© Andreas Feininger Archive c/o Zeppelin Museum FriedrichshafenAnlässlich des 250. Jahrestages der Gründung der USA erzählen wir die Geschichten dieser Bilder und der Fotografen dahinter.03.07.2026, 15.20 Uhr6 LeseminutenWenn man durch die Fotobücher des 20. und 21. Jahrhunderts blättert, fallen einem besonders viele ikonenhafte Fotografien aus Amerika ins Auge. Die USA brachten eine unvergleichlich grosse Menge an stilprägenden Fotografien hervor. Wir zeigen eine Auswahl von Aufnahmen herausragender Fotografen und Fotografinnen, die ein prägendes Bild des Amerika ihrer Zeit zeichneten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Selbstporträt der Autodidaktin Vivian Maier 1953 in New YorkVivian Maier / John Maloof CollectionZu Beginn ein geheimnisvolles Bild, das Selbstporträt einer Frau in strenger Kleidung und mit strengem Blick in New York. Vivian Maier lebte von 1926 bis 2009 und arbeitete als Haushälterin und Kindermädchen. Nach ihrem Tod fand man bei einer wegen Mietschulden angeordneten Zwangsversteigerung ihrer Habseligkeiten unzählige Fotos und Negative. Nach und nach wurde klar, dass es sich dabei um einen fotografischen Schatz und um einzigartige Zeitdokumente des Amerika des 20. Jahrhunderts handelte. Maier war eine Autodidaktin. Sie begann 1949 zu fotografieren und soll über 100 000 Fotos gemacht haben, eine unvorstellbare Zahl in der analogen Zeit der Fotografie. Dieser riesige fotografische Nachlass, der so vielfältige Motive wie Demonstrationen für soziale Gerechtigkeit bis hin zu Selbstporträts von Maier zusammen mit ihr anvertrauten Kindern zeigt, zeugt von einem grossen Interesse an ihrer Gegenwart und einer ungeheuren Ausdauer.Im Hintergrund dieser Szene rauchen die Türme des World Trade Centers nach den Angriffen am 11. September.Thomas Hoepker / MagnumDas ist ein viel diskutiertes Bild der Ereignisse vom 11. September des aus Deutschland stammenden Fotografen Thomas Hoepker. Laut seiner Aussage wurde das Foto oft missverstanden, wurde aber gerade dadurch zu einem der bekanntesten Zeugnisse dieses Tages. Die Personen, die auf dem Foto zu sehen sind, geniessen laut Hoepker keinesfalls – wie viele annahmen – eine Pause im Freien, während hinter ihnen die Zwillingstürme brennen. Vielmehr erläutern sie in sicherem Abstand zum Ort der Katastrophe einem hinzugekommenen Radfahrer, was da gerade passiert ist. Das Bild zeigt, dass News-Ereignisse immer auch eine andere Perspektive haben können. Hoepker sagte in einem Interview, dass er eigentlich nach Downtown wollte, es aber aufgrund des Chaos ganz einfach nicht dorthin geschafft hat. In den USA wurde dieses Bild aufgrund der Kontroverse um die vermeintliche Sorglosigkeit der abgebildeten Personen bis heute kaum veröffentlicht.Malcolm X auf einer Kundgebung in Chicago, Illinois, 1963.Gordon Parks, Courtesy of and copyright The Gordon Parks FoundationDer Fotograf dieses Bildes, Gordon Parks, war der erste schwarze amerikanische Fotojournalist. Als er 1963 dieses Bild machte, hatte sich Malcolm X gerade von der gewalttätigen Vereinigung Nation of Islam und seinem Hass auf Weisse losgesagt. Er wurde zu einem der wichtigsten und populärsten Anführer der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung in Amerika. Gordon Parks arbeitete für das New Yorker Magazin «Life». Die Redaktion dort war zu Beginn nicht sicher, ob Parks objektiv genug war, wenn er Malcolm X für das Magazin fotografierte. Parks sagte dazu: «Natürlich habe ich gemeinsame Interessen mit der schwarzen Revolution, nämlich dieselben Freiheiten und Rechte zu haben wie jeder Amerikaner.» Mit seinen Fotoreportagen trug Parks dazu bei, Malcolm X in den USA landesweit bekannt zu machen.Eine Spinnerei in Newberry in South Carolina im Jahr 1908 .Lewis Hine / Library of CongressDie Aufnahme zeigt ein minderjähriges Mädchen, das an einer riesigen Webmaschine in einer Fabrik in South Carolina arbeitet. Der Anspruch, mit Fotografie die Welt zu verbessern, begleitete den Fotografen Lewis Hine – 1874 in Wisconsin geboren – sein Leben lang. Das 1908 entstandene Bild war Teil seines Kampfes gegen die zu dieser Zeit vor allem unter Migranten übliche Kinderarbeit. Hine wuchs selbst in ärmlichen Verhältnissen auf und erlernte autodidaktisch die Technik und Sprache der Fotografie. Seine Bilder erschienen als Zeugnisse sozialer Ungerechtigkeit in diversen Zeitschriften. 1908 wurde er vom Nationalen Komitee gegen Kinderarbeit angestellt, dessen öffentliches Bild er von da an massgeblich prägte. Durch die Fotografien von Hine erreichte das Komitee einen grossen Einfluss auf die Politik und konnte Veränderungen für die über eine Million unter 16-Jährigen erwirken, die in dieser Zeit auf amerikanischen Feldern oder in den Fabriken arbeiteten.Ein Anhänger Trumps auf einer Maga-Kundgebung am 19. January 2025.Bruce Gilden / Magnum«Ich bin dafür bekannt, dass ich meine Motive aus nächster Nähe fotografiere, und je älter ich werde, desto näher komme ich ihnen.» Das sagt der Fotograf Bruce Gilden, der 1946 in Brooklyn geboren wurde. Hier hat der damals 78-Jährige im Januar 2025 einen Teilnehmer einer «Make America Great Again»-Kundgebung anlässlich des Sieges Donald Trumps bei den Wahlen 2024 fotografiert. Gilden hat sich in seiner gesamten Laufbahn mit den Menschen Amerikas beschäftigt. Seine Porträts und Strassenfotografien sind das Gegenteil von «schöner» Porträtfotografie. Durch den harten Blitz und die grenzüberschreitend kurze Distanz gibt es keine weichen Züge. So nah will man Menschen, selbst bei Porträts, eigentlich nicht kommen. Bruce Gilden schont die Betrachter seiner Fotos nicht, sondern hält ihnen ein ungeschöntes Gesellschaftsporträt des zeitgenössischen Amerika vor.New Yorker Polizisten begutachten den Schaden an einem Polizeiwagen nach einem Unfall 1941 in New York.Weegee (Arthur Fellig) / ICP via GettyArthur Fellig hatte seit 1938 als erster amerikanischer Fotograf die offizielle Erlaubnis, Polizeifunk abzuhören. Sein Markenzeichen waren mit Blitzlicht hart ausgeleuchtete, sehr direkte Bilder von Unglücksorten oder Tatorten. Er fotografierte die vielen Mordopfer auf New Yorks Strassen, aber auch Verkehrsunfälle wie diesen hier, bei dem ein Fahrzeug der New Yorker Polizei einen Totalschaden erlitt. Fellig arbeitete sich mit seiner recht aggressiven Art zu fotografieren von einer Aushilfe zu einem Reporter mit Millionenpublikum hoch. Was heute als Paparazzi- oder Boulevardfotografie gilt, erhob Fellig zu einer Kunstform. Er zeigte damit ein Bild der rauen Wirklichkeit und der ausufernden Kriminalität der vierziger Jahre in Amerika.Marilyn Monroe am Set von «Das verflixte 7. Jahr». 1954 in New York.Elliott Erwitt / Magnum«Der Vorteil daran, Fotos von Prominenten zu machen, ist, dass sie veröffentlicht werden.» Der Fotograf Elliott Erwitt, der 1939 in die USA emigrierte und viele Porträts von berühmten Persönlichkeiten machte, sah Fotografieren als eine Mischung aus Spontanität und Erfahrung an. Dieses so intim wirkende Bild von Marilyn Monroe nahm Erwitt 1954 am Set eines ihrer erfolgreichsten Filme («Das verflixte 7. Jahr») auf. Erwitt machte bei diesen Dreharbeiten auch die ikonografischen Bilder, die Monroe mit einem hochgewehten weissen Kleid über einem U-Bahn-Schacht zeigten. Bei dieser Aufnahme aber fotografierte er eine andere Marilyn Monroe. Sie las gerne und viel und war weit mehr als eine Schauspielerin, die nur Männerfantasien bediente. Erwitt, der 1954 auch der berühmten amerikanischen und weltweit ersten Fotoagentur beitrat, sagte über das Fotografieren von Prominenten: «Lassen Sie sich vor allem nicht einschüchtern. Denken Sie daran, dass selbst die berühmtesten Prominenten sich abends vor dem Schlafengehen die Zähne putzen.»Schneebedeckte Gipfel in Wyoming 1941.Ansel Adams, Smith Collection / Gado / Archive Photos / GettyDiese Fotografie kreist im All. Sie befindet sich zusammen mit anderen Bildern als kulturelles Zeugnis der Erde an Bord der 1977 gestarteten interstellaren Raumsonde Voyager 1. Das Bild fotografierte der berühmte amerikanische Landschaftsfotograf Ansel Adams mit einer grossformatigen Plattenkamera in Wyoming in den Rocky Mountains nach einem eigens entwickelten Zonensystem. Dieses sollte die natürliche Helligkeitsverteilung optimal auf einem fotografischen Negativ abbilden. Adams nannte seine Art zu fotografieren «straight photography» und meinte damit realistische, «reine» Abbilder der Wirklichkeit. Das präzise durchkomponierte Bild entstand ursprünglich im Auftrag der amerikanischen Regierung, die damit Wandbilder für ein neues Museum in Washington erstellen wollte. Das Projekt wurde während des Krieges abgebrochen, aber Adams erzielte mit diesen Bildern bereits Ende der siebziger Jahre fünfstellige Preise auf Auktionen, die höchsten Summen für Fotografien bis dahin. Adams gelang es, die Wildheit und Grösse der amerikanischen Landschaft auf fotografische Abbildungen zu übertragen. Er gilt bis heute als einer der bedeutendsten Landschaftsfotografen der Welt.Protestteilnehmerin auf einer der «No Kings»-Demonstrationen am 14. Juni 2025 in Kalifornien.Carolyn Drake / MagnumDie amerikanische Fotografin Carolyn Drake, ein Magnum-Mitglied, ist eigentlich vor allem für ihre Bilder aus China und Zentralasien bekannt. 2025 aber fotografierte sie bei den landesweiten Protesten gegen die autoritäre Regierung unter Donald Trump. Sie machte ein Bild einer Protestteilnehmerin, die ein Kostüm der dystopischen amerikanischen Serie «The Handmaid’s Tale» als Verkleidung trug, abseits der Menschenmassen. So verbindet Drake auf verschiedenen Ebenen die politischen und kulturellen Bruchlinien des heutigen Amerika. In dem Kostüm der Serie, die eine streng patriarchalische und diktatorisch organisierte Welt entwirft, spiegelt sich in Drakes Interpretation die gegenwärtige Wirklichkeit unter Trump. Gleichzeitig zeigen Drakes Fotos, wie sich eine grosse Anzahl von Amerikanern mithilfe von popkulturellen Zeichen gegen eine Beschneidung ihrer Rechte zur Wehr setzt.