Friedrich Merz: Der Ehrgeiz des Spätzünders ist gestillt. Kommt da noch was?Merz ist seit einem Jahr Kanzler. Sein grosses Ziel hat er damit erreicht. Nun muss er zeigen, dass er die Hartnäckigkeit besitzt, im widrigen Regierungsalltag zu bestehen. Die Frage ist nur, ob er dafür die charakterliche Eignung mitbringt.25.05.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDer damalige Oppositionsführer Friedrich Merz flog 2024 als Passagier in einem Eurofighter mit.Michael Kappeler / DPAEs gibt einen Ort, der zeigt, wo Friedrich Merz steht und wie er zu den Dingen steht: hoch über den Wolken in seinem Privatflugzeug. Eigenhändig lenkt der 70-jährige deutsche Kanzler die Maschine aus dem heimischen Sauerland in Nordrhein-Westfalen nach Berlin und zurück.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Hier hat er alles unter Kontrolle, muss niemanden einbinden, überzeugen oder Mehrheiten organisieren. Anders als der widerspenstige Koalitionspartner SPD macht das Flugzeug, was er will.Merz hat sich die Stellung ganz oben hart erarbeitet. Er wurde in jungen Jahren Abgeordneter, er hat als Wirtschaftsjurist und beim Vermögensverwalter Blackrock Millionen verdient. Er hat drei Mal Anlauf genommen, um Parteivorsitzender der CDU zu werden, und ist seit Mai 2025 endlich deutscher Kanzler, lange Jahre nachdem Angela Merkel ihn im internen Machtkampf kaltgestellt hat.Der Platz oben ist nicht nur Ausdruck seines Ehrgeizes und Erfolgs. Aus grosser Höhe auf die Dinge zu blicken, zeichnet seine Art zu denken aus. Selbst seine Gegner anerkennen seinen scharfen analytischen Verstand und seine rasche Auffassungsgabe.Möglicherweise aber spricht die Tendenz, die Dinge von oben zu betrachten, nicht nur für ihn. Merz, sagt einer, der mit ihm eng zusammenarbeitet, sehe sich auf einer Stufe mit Staatsmännern wie Donald Trump und Xi Jinping. Einer, der über den Niederungen des Regierungsalltags schwebt. Der vielleicht sogar auf sie herabschaut.1999 hatte sich Merz bereits einen Namen als Finanzexperte seiner Fraktion gemacht.Ullstein / GettyTischgebet, Kirche, OrdnungDavon hängt viel ab. Jetzt, da Merz ein ganzes Land und nicht nur sein kleines Flugzeug steuern muss, stellt sich die Frage: Hat Merz die Hartnäckigkeit, als Kanzler auch im widrigen Koalitionsalltag zu bestehen?Wer darauf eine Antwort geben will, muss sich den Menschen Merz anschauen. Der musste sich schon früh mit Widrigkeiten herumschlagen. Niederlagen begleiteten seinen Aufstieg. Und oft genug scheiterte er, der Impulsive und Verletzliche, an sich selbst. Kenner seines Lebens wie sein Biograf Volker Resing sind überzeugt: Bis heute steckt in dem Mann etwas vom Jungen aus dem Sauerland, der das Gefühl hatte, zu spät angefangen zu haben.Das Elternhaus war bürgerlich, örtliches Honoratiorentum. Tischgebet, Kirche, Ordnung. Doch der junge Friedrich Merz begehrte dagegen auf. Die antiautoritäre Welle, die Anfang der 1970er Jahre das Land erfasste, trug auch Merz mit sich.Er rauchte früh, trank und hing herum. Er sass hinten im Klassenzimmer, spielte Karten und vernachlässigte die Schule. Er blieb sitzen, flog gar vom Gymnasium. Bis sein Vater, ein Jurist, die Geduld verlor: Wenn der Junge so weitermacht, verfügte er, soll er eben auf den Bau gehen und Maurer werden.Dass es dazu nicht kam, lag vor allem an seiner Mutter. Sie redete auf den Vater ein und setzte durch, dass Friedrich noch eine Chance bekam und auf eine andere Schule wechseln durfte. Das Abitur machte er, glänzend war es nicht. Später sagte Merz einmal: «Ich ärgere mich, dass ich so wenig aus meiner Schulzeit gemacht habe.» Dieser Satz ist vielleicht der Schlüssel zu seinem Leben.Friedrich Merz in Italien-Ferien mit seiner Frau Charlotte.Ullstein / GettySeine Frau sah ihn zuerst betrunkenDenn der Ehrgeiz, der Friedrich Merz später antreiben sollte, war nie der Ehrgeiz eines Wunderkindes. Es war der Ehrgeiz des Nachholers. Der Ehrgeiz eines Mannes, der früh das Gefühl entwickelte, Zeit vergeudet zu haben und deshalb nun mit umso grösserer Dringlichkeit an seinem Aufstieg arbeiten zu müssen.Die Initialzündung war seine Ehefrau Charlotte. Die beiden lernen sich auf einer Studentenparty in Bonn kennen, wo Friedrich ein Jurastudium aufgenommen hat. Merz hängt damals betrunken im Arm einer anderen Frau. Charlotte denkt zunächst, er sei vergeben. Kurz darauf kommen sie trotzdem zusammen. Schnell wird sie schwanger. Ihr Sohn Philippe wird unehelich geboren – für ein bürgerlich-konservatives Milieu der achtziger Jahre alles andere als selbstverständlich.Mit Charlotte beginnt sich sein Leben zu ordnen. Jetzt entwickelt sich jener Leistungswille, der ihn später fast verbissen antreiben wird. Aus dem Jugendlichen, der beinahe auf dem Bau gelandet wäre, wird ein hochdisziplinierter Jurist. Dieser Merz nimmt die Herausforderungen eines Alltags an, der sich von nun an vor allem ums Kleingedruckte dreht. Der Mann, der gerne von oben auf die Dinge blickt, kämpft sich durch Paragrafen und Vertragstexte.«Wir wussten alle, dass er in einer anderen Liga spielt»Der Ehrgeiz des Nachholers beginnt Früchte zu tragen. 1989 zieht Merz ins Europäische Parlament ein. Dort erlebt er Mauerfall und europäische Umbrüche aus nächster Nähe. Europapolitisch wird er zum Kohlianer. Die europäische Einigung prägt sein Denken tief.1994 zieht er in den Bundestag ein. Dort fällt er schnell auf. Armin Laschet, der mit ihm Abgeordneter in Bonn wird und gegen den Merz 2021 im Rennen um den Parteivorsitz unterlag, sagte später über ihn: «Wir wussten alle, dass er in einer anderen Liga spielt.» Gemeint waren seine intellektuelle Brillanz und sein rhetorisches Talent.Doch er bleibt ein Aussenseiter. Kein Netzwerker. Merz glaubt an die Kraft des besseren Arguments und die eigene Überlegenheit. Das macht ihn selbstbewusst, aber auch politisch verletzlich.Merz gilt in der Kohl-Zeit als liberaler ReformerIn den letzten Kohl-Jahren bis 1998 gehört er zu den wirtschaftsliberalen Reformern. Er widerspricht Kohl offen, fordert marktwirtschaftliche Reformen, pocht auf Haushaltsdisziplin. Der «Bierdeckel-Merz» reift in jenen Jahren in ihm heran: ein Politiker, der überzeugt ist davon, dass eine gute Steuererklärung auf wenigen Zeilen genügen müsste, der Deutschland effizienter, marktwirtschaftlicher und moderner machen will. Das Leitmotiv seiner Kanzlerschaft wird in jenen Jahren geboren.Nach Kohls Wahlniederlage kreuzen sich seine Wege mit denen Angela Merkels. Es ist die entscheidende Konfrontation seines politischen Lebens. Wolfgang Schäuble, Kohls Kronprinz und Nachfolger im Parteivorsitz, hatte beide gefördert und einmal gesagt: «Wir haben zwei grosse Talente.» So brachte die Partei zwei Alphatiere gleichzeitig in Stellung.Inhaltlich liegen Merkel und Merz anfangs gar nicht weit auseinander. Der Unterschied liegt eher im Stil. Merkel wartet, beobachtet und organisiert Mehrheiten. Merz geht nach vorne, formuliert Ideen und kassiert die Prügel.2002 eskaliert die Rivalität. Merkel, nach Schäubles Sturz über Kohls schwarze Kassen CDU-Chefin, verzichtet zugunsten des bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber auf die Kanzlerkandidatur – sichert sich aber im Gegenzug den Fraktionsvorsitz im Deutschen Bundestag. Damit verliert Merz sein Machtzentrum. Merz ist ins Mark getroffen. Und hier zeigt sich zum ersten Mal seine charakterliche Schwäche. Er kämpft nicht bis zum Ende, ringt nicht im Kleinen, um sein grosses Ziel zu erreichen.Der damalige CSU-Chef Edmund Stoiber 2002 im Gespräch mit Friedrich Merz und Angela Merkel.Ullstein / GettyRückzug auf RatenMöglichkeiten dazu hätte es durchaus gegeben. Teile der Partei stehen hinter ihm. Doch Merz ist kein harter Machtpolitiker. Er telefoniert nicht gern, verachtet das permanente Netzwerken und glaubt lange, Rationalität müsse sich am Ende durchsetzen.Dass die Partei nicht erkannte, dass er der bessere Kopf ist, verletzte ihn tief. Also zieht er sich in Raten zurück, wird zunächst Merkels Stellvertreter in der Fraktion. Inhaltlich drückt er der Partei durchaus noch seinen Stempel auf. 2003, beim Leipziger Parteitag, ist die CDU eine zutiefst wirtschaftsliberale Partei. Dennoch kann Merz nicht mit Merkel, will bei der Bundestagswahl 2005 nicht Finanzminister ihres Schattenkabinetts werden.Und wieder zeigt sich das Muster seines Lebens: Friedrich Merz reagiert auf Kränkungen zunächst mit Rückzug, um später mit umso grösserem Ehrgeiz zurückzukommen.Merz wird zur ProjektionsflächeEr verlässt die Politik und geht in die Wirtschaft. Dort findet er plötzlich eine Welt vor, die ihm viel stärker entspricht. Entscheidungen werden schneller getroffen, Leistung wird direkter belohnt. Er verdient Millionen, wird Vorsitzender der Atlantik-Brücke, Bestsellerautor, Aufsichtsrat des deutschen Ablegers von Blackrock.Und doch bleibt er innerlich Politiker. Je länger Merkel regiert, desto stärker rückt die CDU nach links. In konservativen und wirtschaftsliberalen Kreisen wächst die Sehnsucht nach einem anderen Kurs. Merz merkt, dass er Wirkung entfaltet. Dass Menschen ihm zuhören. Dass er für viele zur Projektionsfläche geworden ist. Wieder beginnt der Ehrgeiz des Nachholers in ihm zu arbeiten.Diesmal noch stärker als zuvor. Als Merkel ihren Rückzug ankündigt, kehrt Merz zurück. Zweimal verliert er den Kampf um den Parteivorsitz, 2018 und 2021. Zweimal steht er, der ewige Mann der Zukunft, kurz davor, endgültig zur Figur der Vergangenheit zu werden.Der frühe Merz wäre wahrscheinlich gegangen. Und tatsächlich überlegt Merz, alles hinzuwerfen, wie Vertraute zu berichten wissen. Doch diesmal bleibt er. 2022 ist er am Ziel, wird Parteichef, Oppositionsführer, später Kanzlerkandidat.Das ist der eigentliche Unterschied zwischen dem jungen und dem späten Merz. Früher zog er sich nach Niederlagen zurück. Jetzt beisst er sich fest. Er lernt, dass in der Politik Intelligenz nicht ohne Beharrlichkeit auskommt.Nach der Wahl am 23. Februar 2025 ist es so weit: Seine Zielstrebigkeit hat ihn nach ganz oben gebracht, ins Bundeskanzleramt. Es stellt sich nur die Frage, was ihn nun oben hält. Der Ehrgeiz des Spätzünders war schliesslich mit dem Einzug ins Kanzleramt gestillt. Was tut jemand, der jahrelang für ein Ziel kämpft, wenn er es erreicht hat? Kämpft er weiter? Nur: wofür? Aus seiner Umgebung heisst es, Merz habe panische Angst davor, als Fussnote in die deutsche Geschichte einzugehen und kürzer als sein Vorgänger Olaf Scholz zu amtieren. Doch reicht Angst als Antrieb aus? Merz muss sich nun neu erfinden. Der Solitär wird nicht mehr gebraucht. Kanzlerschaft ist Beziehungsarbeit.Die Wahl 2025 gewinnt er mit einem Reformprogramm, indem er sich treu bleibt. Mit der SPD lässt sich dieses Programm allerdings kaum verwirklichen. Der kleinere Koalitionspartner ringt Merz stattdessen schnell Milliardenschulden und Zugeständnisse bei der Rente ab. Besonders die Parteijugend, die zu den Merzianern der ersten Stunde gehört, ist empört. Sie glaubt, dass Merz ihre Zukunft der Koalitionsräson opfert.Friedrich Merz 2025 im Deutschen Bundestag.Liesa Johannssen / ReutersMerz bringt den linken SPD-Flügel unnötig gegen sich aufAn einem Treffen mit den Jungen im November 2025 zeigt sich das besonders deutlich. Merz fordert harte Geschlossenheit und Disziplin ein, fast soldatisch. Doch weder im Vorfeld noch auf der Veranstaltung geht er empathisch auf die Jungen zu.Abermals gewinnt der Solitär die Oberhand. Umgekehrt vergrault er mit markigen Äusserungen zur Zukunft der Rente – «wird allenfalls noch eine Basisabsicherung sein» – den linken Flügel der SPD. Auf den ist er aber angewiesen, will die Koalition Reformen auf den Weg bringen.Merz’ Kanzlerschaft wird nur funktionieren, wenn er ausgerechnet jene Kräfte einbindet oder wenigstens nicht unnötig aufbringt, die ihm kulturell und politisch fernliegen: den linken Flügel der SPD, die Gewerkschaftsnahen, die Sozialstaatsverteidiger in der Fraktion. Deshalb suchte Merz zuletzt demonstrativ die Nähe zur SPD-Bundestagsfraktion. Sein Besuch dort war mehr als eine höfliche Geste. Es war der Versuch eines Mannes, der langsam begreift, dass man politische Mehrheiten nicht einfach kommandieren kann.Abhängig von Menschen, die ihm fremd sindEs ist nicht ohne Ironie: Der Mann, der sich sein Leben lang aus eigener Kraft nach oben gearbeitet hat, ist nun plötzlich abhängig von Menschen, deren politische Instinkte ihm fremd sind.Und vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung für Friedrich Merz. Nicht die Weltwirtschaft. Nicht Russland. Nicht die AfD. Sondern die Fähigkeit, Nähe zu organisieren, obwohl ihm Distanz lieber ist. Die entscheidende Frage seiner Kanzlerschaft ist nicht, ob Friedrich Merz intelligent genug für das Kanzleramt ist. Das hat er bewiesen. Doch ein Land lässt sich nicht allein aus dem Cockpit heraus regieren. Nun muss er zeigen, dass er das begriffen hat.Passend zum Artikel