«Mist, nun geht die Debatte wieder los: ‹Was darf man denn noch sagen?›», dachte der Afrika-Experte nach Schweinsteigers Aussagen zum wilden FussballChristian Ungruhe forscht an der Universität Passau über Rassismus und Fussball in Afrika. Der Ethnologe erklärt, warum Stereotypen gefestigt werden, auch wenn sie nicht so gemeint sind.03.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDas Siegtor in den letzten Minuten: Ghana gewinnt das Gruppenspiel gegen Panama mit 1:0.Eduardo Lima / EPAChristian Ungruhe, Sie waren bis vor kurzem in Ghana und haben das erste Gruppenspiel gegen Panama in der Hauptstadt Accra erlebt. Wie muss man sich das vorstellen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als Caleb Yirenkyi in der 95. Minute zum 1:0 für Ghana traf, fühlte ich mich an 2006 erinnert, als Deutschland gegen Polen in der Nachspielzeit 1:0 gewann: Es hat das ganze Land erfasst. Ghana hat mit England, Kroatien und Panama eine starke Gruppe erwischt. Gegen Panama mussten die Black Stars also unbedingt gewinnen. Doch es sah das ganze Spiel über eher umgekehrt aus. Im Public Viewing auf dem zentralen Platz in Accra war unheimlich was los.PDIst ganz Ghana im Fussballfieber?Zu Beginn nicht. Als ich vor dem WM-Start mit Ghanaern sprach, wussten die kaum, gegen wen sie spielen. Der Fussballverband hatte im März den ghanaisch-deutschen Trainer Otto Addo entlassen. Man konnte nicht einschätzen, wie erfolgreich diese WM werden würde. Doch Ghana startete spät ins Turnier, und mit den ersten Spieltagen wuchs das Interesse. Auch im ländlichen Norden des Landes, wo ich erst war. Wenn es Strom gibt, dann läuft da Fussball.Fussball als Chance für eine bessere ZukunftChristian Ungruhe, 47, ist Ethnologe und Afrika-Wissenschafter an der Universität Passau. Seine Schwerpunkte liegen auf Rassismus und Fussball, Migration durch Fussball und Lebenslaufforschung von jungen Afrikanerinnen und Afrikanern. Dafür ist er regelmässig in Westafrika, insbesondere in Ghana, unterwegs.Noch vor dem ersten Spiel machte der Ghanaer Thomas Partey Schlagzeilen, ihm wurde in Kanada die Einreise verweigert. Er ist in England wegen mutmasslicher Vergewaltigungen und eines sexuellen Übergriffs angeklagt. In die USA durfte er jedoch einreisen. Wie wird Partey in Ghana gesehen?Er wird natürlich sehr kritisch gesehen, ihm grundsätzlich die Teilnahme an der WM zu verweigern, wäre akzeptiert worden. Doch unzufrieden waren die Ghanaer vor allem, weil ihrer Ansicht nach mit zweierlei Mass gemessen wird: In Kanada darf Partey nicht einreisen, in die USA schon. Der Ivoirer Elye Wahi hingegen – gegen ihn ermittelt die französische Justiz wegen des Verdachts der Spielmanipulation – durfte in Kanada einreisen. Diese Ungleichheit versteht man nicht.Dem ghanaischen Nationalspieler Thomas Partey wurde die Einreise nach Kanada wegen eines Gerichtsverfahrens verweigert, in den USA durfte er spielen.Andrew Couldridge / ReutersWas haben Sie gedacht, als der deutsche Fussballexperte Bastian Schweinsteiger über den Fussballstil von Côte d’Ivoire gesagt hat: «bisschen afrikanischer Fussball natürlich, der manchmal so ein bisschen unorthodox ist, ein bisschen wild ist, bisschen vielleicht auch manchmal nicht ganz so von der Taktik geprägt ist»?Ich habe in Ghana kein deutsches Fernsehen geschaut und es erst gar nicht mitbekommen. Als mich eine Kollegin darauf hingewiesen hat, dachte ich: «Mist!» Denn ich weiss, wie verletzend es für viele in Afrika ist. Und ich weiss auch, dass wieder die Debatte losgeht: Was darf man denn noch sagen? Das sei doch gar nicht rassistisch gemeint. Das haben er und die ARD danach auch betont.Ich bin überzeugt, dass Herr Schweinsteiger kein Rassist ist. Diese Äusserungen sind aber rassistisch konnotiert. Sie gehen in der Diskussion über den offensichtlichen Rassismus oft unter, setzen sich aber in den Köpfen der Menschen fest.Warum sind diese Aussagen denn rassistisch?Zum einen werten sie den Fussball auf einem ganzen Kontinent ab, ohne zu differenzieren. Es gibt genauso wenig einen afrikanischen Fussballstil wie einen europäischen. Das wird der Realität nicht gerecht und zeugt von Unwissen oder Desinteresse. Zum zweiten kommt es auf den Kontext an: Herr Schweinsteiger verbindet den afrikanischen Fussball mit den Begriffen «unorthodox», «wild» und «nicht von Taktik geprägt». Hätte er den deutschen Fussball als wild bezeichnet, wäre das vielleicht positiv konnotiert gewesen. Hätte er den ghanaischen Fussball als wild bezeichnet, wäre mir das auch aufgestossen, weil er das nicht ist, aber es wäre eine Bezeichnung gewesen. Den afrikanischen Fussball als wild zu bezeichnen, reproduziert hingegen Stereotype aus der Kolonialzeit, die über den Sport hinausgehen. Sie sagen, dass der Afrikaner wild und zügellos ist, gefährlich und mit wenig Intelligenz ausgestattet. Immer im Gegensatz zum europäischen Fussball und damit zum Europäer.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenWoher kommen diese Stereotype?Die Kolonialzeit legitimierte sich mit der Abstufung von Menschen. Der aufgeklärte Europäer, der reflektieren kann, und der ungebildete Afrikaner, der gezähmt werden muss. Die Kolonialadministratoren haben ab den 1920er Jahren den Fussball gezielt genutzt, um die Afrikaner zu unterwerfen. Da kam zum ersten Mal die Verbindung her, dem muskulösen, vielleicht gefährlichen Afrikaner mit wenig Intelligenz durch den Sport Teamgeist und Regeln zu lehren, um aus ihm einen der Kolonie gegenüber loyalen Menschen zu machen.Gab es Widerstand?Offen Widerstand zu zeigen, war gefährlich. Aber interessanterweise gab es diesen auf dem Fussballplatz zu sehen. Man hat gerade nicht versucht, konform zu spielen. Man hat versucht, Finten zu machen, Dribblings, Tricks; einerseits, um die eigenen Menschen zu unterhalten, aber andererseits auch, um zu sagen, wir machen nicht alles mit. In den Unabhängigkeitsbestrebungen wurde dann versucht, mit Fussball ein nationales Einheitsgefühl zu vermitteln. Die Grenzen wurden ja willkürlich gezogen. Da waren die Nationalteams wichtig, aber auch der Spielstil. Dass man integer spielt, technisch anspruchsvoll, einen Gegenentwurf zu diesem Kolonialbild zeichnet. Diese Gemengelage – kraftvolle Körper, trickreiche Dribblings, kindlich-naive Herangehensweise – hat sich festgesetzt in unseren Köpfen. Und es ist schwer, sie zu löschen.Wie wichtig sind die Gegenreaktionen? Zum Beispiel die vom ehemaligen deutsch-ghanaischen Spieler Gerald Asamoah? Er schrieb auf Linkedin: «Ich habe das Gefühl, dass wir uns oft mehr damit beschäftigen, ob jetzt jemand ein Rassist ist oder nicht. Ich würde mir aber wünschen, dass wir uns eher darum kümmern, diese Denkmuster ernsthaft zu hinterfragen.»Die sind sehr wichtig. Denn weil wir alle diese stereotypen Denkmuster haben, hinterfragt die auch erst einmal niemand. Wir meinen ja zu wissen, wie der afrikanische Fussball ist, also erwarten wir auch unorthodoxen, wilden Fussball. Das setzt sich immer weiter fest. Und das ist verletzend.Wie schafft man es, diese Stereotype abzulegen?Indem man sich mit Afrika als Kontinent, mit den Unterschieden der afrikanischen Länder und mit ihren Menschen beschäftigt. WM-Spiele zu schauen, ist ein erster, einfacher Schritt. Wir sehen, dass Côte d’Ivoire überhaupt nicht unorthodox und wild spielt, vielleicht sogar organisierter als Deutschland. Ghana ebenso, gegen England haben sie sehr diszipliniert verteidigt. Dabei haben die Fussballkommentatoren eine wichtige Bedeutung: Sie sprechen zu einem Millionenpublikum und können mit Taktikanalysen zeigen, wie hochprofessionell afrikanische Mannschaften agieren.Fussballmigration ist ein weiterer Forschungsschwerpunkt von Ihnen. Wie wichtig ist die Migration für die Erfolge der afrikanischen Fussballteams?Die wenigsten Spieler, abgesehen von Südafrika und vielleicht Teams in Nordafrika, spielen noch zu Hause. Vor allem in Westafrika – Senegal, Côte d’Ivoire, Ghana – da spielen die besten Spieler in starken europäischen Ligen. Das wirkt sich natürlich auf das Niveau der Nationalteams aus. Kap Verde ist ein Sonderfall. Die machen ein riesiges Diaspora-Scouting, das heisst, die wenigsten haben je im Land selber gespielt, die sind schon mit professionellen Strukturen aufgewachsen. Kein Wunder, sind neun von zehn afrikanischen Teams in die K.-o.-Phase eingezogen. Die Niveaus gleichen sich immer mehr an.Ein Forschungsteam unter Leitung der Universität Zürich zeigt, dass ehemalige Kolonialmächte von einem grösseren Talentpool profitieren, während ehemals kolonisierte Staaten dadurch an Erfolgschancen verlieren. Ist das auch Ihre Beobachtung?Ich würde vermuten, dass es eine beidseitige Entwicklung ist. Afrikanische Verbände professionalisieren dieses Diaspora-Scouting viel mehr. Das heisst, Spieler, die in Europa aufgewachsen sind, werden nicht mehr zufällig entdeckt, das erfolgt immer mehr systematisch. Das klassische System, dass es ein senegalesisch-französischer Doppelbürger nicht ins französische Nationalteam schafft und dann für Senegal spielt, das gibt es natürlich auch noch. Auf der anderen Seite professionalisieren sich aber auch die Strukturen in den afrikanischen Ländern selbst. Viele europäische Klubs eröffnen Fussballakademien in Westafrika, wo Spieler ausgebildet und die besten Talente dann nach Europa geholt werden.Wie stark wird Fussball von jungen Afrikanern als Chance gesehen, in eine bessere Zukunft zu migrieren?Das gilt nicht mehr nur für junge Fussballer, sondern vermehrt auch für junge Fussballerinnen. Es ist für junge Menschen häufig schwer, einen Job zu finden. Selbst wenn eine Ghanaerin oder ein Senegalese studiert hat, ist damit nicht unbedingt eine gute Zukunft gesichert. Fussball ist eine Möglichkeit, ohne zu fliehen in ein europäisches Land zu gehen und da Geld für sich und die Familie zu verdienen. Es ist ein Weg, den viele einschlagen, in Anbetracht der wenigen Möglichkeiten, die es sonst gibt. Fussballer im Ausland zu sein, ist ein Traum von vielen Westafrikanern. Leider schaffen es die wenigsten.Passend zum Artikel