Frisiert, nicht frittiert: wie Chinas Vierbeiner zu «pelzigen Kindern» wurdenEin entführter – und später verspeister – Border Collie löst in China eine Welle der Empörung aus. Der Fall zeigt vor allem eins: wie aus einer Nation von vermeintlichen Hundeverzehrern längst ein Volk von Hundeverehrern geworden ist.03.07.2026, 11.26 Uhr4 LeseminutenDer Border Collie Chutou, als er noch am Leben war.PDChutou ist tot. Gegessen, der Hund. In China. Am Leben aber sind weiterhin die Klischees von hundeessenden Chinesen. Jaja, diese Sprüche, dass es zur Kultur und Tradition Chinas gehöre, dass Hundefleisch zum Znacht auf dem Teller serviert werde, in Sojasauce gebraten, mit Sichuan-Pfeffer gewürzt. Chutou hätte da wohl verärgert gebellt – und sein Herrchen sich öffentlichkeitswirksam empört.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das mit der Empörung ist nun tatsächlich eingetreten. Denn Chutou – der Hundegott habe ihn selig – ist zu einem Symbol für den Kampf geworden, endlich brauchbare Tierschutzgesetze im Land einzuführen. Bis jetzt werden Haustiere in China als Eigentum behandelt. Sie sind schlicht Handelsware. Mögliche Vergehen gegen sie werden lediglich zivilrechtlich verfolgt. Das solle sich endlich ändern, so fordern es aufgebrachte Internetnutzer und zeigen damit, welchen hohen emotionalen und sozialen Wert Hunde in chinesischen Familien mittlerweile haben, all den Vorurteilen von China als hundeverzehrende Nation zum Trotz. Doch der Reihe nach.Knapp 50 Rappen für 500 Gramm HundChutou ist ein Border Collie. Er war es. Jahrelang begleitete das weissgrau gesprenkelte Tier den chinesischen Blogger Guo (seinen Vornamen nennt dieser nicht) auf seinen Reisen quer durch China. Xinjiang, Yunnan, die Innere Mongolei. Für Chutou und sein Herrchen ging es durch Sandstürme, durch Schneegestöber, durch Gewitter. Der Mann aus der Provinz Henan, im Osten Chinas am Gelben Fluss gelegen, hatte den Hund einst einem Strassenhändler abgekauft, so schreiben es chinesische Medien. Aus dem Streuner wurde nach einigen Jahren ein Internet-Star, mehr als 1,6 Millionen Nutzer folgten auf der chinesischen Plattform Douyin den Abenteuern von Hund und Herrchen. Guo aber wollte schliesslich auch einmal allein Ferien machen, den Hund liess er bei seinem Vater. Eines Tages war Chutou weg.Überwachungskameras lieferten später den Beweis: Ein Mann und eine Frau auf einem Elektro-Scooter, so zeigten es die Aufnahmen, hatten den Border Collie gestohlen. Später verkauften sie ihn an einen Hundefleischhändler, für je 500 Gramm gab es umgerechnet knapp 50 Rappen. Etwa 22 Schweizerfranken, umgerechnet, kassierten die Hundediebe für ihren Fang. Chutou wurde geschlachtet und landete als Gericht auf der Speisekarte eines Restaurants. Der Dieb, den Guo fand und zur Rede stellte, war sich keiner Schuld bewusst. Er habe schliesslich nichts Illegales getan, sagte er Guo vor laufender Kamera, den Hund habe er für einen Streuner gehalten. Halsband und Ortungssender will er übersehen haben.Mit Guo weinen nun Hunderte Chutou-Fans vor ihren Mobiltelefonkameras. Eine aussergerichtliche Einigung schlägt der Blogger aus. Er will Gerechtigkeit. Er will ein Gesetz gegen Tierquälerei.Einen Entwurf dazu gab es bereits im Jahr 2009. Doch das chinesische Landwirtschaftsministerium hält ein solches Gesetz bis jetzt für unnötig. Die Regierung fürchtet, dass mit einer Verbesserung des Wohlergehens von Nutztieren die Kosten für die Tierhaltung steigen könnten – und damit auch die Fleischpreise. Das dürfte in einer der grössten fleischessenden Nationen der Welt zu Unmut führen, etwas, das Peking nicht gern sieht. Immerhin: In Shenzhen und Zhuhai, den Metropolen im Süden Chinas, ist der Verzehr von Hunde- und Katzenfleisch seit 2020 gesetzlich verboten. Im selben Jahr strich das Landwirtschaftsministerium Hunde von der Liste der Nutztiere und erklärte sie zu Begleittieren.Yoga für Hunde oder Hundefleisch mit LikörDoch noch immer gibt es laut chinesischem Handelsregister etwa 20 000 Unternehmen mit Bezug zu Hundefleisch im Land. Es sind vor allem Restaurants. Tierschutzorganisationen sprechen von etwa zehn Millionen Hunden, die jährlich für den Verzehr getötet werden. Der Grossteil der Tiere stammt aus Diebstählen von Haustieren oder dem Einfangen von Streunern. Vor wenigen Jahren war die Zahl noch doppelt so hoch.«Mao Haizi» werden manche Haustiere in China genannt, pelzige Kinder. Sie werden gehegt und gepflegt – und wie hier in Schanghai in einem Kinderwagen spazieren gefahren.Future Publishing / GettyKnochenanalysen und alte Schriftstücke belegen den Verzehr von Hunden auf dem Gebiet des heutigen China seit der Jungsteinzeit. Das Fleisch dieser Tiere war damals gar teurer als jenes von Schweinen oder Hühnern. Es sollte vor Erkältungen schützen und die Potenz steigern. Später wurde es zum Armeleuteessen. Der Hund galt als ein Proteinpaket und versorgte die Menschen, wenn sonstiges Essen fehlte oder die Ernte ausfiel.Noch in den siebziger Jahren assen Studenten, auch ausländische, vor allem im Süden Chinas das Fleisch, um sich im nasskalten Winter innerlich aufzuwärmen. Bis heute preisen im kleinen südchinesischen Yulin die Menschen zur Sommersonnenwende am 21. Juni Hundefleisch an. Dabei werden Tausende Hunde getötet und mit Litschis und Likör serviert. Von Jahr zu Jahr aber gehen Tierschützer immer radikaler gegen das Fest vor. Mit Erfolg. Erst kürzlich schloss ein Hundeschlachthof in der Nähe von Yulin, wie die Tierschutzorganisation Humane World for Animals mit Sitz in den USA berichtet. Der ehemalige Besitzer bietet nun offenbar Frühstückscatering an, Dampfbrötchen, Reis, kein Hundefleisch.Hunde sind längst keine Leckerbissen mehr im Land. Sie sind Haustiere. Das aktuelle China Pet Industry White Paper, der Branchenbericht für die Trends und das Konsumverhalten auf dem chinesischen Heimtiermarkt, gibt mehr als 53 Millionen Hunde an, die in städtischen Haushalten leben. Katzen halten Chinesen noch lieber: Es sollen 72 Millionen Tiere sein.Die Haustierbranche ist zu einem riesigen Wirtschaftsfaktor herangewachsen und umfasst einen Markt von mehr als 300 Milliarden Yuan, das sind umgerechnet etwa 35 Milliarden Schweizerfranken. Es gibt Cafés für Hunde, in denen den haarigen Lieblingen aufgeschäumte Ziegenmilch mit Lachsstaub serviert wird. Es gibt Hundesalons mit vollem Wellness-Programm für den Vierbeiner, es gibt Hunde-Yoga, Hunde-Akupunktur, Hunde-Charterflüge.Für viele Chinesinnen und Chinesen sind Haustiere längst Familienmitglieder. «Mao Haizi», pelzige Kinder, nennen da manche ihre Hunde und Katzen und teilen Bilder von ihnen auf der Instagram-ähnlichen Plattform Xiaohongshu. Diese werden millionenfach angeklickt. Ähnlich wie auch Videos von Chutou angeklickt wurden. Sein Herrchen Guo ist nun weiter auf Reisen, ohne den geliebten Vierbeiner.Eine Lounge für Haustiere am Flughafen in Hangzhou im Südosten Chinas. Auch auf Reisen sollen sich die geliebten Vierbeiner wohl fühlen.China News Service via GettyPassend zum Artikel