PfadnavigationHomeICONISTModeStilwechselIst Friedrich Merz dem Doppelreiher gewachsen?Stand: 15:49 UhrLesedauer: 4 MinutenFriedrich Merz sieht auf einmal aus wie ein anderer Kanzler. Ein Blick auf sein neues, zweireihiges Sakko – und auf die Geschichte des Zweireihers.Es war höchste Zeit, dass er seine Garderobe überarbeitet. In seinen Sakkos erinnerte Friedrich Merz vielmehr an einen über Nacht in die Höhe geschossenen Gymnasiasten. Gut also, dass es Kleidungsstücke gibt, deren eigentliche Bestimmung weniger im Bekleiden als im Verleihen von Autorität liegt. In einem Instagram-Video kündigt er in dem zweireihigen Sakko die Makkabiade an, das seit 1932 ausgetragene internationale Sportfest jüdischer Athleten, so etwas wie die jüdischen Olympischen Spiele. Der Anlass beglaubigt den stilvollen Anzug: graubräunlich, nicht wie bisher so beamtenblau wie die Stühle im Bundestag, sogar mit Nadelstreifen und einer rosa Krawatte. Mit etwas Fantasie könnte man sagen: Es hat was von Lapo Elkann, dem ehemaligen Playboy Italiens. Es ist nicht weniger als ein Stilwechsel – und, rein äußerlich, ein komplett anderer Kanzler. Der Doppelreiher entstand auf hoher See. Seine Vorfahren waren die „Reefer Jackets“ britischer Marineoffiziere des 19. Jahrhunderts, heute besser bekannt als Cabanjacken. Die überlappende Stofflage und die zwei Knopfreihen schützten vor Wind und Kälte. Zunächst galt der Zweireiher als zu leger für Geschäftstermine. Erst auf der Savile Row wurde er zum Inbegriff aristokratischer Eleganz. Maßgeblich trug Edward VIII. dazu bei, der spätere Duke of Windsor, der den Doppelreiher populär machte. Gleichzeitig revolutionierte Savile-Row-Schneider Frederick Scholte den Schnitt. Mit seinem „English Drape“ ersetzte er die starre Militärsilhouette durch weiche Schultern, eine vollere Brust, eine betonte Taille und eine bis dahin ungewohnte Beweglichkeit. Aus einer Uniform wurde ein Herrenanzug, aus einem praktischen Kleidungsstück ein Symbol von Souveränität. Vom Gangsteranzug zum KanzlerkostümWinston Churchill machte daraus die Uniform eines Mannes, der nie Zweifel zeigte. Nach dem Zweiten Weltkrieg tauchte der Doppelreiher vermehrt in Gangsterfilmen aus Hollywood auf. Mit Nadelstreifen, Borsalino und Nelke wurde er zum Standardkostüm des halbseidenen Mannes. Von da an galt er als maskulin und leicht gefährlich. Cary Grant bestellte im Doppelreiher einen Martini, als sei er mit ihm geboren worden, Humphrey Bogart wurde darin zum Mann, der nie um Erlaubnis fragte. Das machte den Doppelreiher auch in Deutschland wieder beliebt, bevor er in den Nullerjahren beinahe komplett verschwand. Er war noch zu sehr mit den beleibten Herren verbunden, die die Bundesrepublik prägten und ihr zu dem Wohlstand verhalfen, auf dem sich Angela Merkel in froschgrünen oder tuschkastenblauen Kostümjacken anschließend 16 Jahre lang ausruhte. Wenn in der Modewelt überhaupt noch Anzug getragen wurde, hungerte man sich in Hedi Slimanes schmale Dior-Anzüge, für die Karl Lagerfeld bekanntermaßen 40 Kilo abnahm. Lesen Sie auchAuch Gerhard Schröder setzte auf Einreiher und die Philosophie des Brioni-Chefs Umberto Angeloni, der damals zahlreiche Oberhäupter beriet und einkleidete, und schon in einer Welt ohne Social Media wusste: „Es ist wichtig, die eigene Wichtigkeit zu präsentieren. Nur ein gut gekleideter Mensch wird ernst genommen.“ Angeloni empfahl Schröder vor der wichtigen Niedersachsen-Wahl einen Einreiher mit drei statt zwei Knöpfen, bevor er vor der Bundestagswahl dann per Telefonat aus Rom dazu riet, sämtliche Register zu ziehen: „Ich empfehle den zweireihigen Nadelstreifenanzug. Das ist das Maximum der Eleganz und beruhigt die Geschäftswelt.“Lesen Sie auchBei Schröder blieb es nicht bei der Symbolik. Mit der Agenda 2010 folgte eine Wirtschaftspolitik, die den Standort Deutschland wieder wettbewerbsfähig machte. Merz hingegen sieht jetzt in dem Doppelreiher und nach einem Jahr Amtszeit plötzlich so aus, als hätte er geliefert, bevor er tatsächlich geliefert hat. Ausgerechnet kurz vor der Sommerpause, zeitgleich mit seinen Auf-den-letzten-Drücker-Reformen, beginnt Friedrich Merz nun, wie ein Staatsmann auszusehen. Anders als der Social-Media-Gehilfe, der nach dem WM-Debakel auf dem Account des Kanzlers seinen Stolz auf die Nationalmannschaft zum Ausdruck brachte, hat die Stylistin oder der Stylist hier ganze Arbeit geleistet. Man muss allerdings auch sagen: Solange Merz liefert, was er versprochen hat, dürften den meisten seiner Wähler die Nadelstreifen herzlich egal sein. Und wenn er das im Gucci-Hoodie erreichen würde, wäre das wohl auch für den konservativsten Bundesbürger zunächst in Ordnung. Der Doppelreiher kann seinem Träger zwar etwas mehr Statur verleihen und jener Neigung entgegenwirken, sich bei Gegenwind allzu schnell in die Defensive zu reden. Für den Rest bleibt er aber auf sich allein gestellt. Der Doppelreiher ist nicht nur die Königsdisziplin der klassischen Herrenschneiderei. Er verzeiht auch nichts. Nicht dem Schneider, nicht dem Träger. Deshalb gilt er auf der Savile Row bis heute als eine Art Charakterprüfung. Ein Einreiher kleidet einen Mann. Der Doppelreiher dagegen zeigt, was von ihm übrig bleibt.