junge Tscheche tätschelte seinen lieben Kollegen am Ende ausgiebig und gab ihm nette Worte mit auf dem Weg in die dritte Runde. Dort wartet im Italiener Matteo Berrettini ein ebenso smarter und attraktiver Typ, der auch einige schlimme Verletzungen hinter sich hat.Vor zwölf Monaten war Dimitrow am Boden und musste im Wimbledon-Achtelfinale gegen Jannik Sinner aufgeben.APTennisprofis gelten gewöhnlich als Egoisten, die sich vor allem um ihr eigenes Fortkommen kümmern und nicht um ein bestmögliches Betriebsklima. Dimitrow schlägt aus der Art und ist wegen seiner Zugewandtheit einer der beliebtesten, wenn nicht gar der beliebteste Typ auf der Tour. Als Serena Williams in der vergangenen Woche nach vier Jahren wieder in Wimbledon ankam, schloss sie sofort den Bulgaren in die Arme und wollte ihn kaum noch loslassen. „Er ist mein bester Freund, gutherzig und gutmütig“, sagte die 44 Jahre alte Amerikanerin: „Und glaubt mir: Er ist weitaus verrückter als ich.“So einnehmend Dimitrow geblieben ist: Seit er seine Verletzung überwunden hat, erscheint er verändert. Nach der Reha hatte er direkt wieder loslegen wollen, erzählte er in Wimbledon: auf den Platz, spielen, siegen, Weltranglistenpunkte sammeln. So wie es jeder Tennisprofi verinnerlicht hat. Dann kam ein Aufschlag, vor dem er sich fragte: Was, wenn wieder ein Muskel reißt? Dimitrow hielt inne, holte sich Hilfe, befreite sich ein Stück aus dem Räderwerk und hat seither einen anderen Blick aufs Profigeschäft gewonnen. „Ich versuche, noch andere Seiten an mir zur Geltung zu bringen“, sagte er am Donnerstag: „Deshalb sage ich es auf die netteste Art: Ich gehe meinen eigenen Weg.“Der Erfolg dieses Wegs stellte sich erst in den vergangenen Wochen auf Rasen ein, zunächst bei unterklassigen Turnieren. Zuvor hatte er von den ersten 13 Matches des Jahres nur zwei gewonnen. In Wimbledon durfte der auf Weltranglistenplatz 146 abgestürzte Dimitrow direkt ins Hauptfeld, weil ihm der All England Club eine Wildcard gab – ein weiteres Zeichen für die hohe Wertschätzung, die er genießt.Seine Spielweise ist wie gemacht für Rasen: starker Aufschlag, starke Vorhand und eine einhändige Rückhand, mit der er die Bälle vorzüglich unterschneiden kann, sodass sie flach vom Rasen abspringen. Auch am Netz ist er versiert. Als Multitalent bekam Dimitrow in jungen Jahren einen Spitznamen verpasst, der auf den damaligen Schweizer Alleskönner anspielte und den er hassen lernte: „Baby Federer“.Als der frühere Weltranglistendritte gegen Mensik im vierten Satz mit einem Break zurücklag, ließ er zweimal die Rückhand krachen und nahm dem French-Open-Halbfinalisten von neulich seinerseits den Aufschlag ab. Die Zuschauer sprangen auf und johlten. Wie kurz darauf, als der Bulgare seinen ersten Matchball mit einer knallharten Vorhand verwandelte. Er fühle sich überall auf der Welt unterstützt und umarmt, sagte der Sieger ergriffen.Dimitrow gab aber auch zu, dass er vor seiner Rückkehr nach Wimbledon schrecklich nervös gewesen wäre, dass er ungute Gedanken gehabt hätte. „Ich war darauf vorbereitet. Man muss sie zulassen. Sie zu unterdrücken, ist draußen auf dem Platz einer der schlimmsten Gegner.“ In Dimitrows Herz-Schmerz-Geschichte beginnt offenbar ein neues Kapitel.
Grigor Dimitrow: Erfolgreiche Rückkehr in Wimbledon
Grigor Dimitrow hat sich vor einem Jahr in Wimbledon schwer verletzt. Danach hat er seine Haltung zum Profitennis verändert – und wird bei seiner Rückkehr gefeiert wie nie.











