Die Mercedes-Mitarbeiter kommen aus allen Teilen des Sindelfinger Werks. In einzelnen Gruppen, viele mit Fahnen, Ratschen und Trommeln, versammeln sie sich auf dem Platz vor Tor 7 in Sichtweite der alten Lackiererei. Aus dem angrenzenden Gebäude kommen Beschäftigte, die zumeist Poloshirts mit dem Stern auf der Brust tragen. Es sind die Entwickler aus dem Forschungszentrum des Autoherstellers. Kurz vor neun Uhr schätzt der Werkschutz die Zahl der Protestierenden auf rund 10.000. Über ihren Köpfen flattern viele rote Fahnen der IG Metall, aber auch die blauen Banner der Konkurrenz-Gewerkschaft CGM.Die Aktion in Sindelfingen ist Teil eines Aktionstages der IG Metall, die am Freitag an den deutschen Standorten des Autokonzerns zu Protesten gegen die Sparpolitik von Mercedes aufgerufen hat. Neben der Fabrik, in der Mercedes die berühmte S-Klasse baut, demonstrieren Beschäftigte am Stammsitz in Untertürkheim, in Rastatt und Stuttgart, aber auch in Bremen, Hamburg, Düsseldorf und Ludwigsfelde. Die IG Metall schätzt, dass sich bundesweit mehrere Zehntausend Mitarbeiter an den Aktionen beteiligt haben.„Das ist ein Angriff auf den Sozialstaat“In Sindelfingen steht Ergun Lümali, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, auf dem Podium. „Es gibt traditionelle Lohnrunden. Das hier ist aber ein Angriff auf den Sozialstaat an sich und die Tarifverträge“, sagt der Arbeitnehmervertreter vor seiner Rede im Gespräch mit der F.A.Z. „Und wer die Tarifverträge in Frage stellt, der weiß, dass das massiven Widerstand auslöst.“ Lümali geht es um die neuen Sparmaßnahmen von Mercedes, über die das Unternehmen die Belegschaft in der vergangenen Woche informiert hat. „Die Lastenverteilung muss gerecht sein, die Beschäftigten dürfen nicht die Hauptlast tragen“, sagt er.Vor allem aber kritisiert Lümali, dass der Vorstand den Betriebsrat nicht einbezogen hat. „Die Art und Weise, wie die Entscheidung getroffen und kommuniziert wurde, ist nicht korrekt“, sagt der Dreiundsechzigjährige. „Wir wussten, dass etwas kommt, aber die Wucht und die Botschaft sind außergewöhnlich.“ In einem Rundschreiben hatte der Autohersteller seine Mitarbeiter vor einer Woche über harte Einschnitte informiert. „Wir müssen handeln“, heißt es in dem Brief, der der F.A.Z. vorliegt. „Der Erfolg unserer Produktoffensive droht zu verpuffen, wenn zu hohe Kosten die Erträge auffressen.“ Die Schlüsse, die das Unternehmen aus dieser Analyse zieht, sind weitreichend. „Die Arbeitsstunde muss günstiger werden – in Entwicklung, Vertrieb, Verwaltung und Produktion. Der direkteste und in unseren Augen fairste Weg: Wir sollten in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr arbeiten.“Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali: „Der Vorstand überspannt zunehmend den Bogen.“dpaNur fünf Tage nach dem Brief verschärfte Mercedes-Chef Ola Källenius am Mittwoch den Konflikt weiter, indem er in einer Runde mit Führungskräften ankündigte, das mobile Arbeiten ganz abschaffen und wieder eine Präsenzpflicht an fünf Tagen einführen zu wollen. Der Gesamtbetriebsrat reagierte am Donnerstag seinerseits mit einem Rundschreiben an die Belegschaft. „Der Vorstand vermittelt den Eindruck, dass er Respekt, Verlässlichkeit und Transparenz gegenüber der Belegschaft verloren hat“, heißt es in dem Brief. Lümali verweist auf eine gültige Betriebsratsvereinbarung, wonach das Unternehmen mobiles Arbeiten aktiv unterstützt und dies weiterhin verbindlich gelte. „Der Vorstand überspannt zunehmend den Bogen“, heißt es weiter.Nicht zuletzt wegen schwacher Verkaufszahlen in China steht Mercedes unter Druck. Hinzu kommen die hohen Kosten der deutschen Werke, ein Problem, das sich in den vergangenen Monaten auch infolge der Nahostkrise verschärft hat. Gewinne und Absätze sinken seit Jahren. Im ersten Quartal 2026 sank der bereinigte operative Gewinn (Ebit) noch einmal um 30 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro, was bei einem Umsatz von 31,6 Milliarden einer Umsatzrendite von 5,7 Prozent entspricht. Mit einer Produktoffensive will Mercedes-Chef Källenius gegensteuern. Zudem hat Mercedes seine Produktionskapazität in Deutschland gedeckelt und die Produktion im ungarischen Kecskemét erhöht. Nach Informationen der „Automobilwoche“ will der Konzern nun auch die für 2027 geplante kleine G-Klasse nicht im baden-württembergischen Rastatt, sondern in Ungarn produzieren.Kurz vor neun Uhr schätzt der Werkschutz die Zahl der Protestierenden auf rund 10.000.dpa„Ola und Schiebe, Sand im Getriebe!“In Sindelfingen ist die Stimmung am Freitag kämpferisch und wütend. Die Protestierenden skandieren mit Verweis auf den Mercedes-Chef und seinen Produktionsvorstand Michael Schiebe „Ola und Schiebe, Sand im Getriebe!“ oder unterbrechen die Redner immer wieder mit „Ola-raus!“-Rufen. Auch die Werker kritisieren das Vorgehen des Vorstands. „Warum reden die nicht mit uns? Das einfach so dahin zu stempeln, das ist unfair“, sagt ein Mitarbeiter in gelber IG-Metall-Weste. Auf der Bühne droht Lümali mit weiteren Protesten. „Diese Kundgebung wird nicht die letzte sein“, wettert der Arbeitnehmervertreter und reckt die Faust in die Luft. „Die Antwort des Vorstands auf die Krise ist die falsche. Es darf kein Schleifen des Sozialstaats geben, den wir in den vergangenen Jahrzehnten erkämpft hatten.“In einem Interview mit dem „Handelsblatt“ hatte Aufsichtsratschef Martin Brudermüller bereits vor dem Brief am vergangenen Freitag längere Arbeitszeiten gefordert. „Es ist in unserer schwierigen Situation absolut zumutbar, wieder länger zu arbeiten. Wir sollten ernsthaft die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche angehen“, sagte Brudermüller. Um die Einführung der 35-Stunden-Woche ist zwischen IG Metall und den Arbeitgebern lange gerungen worden. Unter anderem in den Achtzigerjahren mit einem wochenlangen Arbeitskampf, bevor sich die Tarifparteien auf den schrittweisen Einstieg in die 35-Stunden-Woche einigten.Dass Mercedes nun genau das offen in Frage stellt, sorgt nicht nur bei dem baden-württembergischen Konzern für Entsetzen. Auch die Gesamtbetriebsratsvorsitzenden von Audi, Jörg Schlagbauer, und BMW, Martin Kimmich, kritisieren den Vorstoß als „unverblümte Angriffe gegen die Tarifverträge“ scharf. Nächste Woche sollen die Proteste weitergehen. So plant die IG Metall am 9. Juli in Stuttgart einen Autokorso von Beschäftigten der Autoindustrie. „Wir werden der Autoindustrie einen heißen Sommer und Herbst bescheren, solange sie weiter auf Arbeitsplatzabbau und Verlagerung setzen, statt echte Problemlösungen zu suchen“, erklärte die Gewerkschaft im Vorfeld des Aktionstages.Auch in Wolfsburg könnte es nächsten Donnerstag zu ersten Protestaktionen kommen. Es ist der Tag, an dem der Aufsichtsrat von Volkswagen zusammenkommt, um die ersten Entscheidungen über die mögliche Schließung von deutschen Werken zu treffen. Nach Informationen der F.A.Z. aus Arbeitnehmerkreisen sollen Vertrauensleute der Gewerkschaft die VW-Mitarbeiter über die Lage informieren.