Eine junge Frau springt von einem Segelboot aus ins türkisblaue Wasser. Kurz danach schlendert sie durch gepflasterte Straßen, die von schnuckeligen, weiß angestrichenen Häusern mit tiefblauen Klappläden und Geländern gerahmt werden. „Du, ich und Skiathos?“ steht unter dem Video auf Instagram, das große Lust darauf macht, direkt einen Flug zu buchen. Wer ein Faible für Abba-Musik und das in Griechenland gedrehte Musical „Mamma Mia“ hat, bekommt auf Instagram neben glitzernden Schlaghosen und Interviewausschnitten mit Schauspielerin Meryl Streep auch vermehrt mit Abba-Musik unterlegte Videos von Griechenland angezeigt: die schönsten „Mamma Mia“-Drehorte. Der perfekte Plan für drei Tage in Athen. Die besten Inseln für deine Griechenlandreise. Einmal zu lange darauf verharrt, gibt es kaum noch ein Entkommen. Der Nutzer vor dem Handybildschirm sieht sich förmlich schon selbst im kühlen Nass schwimmen, spürt die Sonnenstrahlen auf der Haut kitzeln und riecht die salzige Meeresluft. Ach, und das Essen, das schmeckt bestimmt hervorragend.Nur wenige Sekunden später zeigt der clevere Algorithmus das nächste Video zu Griechenland an: die fünf besten Cafés und Restaurants auf der Insel Skopelos, gleich neben Skiathos. Man sieht, wie der Macher des Videos durch ein gemütliches Restaurant läuft, knackigen Salat mit Feta umrührt, einen großen Löffel vom Olivenrisotto nimmt und wie Eigelb auf seinen Teller tropft, als er seine Eggs Benedict in einem hippen Café durchschneidet. Dem Zuschauer läuft das Wasser im Mund zusammen. Praktisch, dass die Instagram-Profile der im Video gezeigten Cafés und Restaurants direkt darunter verlinkt sind. Mit einem Klick ist das Video für die Urlaubsplanung abgespeichert, mit einem weiteren an eine Freundin verschickt. Und so taucht die nächste Person in den Videostrudel ab. Der Algorithmus hat die Reiseplanung übernommen.„Wo ist es fotogen?“ statt „Wo ist es interessant?“Wie früher Reiseführer und Dokumentationen prägen heute Videos und Bilder auf Instagram und anderen Plattformen das Bild von Reisezielen, beeinflussen unsere Erwartungshaltung. Mit einem entscheidenden Unterschied: Noch stärker als früher lenken sie unseren Blick auf das, was sich in Bildern und Videos ästhetisch einfangen und transportieren lässt. Dadurch verschiebt sich der Fokus von der Frage „Wo ist es interessant?“ hin zu „Wo ist es schön?“. Wir beginnen damit, Fotospots abzuklappern, und versuchen, das Gesehene zu reproduzieren.Für Touristen: Smoothiebowl und Kaffee aus der Siebträgermaschine in einem hippen Café in VietnamCaroline BeckerWer einmal ein paar Sekunden zu lange auf Videos mit Reiseempfehlungen für Griechenland verharrt hat, dem werden täglich weitere Videos zu Griechenland angezeigt. Durch diese Emotionalisierung wird es dem Reisenden fast unmöglich, sich nicht voller Vorfreude schon selbst in denselben Cafés sitzen und dieselben Sehenswürdigkeiten abklappern zu sehen. Das wissen auch Cafébetreiber oder Hotels. Instagrammability – also die Eignung für Instagram – ist das, was heutzutage zählt und wonach die Tourismusindustrie ihre Angebote ausrichtet.Essen darf nicht nur gut schmecken, sondern es muss fotogen sein. Und zwar immer – es könnte doch jederzeit ein Gast ein Video oder Bild davon hochladen. Und wer den westlichen Touristen und Influencern gefallen will, der sollte sein Menü entsprechend anpassen. Ob auf einer Insel in Belize, in einer Stadt in Vietnam oder im Studentenviertel in Istanbul – überall gibt es inzwischen hippe Cafés mit Pancakes, Eggs Benedict oder Avocado auf Sauerteigbrot zu europäischen Preisen. Dazu Flat White aus der Siebträgermaschine oder Matcha Latte. Und natürlich gibt es auch vegane Milchalternativen.Gestellte Leichtigkeit: eine Schaukel als Requisit für Fotos, um ein Hotel in Kambodscha zu bewerbenCaroline BeckerDie Einrichtung ist meist im skandinavischen Stil mit viel Beige und zarten Pastellfarben gehalten oder gewollt alternativ mit buntem, getöpfertem Geschirr, Lichterketten, Möbeln im Shabby-Chic-Stil und Neonschriftzug an der Wand. Ein lustiger englischsprachiger Spruch wie „More Espresso less Depresso“ erhöht die Chance, getaggt und verlinkt zu werden. Vielleicht gibt es im Nachbarraum auch noch einen kleinen Shop mit Schmuck, Boho-Strandkleidern, Naturkosmetik und Flyern für Yogakurse? So lieben es kosmopolitische Backpacker. Das erwarten sie, denn so haben sie es bereits auf Instagram gesehen.An Aussichtspunkten werden Schaukeln oder Bilderrahmen aufgestellt, die zum Fotografieren animieren. Eingravierte Ortsnamen sorgen dafür, dass auch jeder weiß, wo dieser schöne Ort ist, an dem die Freunde letztens saßen. Denn die digitale Postkarte geht nicht nur an die Familie daheim, sondern über die sozialen Medien an Hunderte. Und wenn es richtig gut läuft, dann sehen sie Tausende.Einige Laoten nahe der Stadt Vang Vieng in Laos haben dieses Spiel durchgespielt. Mühsam haben sie eine Flagge und ein Motorrad auf die Spitze eines Berges geschleppt und dort montiert. Wer den Aussichtspunkt über steile Pfade und Leitern zu Fuß erreicht, kann je nach Fitnesslevel entweder hochroten Kopfes oder ganz locker auf dem Motorrad posieren und den Zurückgebliebenen in der Heimat zeigen, was für ein wilder Abenteurer er oder sie doch ist. Wer in den vergangenen fünf Jahren in Laos war, kennt diesen Berg vermutlich. Unter dem Namen des Aussichtspunkts finden sich in den sozialen Medien unzählige Bilder und Videos von Touristen auf ebenjenem Motorrad – teils mit Zehntausenden Aufrufen. Der Werbecoup ist aufgegangen. Man spricht jetzt über Vang Vieng. Der Aussichtspunkt mit dem Motorrad taucht nun auch in Reiseblogs und auf Plattformen wie Tripadvisor auf.Die Realität kann nicht mithalten und bietet doch mehrNur leider kann die Realität mit den auf Instagram und in anderen sozialen Medien perfekt inszenierten Reisen einfach nicht mithalten. Zumindest nicht dauerhaft und überall. Wer auf Reisen versucht, die mit Filtern überlegten und mit Musik unterlegten Videos professioneller Influencer zu reproduzieren, kann eigentlich nur scheitern.ReisenInstagram und WirklichkeitDenn was auf Instagram selten gezeigt wird: dass sich an berühmten Fotospots und vor vermeintlichen Geheimtipps durch die sozialen Medien inzwischen regelmäßig lange Warteschlangen bilden. Das andächtige Betrachten von Naturwundern wird dadurch teils unmöglich. Schnell ein Foto, dann ist der nächste Tourist dran. Auch die Armut der Menschen in den Seitenstraßen oder Vierteln abseits der Sehenswürdigkeiten wird ausgeblendet. Und der Müll am Strand, der für die Touristen jeden Morgen lediglich ein paar Meter weitergeschoben wird, war auf den Videos auch nicht zu sehen.Wenn die Realität auf Reisen so weit von der durch aufwendig inszenierte Fotos und Videos geprägten und durch den Algorithmus forcierten Erwartungshaltung abweicht, dann kann das zu Frustration und Enttäuschung führen. Und getrieben von den sozialen Medien verpasst der Reisende das, was sich mit der Handykamera schlecht ästhetisch einfangen lässt, aber was Reisen eigentlich so besonders macht: spontane Begegnungen und neue Entdeckungen. Etwa das chaotische, kleine Geschäft mit der netten Verkäuferin, die einem ein Café um die Ecke empfiehlt, in dem der Kuchen nicht beeindruckend aussieht, aber beeindruckend schmeckt.Wer nur die Fotospots abklappert, verpasst den Geruch der Orangenbäume, der einen sich auch Jahre später noch in ein kleines Dorf in Andalusien zurückerinnern lässt. Oder er verliert die Leichtigkeit, unrasiert oder ungeschminkt in praktischen Klamotten aus der Ferienwohnung zu stolpern und in den Tag hineinzuleben, weil einen niemand kennt und man nicht gut aussehen muss. Nur wer nicht zu weit in den Strudel aus Reisebildern und Videos abtaucht, sondern dem Sog des Algorithmus entkommt, kann frei reisen, genießen und vielleicht wirklich noch etwas Neues für sich entdecken.
Instagram und Reisen: wie Algorithmen uns beeinflussen
Videos im Internet sind für viele junge Menschen das, was für ihre Eltern klassische Reiseführer waren. Dabei sind Instagram, Tiktok und Co. nicht einfach nur neue Medien, sondern haben die Art zu Reisen komplett verändert.









