Die Bundesregierung will die telefonische Krankschreibung abschaffen. Sie sieht darin einen Grund für vermeintlich zu viele Fälle von Arbeitsunfähigkeit. Offensichtlich geht die Koalition von einer nennenswerten Zahl ärztlicher Gefälligkeitsatteste aus. Doch machen die Menschen hierzulande wirklich häufig blau? Sind sie öfter krankgeschrieben als ihre Kollegen anderswo in Europa? Wie steht es tatsächlich um die Arbeitsmoral?Zunächst eine Bestandsaufnahme für Berlin: Die AOK Nordost hat unlängst die Daten zu Bescheinigungen von Arbeitsunfähigkeit (AU) analysiert. Die Krankenkasse kommt zu dem Ergebnis, dass ihre Mitglieder zuletzt 21,6 Tage im Durchschnitt pro Jahr krankgeschrieben waren. Der Trend ist leicht rückläufig.Das Gesamtniveau ist allerdings 2022 erkennbar angestiegen, nicht nur in Berlin, sondern bundesweit. Das lag insbesondere daran, dass zu diesem Zeitpunkt die elektronische Krankschreibung (eAU) eingeführt wurde, wie unter anderem eine Erhebung des Leibniz-Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung ergab. Die eAU geht automatisch von der Arztpraxis an die Kasse. Dadurch werden nun vor allem kurzzeitige Erkrankungen vollständiger erfasst, die eine Arbeitsunfähigkeit von bis zu 14 Tagen nach sich ziehen.