PfadnavigationHomeReiseArtikeltyp:MeinungSchwindende ReiselustEs sind Momente wie diese, für die es sich lohnt, auf Reisen zu gehenVon Heiko ZwirnerRessortleitung Stil, Leben und ReiseStand: 07:10 UhrLesedauer: 7 MinutenWas ein Moment: Blick auf Cefalù in Sizilien. Die Küstenstadt liegt im Norden der InselQuelle: Getty Images/© Marco BottigelliDer Andrang von Touristen ist vielerorts zum Problem geworden. Und für den Urlauber selbst fängt der Stress oft schon zu Hause an. Die Lust am Verreisen sollten wir uns dennoch nicht nehmen lassen.Ich habe einen Eisbären gesehen. In freier Wildbahn, aus sicherer Entfernung, bei einer Bootstour durch den Isfjord von Spitzbergen. Der Hybrid-Katamaran „Bard“ fuhr auf seiner täglichen Route an eine Stelle, an der ein Gletscher ins Meer kalbt, als sich plötzlich eine freudige Unruhe unter Crew und Passagieren breit machte.Mit bloßem Auge war am Ufer ein kleiner weißlicher Punkt zu erkennen, der sich vom dunklen Geröll abhob. Doch mit einem Fernglas konnte man deutlich sehen, wie ein einigermaßen wohlgenährtes Exemplar seiner Spezies genüsslich auf einem Robbenfell herumkaute, bevor es die Lust daran verlor und gemächlich davontrottete.In Spitzbergen, einem norwegischen Archipel in der Arktis, der aus rund 400 Inseln und Schären besteht, leben etwa 300 dieser kolossalen Raubtiere. An den Ortsausgängen der Hauptstadt Longyearbyen warnen Schilder vor umherstreifenden Eisbären. Doch es kommt fast nie vor, dass man einen zu Gesicht bekommt.Mit an Bord waren zwei Mitarbeiterinnen einer Organisation, die um Unterstützung für den Schutz der bedrohten Tiere wirbt. Eine erzählte, dass sie die Tour seit einem Jahr fast jeden Tag mitmache – und noch nie zuvor einen Eisbären erblickt habe. Sie wirkte beseelt. Und das war leicht nachzuvollziehen: Beim Anblick des weißen Riesen am Ufer konnte man gar nicht anders, als von einem kindlichen Staunen erfüllt zu werden – und von einer tiefen Ehrfurcht vor der Schönheit und der Unbarmherzigkeit der Natur.Entdecker statt StörenfriedEs sind Momente wie dieser, für die es sich lohnt, auf Reisen zu gehen. Augenblicke des Innehaltens, die man nicht planen oder im Voraus buchen kann. In denen man sich wie ein Entdecker fühlen kann und nicht wie ein Störenfried. Momente, die die Zumutungen aufwiegen, die mit dem Verreisen einhergehen: nervige Sicherheitskontrollen, enge Flugzeuge, Schlangestehen vor jeder Sehenswürdigkeit. Der Tourismus ist in vielen Gegenden der Welt zum Problem geworden, oft gerade dort, wo er die wichtigste Einnahmequelle darstellt. Er trägt zur Zerstörung der Umwelt bei, belastet natürliche Lebensräume durch hohen Ressourcenverbrauch, Abfall und Emissionen.Lesen Sie auchVon Mallorca bis Buenos Aires treibt die Umwandlung von Wohnraum in Ferienunterkünfte Mieten und Immobilienpreise in die Höhe. In Venedig oder in Sri Lankas Zügen trifft man kaum noch Einheimische, manche Karibikinsel wird von Touristenheerscharen geflutet, wenn mal wieder drei Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig angelegt haben.Hinzu kommt, dass sich das lokale Gewerbe oft an touristische Bedürfnisse anpasst und Orte dadurch den ursprünglichen Charakter verlieren, der sie überhaupt erst zu einem attraktiven Reiseziel gemacht hat. Bäcker, Krämer, Schuster machen dicht, dafür kann man in ihren ehemaligen Läden jetzt überteuertes Olivenöl verkosten oder Souvenirkitsch kaufen.Selbst ein scheinbar harmloser und alltäglicher Wunsch wie der Genuss einheimischer Spezialitäten kann ganze Stadtteile umkrempeln und zu Monokulturen aus vermeintlich authentischen Restaurants, Weinbars und Imbissstuben deformieren – eine Entwicklung, die als „Foodification“ bekannt ist und vor allem in Italien, Frankreich und Spanien um sich greift.Auch der Norden ächzt zunehmend unter den Auswirkungen des Massentourismus. Auf den schmalen Pisten der einst verschlafenen Isle of Skye an der schottischen Westküste stauen sich die Mietwagen, weil deren Insassen sich vor gar nicht mehr einsamen Leuchttürmen fotografieren wollen. Und die norwegische Stadt Tromsø wird von Besuchern überrannt, die dem Nordlicht hinterherjagen, um das Himmelsphänomen von der „Bucket List“ zu streichen. Neugierig auf die ArktisLongyearbyen ist der nördlichste Ort der Welt, den man per Linienflug erreichen kann. Der Flughafen hat im vergangenen Jahr seinen 50. Geburtstag gefeiert. Vor dem Terminal steht ein Schild, das die Entfernungen zu anderen Orten ausweist: 3043 Kilometer bis nach London, 1309 Kilometer bis zum Nordpol. Auch dieser entlegene Weltzipfel ist nicht vom Tourismus verschont geblieben: Mit dem allmählichen Auslaufen des Kohlebergbaus hat sich Longyearbyen mit seinen 2500 Einwohnern zu einer Ganzjahresdestination mit weit über 100.000 Besuchern im Jahr entwickelt, die neugierig auf die Lebensumstände in der Arktis sind.In der Hauptsaison im Juli und August ist die kleine Einkaufsstraße voll mit Funktionsjackenträgern, die sich mit Rentier-Salami und Eisbär-Pralinen aus der nördlichsten Schokoladenmanufaktur der Welt eindecken. In fast allen Geschäften werden die Kunden auf Aushängen darum gebeten, die Ortsansässigen nicht zu fotografieren, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Die Einheimischen bewältigen den Andrang nordisch gelassen mit dem Gleichmut und der Zugewandtheit von Schülerlotsen, die aufgeregten Kindern bei der Überquerung von Zebrastreifen behilflich sind. Lesen Sie auchFür Reisende beginnt der Urlaubsstress meist schon bei der Vorbereitung, wenn auf dem heimischen Rechner automatisierte Botschaften aufpoppen und dringenden Handlungsbedarf suggerieren („Nur noch 1 Zimmer zu diesem Preis frei!“ „5 Personen haben diesen Flug in den letzten 24 Stunden gebucht!“).Kerosinknappheit lässt Urlaubsträume bröckelnDass Kunden sich dabei unwohl fühlen, ist Teil der Geschäftsstrategie von Buchungsplattformen und Fluggesellschaften, die als „Calculated Misery“ bezeichnet wird. Dazu gehört, dass die Beförderung bewusst unbequem gestaltet wird, damit Passagiere einen Aufpreis für mehr Beinfreiheit, einen Gangplatz oder Priority Boarding zahlen. In diesem Jahr kommt noch die Sorge hinzu, dass der ersehnte Sommerurlaub an Kerosinknappheit scheitert.Die Reise selbst ist regelmäßig eine Strapaze. Durch verpasste Anschlüsse und verlorene Gepäckstücke oder durch nervige Reisende, die beim Einsteigen drängeln, Rolltreppen blockieren, Videotelefonate über Lautsprecher führen oder an der Sicherheitskontrolle über die erlaubte Menge an Flüssigkeiten diskutieren.Vor Ort geht der Stress weiter. Gerade an besonders gefragten Reisezielen versuchen Bürgermeister und Behörden, die Besucherströme mit Zugangsbeschränkungen, Kleidervorschriften oder saftigen Tagesgebühren in den Griff zu bekommen, die es den Gästen immer schwerer machen, sich willkommen zu fühlen.Die Regulierungen werden in vielen Regionen von einer angeblichen Transformation zum „Qualitätstourismus“ begleitet, bei der es in erster Linie aber darum geht, den Umsatz pro Bett zu erhöhen – mehr Geld für nichts. Und bei den Gästen? Da prallen nicht selten allzu hohe Erwartungen und die schlichte Realität aufeinander. Enttäuschungen sind programmiert, wenn der Strand, die Pyramide, der Hotelpool doch nicht so glamourös sind, wie es Instagram vorgaukelt. Widersprüche in Kauf nehmenAll das sind jedoch Ärgernisse, die kaum zu ändern sind; man begegnet ihnen am besten, indem man sich nicht ärgert, seine Erwartungen nicht an Social Media ausrichtet – und sich freut. Über die Möglichkeiten, die das Reisen bietet: entschleunigen, Neuland entdecken, Horizonterweiterung. Man muss nur Ruhe bewahren, die Augen öffnen und die Widersprüche in Kauf nehmen, die mit der eigenen Rolle als Tourist verbunden sind.Lesen Sie auchUnd nicht vergessen, was für ein Wunder es ist, dass wir in einem gepolsterten Sitz über den Wolken Wüsten und Ozeane überqueren können, ohne uns im Geringsten dafür anstrengen zu müssen. Wer möchte sich da noch über den Mittelsitz beklagen, den ihm das Buchungssystem zugewiesen hat?Das Reisen mag ein durch und durch egoistisches Unterfangen sein, aber zugleich setzt es das Ich in eine neue Relation zur Welt. Wenn wir Glück haben, befreit es uns aus der Enge unserer Auffassungen und Alltagsroutinen – und öffnet den Blick für andere Lebensrealitäten, in denen sich unsere eigenen spiegeln. Wer offen durch die Welt geht, wird Begegnungen haben, die ihn noch lange begleiten – auch wenn es trivialere Erlebnisse sein mögen als die Sichtung eines Eisbären.Gleich nach unserer Ankunft in Spitzbergen haben wir im Hotel zum Beispiel einen australischen Wissenschaftler kennengelernt, der einen Ozeanologen-Kongress hinter sich und eine Heimreise nach Canberra mit mehr als 30 Stunden Flugzeit vor sich hatte.In den folgenden Tagen habe ich mit einem örtlichen Klempner Schnaps getrunken, der mir erklärte, warum die Abwasserleitungen auf Spitzbergen überirdisch installiert werden (liegt am Permafrost) und sich darüber beschwerte, dass Alkohol für Einheimische noch immer streng rationiert ist.Ich hatte ein nettes Gespräch mit dem wahnsinnig gut aussehenden Bademeister im nördlichsten Hallenbad der Welt. Selbst der spanische Küchenchef des besten Restaurants am Platz, der zunächst einen etwas grummeligen Eindruck gemacht hatte, begrüßte meine Frau und mich ab der dritten Begegnung wie alte Bekannte.„Ihr müsst unbedingt im Winter wiederkommen, wenn alles mit Schnee und Eis bedeckt ist“, sagte er am Tag unserer Abreise. „Dann ist es hier am schönsten.“ Wir denken darüber nach.
Schwindende Reiselust: Es sind Momente wie diese, für die es sich lohnt, auf Reisen zu gehen - WELT
Der Andrang von Touristen ist vielerorts zum Problem geworden. Und für den Urlauber selbst fängt der Stress oft schon zu Hause an. Die Lust am Verreisen sollten wir uns dennoch nicht nehmen lassen.






