Die jüngste Umfrage zur Landtagswahl in Berlin sieht für CDU und SPD schlecht aus. Die beiden regierenden Parteien sind auf die Plätze vier und fünf zurückgefallen, während sich die Linke an die Spitze geschoben hat. Lag es an dieser Umfrage, dass die schwarz-roten Koalitionäre im Bund in ihr Reformpaket noch den Punkt aufnahmen, mit einem Bundesgesetz die Verstaatlichung von Mietwohnungsbeständen durch einzelne Bundesländer zu untersagen? Die Linken-Kandidatin Elif Eralp setzt im aufgeheizten Berliner Wohnungsmarkt bislang ganz auf das Enteignungsthema, um ins Amt der Regierenden Bürgermeisterin zu kommen.CSU-Chef Markus Söder wies am Donnerstag den Eindruck zurück, dass der Plan der Koalition zuvorderst darauf zielt, einen Wahlsieg der Linken in Berlin zu verhindern. Der Grund sei ein anderer, sagte Söder. Die Enteignungsdebatte habe zu einer „massiven Zurückhaltung“ von Investoren beim Wohnungsbau geführt. Deshalb brauche es die „Absage an den Sozialismus“, fügte er hinzu. „In der ganzen Welt wird gefragt: Was ist da in Deutschland los?“, sagte Kanzler Friedrich Merz (CDU). „Wenn Entscheidungen auf der Ebene der Länder dazu führen, dass wir in ganz Deutschland ein Problem bekommen, dann reagieren wir.“ Investoren müssten keine Enteignungen fürchten.Nur noch 200.000 neue Wohnungen im JahrMehr als eine Million Wohnungen fehlen in Deutschland. In den Großstädten und ihrem Umland klaffen Nachfrage und Angebot seit mehr als zehn Jahren weit auseinander. Die Zahl der fertiggestellten Wohnungen ist 2025 auf 206.600 gesunken. In diesem Jahr wird ein weiterer Rückgang erwartet. Selbst nach konservativen Schätzungen wären mindestens 100.000 Wohnungen mehr im Jahr nötig, um den Bedarf zu decken.Die Gründe für die Bauzurückhaltung sind vielfältig. Im Zuge der Corona- und der Energiepreiskrise sind die Kosten für Baumaterialien sprunghaft gestiegen. Auch die strengeren staatlichen Auflagen etwa zur Energieeffizienz machen den Wohnungsbau zunehmend unwirtschaftlich, klagen Wohnungsverbände. 4630 Euro kostete es zuletzt im Mittel, einen Quadratmeter Wohnfläche in einer deutschen Großstadt zu errichten, den Grundstückspreis noch nicht eingerechnet. Seit dem Jahr 2020 sind die Baukosten um mehr als 50 Prozent gestiegen.In Berlin kamen noch verschärfend der 2020 von einem rot-rot-grünen Senat verhängte Mietendeckel und der erfolgreiche Volksentscheid für die Enteignung großer Wohnungsunternehmen im Jahr darauf dazu. Zwar kippte das Bundesverfassungsgericht das Experiment mit staatlich festgelegten Höchstmieten für jede Wohnung schnell wieder. Es gilt jedoch als nicht unwahrscheinlich, dass eine linke Landesregierung einen neuen Anlauf nehmen könnte. Auch die „Vergesellschaftung“ von Immobilien hat im linken Parteienspektrum in der Hauptstadt viele Anhänger. Auf Druck der SPD hat das Abgeordnetenhaus im März dieses Jahres ein Vergesellschaftungsrahmengesetz beschlossen. Es soll vor dem Inkrafttreten zwar noch verfassungsrechtlich überprüft werden. Wirtschaftsverbände sind dennoch alarmiert.Droht eine neue Finanzkrise?Jüngst warnten mehrere Berliner Banken vor den Folgen einer Entwertung von Immobilienbeständen. Da Häuser oft als Sicherheiten für Kredite eingesetzt werden, sehen die Institute eine mögliche Finanzkrise kommen. All diese Vorgänge in der Landespolitik sind auch in der Bundespolitik zunehmend ein Gesprächsthema.Im Jahr 2016 wurden in Berlin noch mehr als 25.000 Bauanträge für neue Wohnungen genehmigt. In den Folgejahren ging es stetig bergab, bis auf 9800. Erst von 2024 auf 2025 gab es wieder einen Aufwärtstrend, 13.754 neu genehmigte Wohnungen stehen für das vergangene Jahr in der Statistik. Auf Bundesebene setzte der Abwärtstrend erst später ein, aber auch dort deutlich: Von 381.000 genehmigten Wohnungen 2021 ging es nach unten auf 215.000 im Jahr 2024. Im vergangenen Jahr gab es wie in Berlin eine Trendwende nach oben, hin auf 238.000 Wohnungen. Allerdings wird bei Weitem nicht jede Genehmigung auch umgesetzt.Der Klingbeil-Plan hat jetzt einen NamenUm den Frust der vielen Wohnungssuchenden im Land zu lindern, trommelt die SPD seit März für die Gründung einer Bundesbaugesellschaft. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) hatte die Idee in seiner Rede vor der Bertelsmannstiftung platziert, Bauministerin Verena Hubertz (SPD) nahm sie dankbar auf. Im Beschlusspapier des jüngsten Koalitionsausschusses bekommt der Plan nun auch einen Namen: WBG, Wohnungsbaugesellschaft für bezahlbares Wohnen. Sie soll in erster Linie den Bau von Sozialwohnungen vorantreiben. Für günstige Mieten soll der Bau mit vorgefertigten Teilen sorgen.Das Urteil von Ökonomen nach Bekanntwerden des Plans im Frühjahr fiel vernichtend aus. Eine „abwegige Idee“ urteilte die Wirtschaftsweise Veronika Grimm mit Verweis auf die oft besonders langsamen und teuren Prozesse bei staatlichen Bauprojekten. Rund 800 öffentliche Wohnungsunternehmen gibt es auf kommunaler Ebene in Deutschland. Die städtischen Gesellschaften kämpfen mit den gleichen Problemen wie die privaten: hohe Anforderungen, hohe Kosten.Auch in anderen europäischen Ländern gibt es kommunale Wohnungsgesellschaften der öffentlichen Hand. Mit einem Bundesunternehmen würde Deutschland dagegen Neuland betreten. Noch am ehesten vergleichbar mit der staatlichen WBG könnte das Housing and Development Board (HDB) des Stadtstaats Singapurs sein, über das sich der Bauausschuss des Bundestags vor einiger Zeit im Rahmen einer Reise informierte.Rund 80 Prozent der Singapurer wohnen in einer öffentlich geförderten Wohnung des HDB. In Singapur entstehen allerdings kaum klassische Mietwohnungen. Das gängige Modell ist vielmehr, dass der Staat nur baut und die Bürger dann von ihm ein Eigentumsrecht auf Zeit (99 Jahre) erwerben. In Deutschland konzentriert sich die Wohnungspolitik dagegen weitgehend auf den Mietwohnungsbau. Weniger als die Hälfte der Menschen lebt in den eigenen vier Wänden, so wenige wie in keinem anderen europäischen Land.