Beim diese Woche vorgestellten Reformpaket der Bundesregierung ließ vor allem ein Punkt fast alle aufhorchen: die Attest-Pflicht ab dem ersten Tag. Die berüchtigte AU-Bescheinigung, der ersehnte „gelbe Schein“, um den man künftig im erkrankten und geschwächten Zustand kämpfen muss, wird wieder Goldstandard der Disziplinierung.

Wer jahrelang in Berufen gearbeitet hat, in denen schon ab dem ersten Krankheitstag ein Attest verlangt wurde, dürfte sich fühlen wie auf einer Zeitreise. Kaum ist ein Arbeitsplatz gefunden, an dem der Arbeitgeber auf dieses Instrument des Misstrauens verzichtet, führt die Merz-Regierung Beschäftigte zurück in die Steinzeit der Beweispflicht.

Oscarreife Leistung am Telefonhörer

Der kollektive Verdacht ist hier offensichtlich: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) glaubt, dass wir alle Drückeberger und Blaumacher sind. Dass wir gerne mal „krankfeiern“ und es einer staatlichen Maßregelung bedarf. Zudem scheinen wir ein Volk von begnadeten Schauspielern zu sein, das – sofern keine Hürden wie stundenlange Wartezeiten beim Arzt existieren – dem Chef gerne mal einen Bären aufbindet. Klar, die lustlosen Deutschen, die sich vor der Arbeit drücken und Krankheiten erfinden – wer kennt sie nicht? Ein Volk talentierter Mimen, deren Begabung sich vor allem darin zeigt, vor dem Arbeitgeber in glanzvollen Performances den Nahtod darstellen zu können. Das ist wahrlich oscarreif!