Der Krieg dauert schon lange, die Männer wollen ihn weiterführen, die Frauen haben ihn satt. Auf der Akropolis lässt Aristophanes seine Komödie „Lysistrata“ spielen, uraufgeführt im Jahr 411 vor unserer Zeitrechnung, mitten im für Athen desaströsen Peloponnesischen Krieg. Die Frauen der Stadt verweigern den Männern bei Aristophanes den Sex, besetzen die Burg und kontrollieren den Staatsschatz, mit dem der Konflikt finanziert wird.„Lysistrata“ hat den Wandel der Zeiten intakt überstanden, vielleicht aufgrund der genial erfundenen Satire-Handlung, vielleicht nur aus Zufall. Jedenfalls kennt man das Stück noch, ebenso wie die „Wolken“, die „Vögel“ und die „Frösche“ des Autors. Aber der derbe Humor des Originals gehe auf Kosten der Frauen, sagt Amanda Lasker-Berlin im Frankfurt der Gegenwart. Und viele der Figuren und Handlungssituationen wirkten auf heutige Zuschauer, die weitaus mehr Charakterzeichnung und Erklärung gewohnt seien, fragmentarisch.Im Auftrag der Bad Hersfelder Festspiele hat die Frankfurter Schriftstellerin daher eine „Überschreibung“ des Stückes verfasst. Um den bis heute frisch wirkenden Einfall des Sexstreiks wird sich auch in der Stiftsruine alles drehen. „Es bleibt bei Athen und der Antike“, sagt Lasker-Berlin: „Auch das Personal und der Gang der Handlung sind gleichgeblieben.“Sie liebt die AntikeTrotzdem hat sie alles neu geschrieben. Sie hat sämtliche Übersetzungen des Stücks gelesen, derer sie habhaft werden konnte, sich dann an der Übertragung von Erich Fried orientiert, ist das originale Stück Szene für Szene durchgegangen und hat dann eine eigene daraus gemacht. Dabei ging es ihr um Fragen wie die, warum Lysistrata, ihre Gefährtinnen und Gegner so handeln, wie sie es tun. „Wer ist sie überhaupt? Eine starke Führungsfigur. Aber wo kommt sie her? Was macht sie, wenn sie nicht auf der Bühne ist?“„Ich habe großen Respekt vor der ursprünglichen Fassung“, sagt Lasker-Berlin. Dabei schlägt ihr Herz eher für die altgriechische Tragödie als für die Komödie. Die „Elektra“ des Sophokles, die „Orestie“ des Aischylos: „Es hat etwas Märchenhaftes, Grundlegendes – der Übergang von einer Rachegesellschaft zu einer demokratischen, einer Gesellschaft, die sich verändert anhand von Individuen, von Handlungen, das fasziniert mich.“ Die antiken Figuren hätten ein starkes Verantwortungsbewusstsein. „Es sind Figuren, die extrem viel Kraft haben, auch ganz tolle Frauenfiguren sind darunter. Dazu die poetische Sprache.“ All das sei vereint.Im Lustspiel funktioniert all das ein wenig anders, aber um Kraft und Verantwortung für das große Ganze geht es auch in „Lysistrata“. Und ob ernst oder komisch: „Ich will das Beste herausholen aus diesen Ideen, die so alt sind“, sagt Lasker-Berlin. Aber natürlich trage sie den Blick von heute mit hinein. Der sich von dem des Aristophanes allerdings gar nicht so sehr unterscheidet. Von der Unmöglichkeit des Friedens aus diesem oder jenem Grund wird in heutigen Konflikten schließlich ebenso oft ausgegangen wie im Athen von damals. Genau gegen diese Sicht der Dinge begehren die Frauen auf.Alles Alte muss neu gemacht werdenUnd Lasker-Berlin verlässt sich lieber nicht darauf, dass die Zuschauer Stück und Stoff kennen: „Das Theater muss das Publikum mehr mitdenken.“ Sie sieht darin auch eine Chance: „Man kann bei null anfangen. Man muss allerdings auch bei null anfangen.“ Das sei jedoch eine generelle Herausforderung der Gegenwart: „Man muss heute anders erzählen.“ Auch in der Prosa: „Das ist die Aufgabe – für die Zeit zu erzählen, in der man lebt.“ Wenn das bedeute, Menschen zu erzählen, Figuren zu erzählen, niedrigschwellig zu sein – bitte schön.Gemeinsam mit der Regisseurin Marlene Anna Schäfer, die sie gut kennt, und den Schauspielern hat Lasker-Berlin rund um Besuche in der Stiftsruine am Stück gefeilt. Die weite Bühne, größer als anderswo, das Wasser, das bei Regen auf das Schutzdach prasselt, die Fackeln, die man im Theater sonst eher selten sieht, all das reizt sie. Vor 1500 Zuschauern im Publikum müssten Dialoge auch über große Distanz funktionieren: „Es muss sprachlich sehr genau sein, man darf nichts verschwafeln.“ Zumal viele Figuren auf die Bühne träten: „Über anderthalb Stunden Spieldauer müssen sie bei jedem Auftritt erkennbar sein.“Anders als im grundstürzenden Original geht es Lasker-Berlin weniger darum, dass die Männer sich dumm anstellen und die Frauen die Klügeren sind. Gegensatz und Konflikt sind bei ihr anders gelagert: „Es gibt ein Immer-weiter-so, und es gibt eine Gruppe, die anders denkt.“ Sie wollte „nachvollziehbare Figuren“ auf der Bühne sehen, „die nicht in Lachnummern gefangen“, aber trotzdem komisch sind. Selbstironisch sind sie daher geworden, sodass man eher über Situationen und Logiken lacht, nicht über die Menschen als Person, sagt sie. „Es ist immer noch eine Komödie, auch wenn die Figuren Tragisches mit sich bringen.“Sie selbst braucht jetzt erst mal einen Kontrast und schreibt an ihrem nächsten Roman, der 2027 erscheint, wie immer in der Frankfurter Verlagsanstalt: „Er spielt im Frankfurt der Zwanzigerjahre und der Siebzigerjahre und im Jetzt.“ Auch die Gegenwart hat ihre Vergangenheiten. Und die Athener Vergangenheit in Bad Hersfeld von nun an eine neue Gegenwart.„Lysistrata“, Bad Hersfelder Festspiele, Premiere 3. Juli, weitere Aufführungen am 5., 12., 18., 23., 26. und 31. Juli sowie am 1., 7., 8., 12. und 15. August, Beginn jeweils 21 Uhr
Lysistrata neu erzählt: Amanda Lasker-Berlin bei den Bad Hersfelder Festspielen
Amanda Lasker-Berlin hat für die Festspiele eine Neufassung der „Lysistrata“ geschrieben.









