Chutou war in China berühmt. Jahrelang begleitete der weiß-grau gesprenkelte Border Collie sein Herrchen auf Reisen durchs Land; anderthalb Millionen Follower sahen ihnen dabei zu. Als sein Besitzer Guo, ein Reiseblogger, kürzlich allein in den Urlaub fuhr und Chutou bei seinen Eltern ließ, geschah das Unfassbare.Eines Tages bemerkte Guos Vater, dass der Hund nicht mehr auf dem Feld war. Dort hatte Chutou ihn sonst bei der Arbeit in der Provinz Henan begleitet. Von dort stammt auch sein Name: Chutou bedeutet „Hacke“.Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigten später einen Mann und eine Frau, die den Hund auf einem Elektroscooter versteckt unter einer Decke mitnahmen. Für 180 Yuan, umgerechnet 22 Euro, verkauften sie den Border Collie an einen Hundefleischhändler. Der Preis wurde nach Gewicht berechnet: mit vier Yuan pro 500 Gramm, die Menschen sind arm auf dem Land. Noch am selben Tag wurde Chutou geschlachtet und bald darauf verzehrt.Sein Tod hat nun eine landesweite Debatte über Tierschutz, Haustierbesitz und die rechtliche Stellung von Tieren in China ausgelöst. Guo brach seine Reise ab, machte den mutmaßlichen Dieb Ende Mai in einem Nachbardorf ausfindig und stellte ihn zur Rede. Der Mann behauptete, er habe Chutou für einen Streuner gehalten.Kein landesweites TierschutzgesetzGuo fand auch das Restaurant, in der Hoffnung, wenigstens das Fell seines Hundes zurückzubekommen. Doch der Metzger habe ihm nur gesagt, das Fell sei längst im Müll entsorgt worden. Der mutmaßliche Täter bot Guo später an, ihm ersatzweise einen Welpen zu geben. Guo lehnte ab und erstattete Anzeige. Man kann vieles ersetzen. Einen Hund meistens nicht.Der Reiseblogger mit seinem Hund Chutou用青春去旅行/DouyinDie Polizei nahm den Fall zunächst als Ordnungswidrigkeit auf. In China gibt es kein landesweites Tierschutzgesetz für Haustiere. Hunde werden rechtlich vor allem als Eigentum behandelt; Streit darüber landet meist im Zivilrecht. Strafrechtlich relevant wird Diebstahl in der Regel erst von einem Wert des gestohlenen Gegenstands von 2000 Yuan an, umgerechnet rund 250 Euro.Ob Chutous Marktwert diese Schwelle überschritt, war trotz seiner großen Internetprominenz zunächst schwer nachzuweisen. Ein später von der Polizei in Auftrag gegebenes Gutachten kam nun zu dem Ergebnis, dass Chutou mehr als 2000 Yuan wert gewesen sei. Am 6. Juni wurde der Fall damit offiziell als Strafverfahren eingestuft.Hoher emotionaler WertDie Pekinger Ta-Tierschutzorganisation erklärte, die öffentliche Reaktion betreffe nicht allein den Verlust eines berühmten Hundes. Sie spiegele auch die Sorge über ein seit Langem bestehendes Problem: Haustiere könnten in China noch immer wie Handelsware behandelt werden. Der Fall zeige, wie stark in der Öffentlichkeit der Wunsch nach klareren rechtlichen Grenzen bei Diebstahl, Handel und Tierquälerei gewachsen sei – und nach einer stärkeren Anerkennung des emotionalen und sozialen Werts, den Haustiere für viele Familien inzwischen haben.Das ist auch eine Folge des gesellschaftlichen Wandels. Haustiere werden in China immer häufiger zu Familienmitgliedern, Gefährten, manchmal auch zu Kinderersatz. Vergangenes Jahr überstieg die Zahl der Haustiere in China erstmals die der Kinder unter vier Jahren. Zwei Drittel der Haustierbesitzer sind offiziellen Angaben zufolge jünger als vierzig. Für viele jüngere Chinesen ist Tierschutz deshalb längst kein Luxusproblem mehr.Einige Städte haben den Verzehr von Hunde- und Katzenfleisch mittlerweile verboten, überhaupt soll der Konsum insgesamt abnehmen. 2020 strich das Landwirtschaftsministerium Hunde von der Liste der Nutztiere. Zwischen Gesetzestext, lokaler Praxis und ländlicher Armut aber klafft weiter eine Lücke.Wie sehr das Thema Tierwohl inzwischen mobilisiert, zeigt sich dieser Tage auch in der westchinesischen Metropole Chongqing. Dort versammeln sich Abend für Abend Hunderte Menschen vor dem Wohnhaus eines mutmaßlichen Tierquälers und fordern seine Bestrafung. Der 39 Jahre alte Mann soll über kostenlose Adoptionskanäle Katzen und Hunde erhalten und anschließend systematisch misshandelt haben.Medienberichten zufolge hatte ihm eine Tierschützerin Anfang Juni einen Welpen zur Adoption überlassen. Später entdeckte sie, dass der Hund zu Tode gequält und sein Körper vom Balkon des Hochhauses geworfen worden war. Seither entlädt sich der Volkszorn vor dem Wohnkomplex des Mannes. Viele Demonstranten halten ihre eigenen Haustiere auf dem Arm. Videoaufnahmen zeigen eine starke Polizeipräsenz; mehrere Demonstranten wurden abgeführt, viele Berichte in den sozialen Medien zensiert.Nach Angaben chinesischer Regionalmedien erklärte ein ranghoher Beamter der örtlichen Polizei, der Mann sei festgenommen und ein formelles Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. Die Anzeige stütze sich auf zwei Delikte: das Werfen von Gegenständen aus großer Höhe und die vorsätzliche Beschädigung öffentlichen Eigentums. Der Beamte sagte, dies seien nach geltendem chinesischem Recht die härtesten anwendbaren Maßnahmen im Falle des getöteten Hundes. Längst sind Chinas Haustiere in die Wohnzimmer vorgedrungen. Im Recht aber stehen sie oft noch draußen vor der Tür.