PfadnavigationHomeReiseReisebuchautor Philipp Laage„Der Instagram-Tourismus geht mir auf die Nerven“Stand: 07:35 UhrLesedauer: 7 Minuten„Ursprüngliche Orte, wo die Einheimischen ihr Ding machen“ – etwa im Oman, den man hoffentlich bald wieder sicher bereisen kannQuelle: Getty Images/John Seaton CallahanReisejournalist Philipp Laage verrät im Gespräch drei einfache Regeln, wie das Reisen trotz der Weltlage glücklich machen kann. Und was er über Klima-Angst, Freiheit des Einzelnen und die Grenzen politischer Steuerung denkt.Seine letzte Reise ging nach Japan, zum Wandern auf einem Pilgerpfad. Seine nächste Tour geht auf die Lofoten: eine Woche mit Rucksack, Zelt und Schlafsack als Selbstversorger. Inzwischen hat Philipp Laage mehr als 80 Länder bereist, in Magazinen und Zeitungen darüber geschrieben und gerade sein drittes Buch über Reiselust und -frust veröffentlicht.Seine These: Reisen funktioniert nicht mehr wie früher, verkommt zum Statussymbol, zur Dauersuche nach dem ultimativen Trip. Zum Glück hat er ein paar Ideen parat, was wir anders und besser machen können.WELT AM SONNTAG: „Travel is broken“ ist Titel und These Ihres neuesten Buchs – ist das nicht schlicht überzogen? Immerhin sind allein 2025 über eine Milliarde Menschen gereist!Philipp Laage: „Broken“ meint nicht, dass Urlaub aus der Mode ist. Reisen galt die längste Zeit als erstrebenswert, jetzt steht es moralisch unter Druck. Wir reden nur noch über Klima und Overtourism. Außerdem hat es das Glücksversprechen des Reisens heute schwieriger. Die angeblich schönste Zeit des Jahres beginnt oft mit Stress, Zeitdruck und der Angst, die bessere Option zu verpassen. Die Reise soll dann alles kompensieren, was im Alltag auf der Strecke bleibt. An diesen Erwartungen muss sie scheitern.WAMS: Sie beschreiben Reisen sogar als eine Art Ersatzreligion. Warum definieren heute so viele Menschen ihr Glück über Urlaub?Lesen Sie auchLaage: Meine Generation, die Millennials, ist mit diesem Mantra aufgewachsen: Investiere in Erlebnisse, nicht in Dinge! Bevor man sich eine richtige Küche kauft, hat man 25 Länder gesehen. Ein erfülltes Leben bedeutet heute, möglichst viele intensive Erlebnisse in kurzer Zeit zu sammeln. Reisen ist dafür der beste Weg.WAMS: Und wieso kehren so viele trotzdem unglücklich zurück?Laage: Weil Reisen häufig gar nicht so anders funktioniert als der ganze andere Konsum. Es gilt: Mehr ist besser! Viele kommen nach dem Urlaub nach Hause und wollen sofort wieder weg, genauso wie sie der neue Pulli nur kurze Zeit glücklich macht. Das liegt auch daran, dass es heute deutlich schwieriger als noch vor 20 Jahren ist, auf Reisen wirklich mal raus zu sein.WAMS: War Reisen vor 20 Jahren tatsächlich besser? Verklären Sie da nicht die Vergangenheit?Laage: Beim Urlaub ist es wie mit dem Internet: Wir neigen zu einem falschen Vergleich. Natürlich ist die digitale Gegenwart in vielerlei Hinsicht besser als die analoge Vergangenheit, in der vieles mühsam und nervig war. Aber das ist nicht der Punkt.Lesen Sie auchWAMS: Sondern?Laage: Die interessante Frage ist: Ist die real existierende digitale Wirklichkeit so gut wie die digitale Welt, die auch möglich gewesen wäre? Genauso beim Urlaub. Der ist natürlich immer schöner als der Alltag. Aber ist das Reisen, wie wir es betreiben, so erfüllend wie ein anderes Reisen, das auch möglich wäre? Uns fällt es ja sehr schwer, überhaupt mal abzuschalten und uns auf neue Orte und Situationen einzulassen.WAMS: Was sind die Ursachen?Laage: Das Smartphone spielt natürlich eine große Rolle. Früher reichte es, weit wegzufahren, um sich der gewohnten Welt mit ihren großen Krisen und kleinen Sorgen zu entziehen. Man saß auf einer Berghütte oder in einem Strandkorb und war raus. Die räumliche Distanz brachte den mentalen Abstand. Das gilt nicht mehr. Heute ist die Fremde nicht mehr fremd. Von jedem einsamen Traumstrand finde ich Fotos auf Google Maps, die Bilder sind immer schon vor mir da. Jedes Hotelzimmer wird aus allen Winkeln gecheckt. Die Bewertungskultur des Netzes hat uns nicht souverän und selbstbestimmt gemacht, eher ängstlich und kleinkariert.WAMS: Auch Instagram hat das Reisen verändert: Wie genau?Laage: Gerade durch Instagram bekommen wir ständig das Gefühl, dass das eigene Leben nicht interessant genug ist – auch die eigene Reise. Dieser Instagram-Tourismus geht mir auf die Nerven. Ich erinnere mich noch an die „alten“ Zeiten, als man ohne Smartphone loszog und völlig lost in Cusco, Lissabon oder am Lake Malawi ankam. Abenteuer!WAMS: Sie unterscheiden zwischen „Erlebnissen“ und „Erfahrungen“. Was macht den Unterschied?Laage: Ein Erlebnis kann man planen, kaufen, abhaken, inszenieren und als Foto posten. Was am Ende dabei herauskommt, steht von vornherein fest. Erlebnisse sind die Ware des Tourismus und die Währung auf Social Media. Eine Erfahrung ist dagegen nicht vollständig kontrollierbar, ich muss mich auf sie einlassen. Dafür hat sie das Potenzial, mich wirklich zu berühren und zu verändern. Wenn ich die Showküche buche, am besten in einem angesagten Restaurant, ist das ein Event. Wenn mich ein Einheimischer zum Essen einlädt, ist das eine Erfahrung. Das sind die Momente, die uns besonders in Erinnerung bleiben. Und dafür brauchen wir Zeit.WAMS: Sie schreiben, wir suchen heute ständig nach Authentizität. Aber gibt es die überhaupt noch?Laage: Viele Traveller suchen zum Beispiel auf Bali oder in Vietnam eine vermeintlich authentische Gegenwelt, ohne zu merken, wie stark sie selbst diese Orte verändern. Trotzdem gibt es noch viele ursprüngliche Orte in dem Sinne, dass die Einheimischen dort einfach ihr Ding machen. Das sind aber nicht Ausländer-Enklaven wie Tulum oder eben Bali mit ihren austauschbaren Yoga-Studios und Barista-Cafés, sondern eher teurere Reiseziele.Lesen Sie auchWAMS: Welche zum Beispiel?Laage: Japan etwa, wobei der Wechselkurs gerade sehr vorteilhaft ist. Oder der Oman, wo man hoffentlich bald wieder sicher hinreisen kann.WAMS: Krisen, Kriege, teurere Flüge bestimmen aktuell unser Reiseverhalten. Verändert es sich dauerhaft, oder ist das alles schnell vergessen?Laage: Die Tourismusbranche ist erstaunlich widerstandsfähig. Nach jeder Krise, ob Terrorwelle oder Pandemie, ging es wieder aufwärts, zu neuen Rekorden. Allerdings glaube ich nicht, dass das Reisen wieder sehr viel günstiger werden wird.WAMS: Brauchen wir für verantwortungsvolleres Reisen neben einer anderen Haltung auch mehr Verbote? Höhere Steuern auf Flugtickets? Eine Deckelung von Fernreisen?Laage: Von Reiseverboten halte ich nichts. Wer will denn am Ende entscheiden, welche Flugreise legitim ist, und im Zweifel die Buchung verweigern? Wer will mein CO₂-Budget kontrollieren? In einer freiheitlichen Gesellschaft führt das in die Dystopie. Ich glaube aber sehr wohl an Steuerung, Regeln und Anreize.WAMS: Trotz aller Enttäuschungen sagen Sie, dass Tourismus Zukunft hat. Wie genau?Laage: Die Reiseziele werden entscheiden, welche Form von Tourismus sie wollen. Wenn sie Kontingente einführen oder Zugangsbeschränkungen, um ihren Bewohnern das Leben wieder erträglicher zu machen, muss ich mich als Reisender anpassen. Ich glaube weder, dass die Reisewelt untergeht, noch dass wir uns überhaupt nicht einschränken müssen. Seltener reisen und dafür länger, das könnte ein Weg sein. Wie das aussehen kann, skizziere ich in meinem Buch.WAMS: Was ist Ihr konkreter Reisereparaturplan – in drei Regeln?Laage: Erstens, die Welt nicht als Warenhaus begreifen, das uns zur Verfügung zu stehen hat, sondern als Erfahrungsraum. Zweitens: Sich mehr Zeit nehmen, länger vor Ort bleiben und nicht alles vom Ende her durchplanen. Drittens: Wirklich mal das Handy im Hotel lassen.WAMS: Reisen Sie heute anders als vor zehn Jahren?Laage: Ich reise nirgendwo mehr hin, um sagen zu können, dass ich dort gewesen bin. Ich frage mich: Was begeistert mich an dem Ziel wirklich?WAMS: Sie selbst sind Vielreisender und leben vom Reisen. Hand aufs Herz: Ist Ihr kritisches Buch nicht auch heuchlerisch?Laage: Überhaupt nicht. Wenn man sich viel mit einer Sache beschäftigt, kann man oft genauer benennen, was in eine falsche Richtung läuft. Wenn ein Automanager sagt, dass die deutsche Autoindustrie nicht mehr funktioniert, hören wir ja erst recht hin. Für mich ist ein Urlaub mehr als ein Auto. Ich reise immer noch wahnsinnig gern.Philipp Laage – Autor und Reiseprofi:Geboren 1987 in Hagen, kam Philipp Laage früh mit dem Reisen in Berührung – durch seinen Vater, der ihn schon als kleines Kind für Reise-Andenken begeisterte. Er studierte Kommunikationswissenschaft, reist seit Jahrzehnten um die Welt, arbeitet als Reisejournalist und Buchautor. Nach „Vom Glück zu reisen“ (2019) und „Gipfelrausch“ (2021) erschien gerade sein neuester Titel „Travel is broken“ (Kösel Verlag, 222 Seiten, 18 Euro).