PfadnavigationHomeRegionalesBerlin & Brandenburg«Einfach Angst»: Mutmaßliche rechte Angriffe in CottbusStand: 16:48 UhrLesedauer: 4 MinutenDie Polizei ermittelt nach einem mutmaßlichen Brandanschlag aus dem rechtsextremistischen Milieu auf das Wohnprojekt «Zelle 79» gegen zwei Tatverdächtige. Quelle: Frank Hammerschmidt/dpaImmer wieder Cottbus: Mutmaßliche Rechte werfen Molotow-Cocktails auf ein Wohnprojekt. In der Nähe brennt ein Zaun vor einem Club. Die Polizei ermittelt wegen versuchten Mordes und Brandstiftung.Es brennt in Cottbus - und das nicht zum ersten Mal: Die Polizei ermittelt nach einem mutmaßlichen rechtsextremistischen Brandanschlag auf ein alternatives Wohnprojekt wegen des Verdachts des versuchten Mordes. Ganz in der Nähe brennt an einem alternativen Club eine Zaunlatte. Die Sicherheitsmaßnahmen werden verstärkt, doch Angst geht um in der Stadt, die wirtschaftlich als Boomtown gilt.Gegen 1.15 Uhr in der Nacht zum Donnerstag wird die Polizei alarmiert wegen des alternativen Wohnprojekts «Zelle 79». «Dort sind mehrere Flaschen gegen die Fassade des Wohnprojekts geworfen worden», sagte Polizeisprecher Sascha Erler. Die Beamten hätten einen Brand gelöscht. «Wir können zum Glück sagen: Es ist niemand verletzt worden.» Zwei schwarz gekleidete junge Männer zwischen 15 und 20 Jahren sind tatverdächtig. Einer soll eine Tätowierung am linken Unterarm und eine schwarz-weiß-rote Sturmhaube getragen haben - die Farben des Deutschen Reichs.Ein Knall, zwei Männer und die AngstDie Bewohnerin Fabi Buchholz hörte einen lauten Knall und sah aus dem Fenster zwei Männer, wie sie berichtete. «Die beiden Männer waren vermummt, einer mit schwarz-weiß-roter Maske.» Sie hielt die Kamera auf die Männer, drehte ein Video und schrie sie an, wegzugehen - vergeblich. Als sie Feuer sah, schloss sie das Fenster und ging hinter die Wand. «Weil ich einfach Angst hatte.»Weil es Nacht war und Menschen im Wohnprojekt, ermittelt die Polizei zunächst wegen des Verdachts des versuchten Mordes. «Es hätten Menschen verletzt oder gar getötet werden können», sagte der Sprecher. Der Staatsschutz und die Mordkommission gründeten eine Ermittlungsgruppe.Ein weiterer Brand ganz in der NäheGanz in der Nähe gab es einen mutmaßlichen Angriff auf einen Club. Nach Angaben der Polizei brannte unweit des Wohnprojekts am alternativen Kulturclub «Chekov» die Latte eines Zaunes. Die Ermittler ermitteln wegen des Verdachts versuchter Brandstiftung. «Dadurch, dass eine örtliche Nähe und natürlich auch eine gewisse ideologische Nähe zwischen den beiden angegriffenen Objekten existiert, prüfen wir natürlich einen Zusammenhang», sagte Erler.Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke kündigte weiter eine «klare Kante gegen rechte Gewalt» an. «Die jüngsten Ereignisse in Cottbus machen mich fassungslos und entsetzt», erklärte der SPD-Politiker. «Solche Taten müssen mit aller Härte bestraft werden.»Innenminister: Zwei Brandanschläge und mehr SicherheitInnenminister Jan Redmann sprach von zwei Brandanschlägen und verwies auf gestiegene Sicherheitsmaßnahmen. «Die beiden Brandanschläge von gestern Nacht machen mich wütend», sagte der CDU-Politiker. «Rechtsextremisten verätzen das Zusammenleben. Wer Molotow-Cocktails schmeißt, nimmt Opfer in Kauf. Das macht mich fassungslos.»Die Sicherheitsvorkehrungen wurden nach seinen Angaben auch mit Blick auf die Aktionswochen zum Christopher Street Day (CSD) hochgefahren. «Eine spezialisierte Ermittlungsgruppe leuchtet die Strukturen des verantwortlichen Milieus aus», sagte Redmann. «Die Polizei hat ihre Präsenz im Stadtgebiet auch im Zuge der CSD-Aktionswochen verstärkt.» Am Haus des Wohnprojekts hängt eine Regenbogenflagge als Symbol des CSD.Serie mutmaßlicher rechter AngriffeEs sind längst nicht die ersten Angriffe dieser Art in Cottbus. Das Zentrum der Niederlausitz gilt als ein Schwerpunkt des Rechtsextremismus in Brandenburg. Im vergangenen Jahr kam es bereits zu mehreren Angriffen mit Pyrotechnik auf das Wohnprojekt «Zelle 79». Kurz vor Silvester wurde laut Polizei versucht, die Tür mit einem Böller aufzusprengen. In einem anderen Fall wurde Pyrotechnik auf das Haus geschossen.Damit nicht genug: Im Frühjahr wurden ein antisemitischer Schriftzug und ein schwarzes Hakenkreuz an die Synagoge der Stadt geschmiert. In den Flur eines anderen alternativen Wohnprojekts wurde eine Leuchtfackel geworfen. Es gab Drohungen an der Wohnung eines Studentenpfarrers, der sich gegen Rechtsextremismus engagiert.Hunderte Menschen demonstrierten daraufhin in Cottbus gegen rechte Gewalt. Innenminister Redmann sagte bei einem Besuch mehr Polizeischutz, eine neue Ermittlungsgruppe und Videokameras zu, um auf die Serie zu reagieren.Boomstadt und AufsteigerstadtEs gibt noch ein anderes Gesicht von Cottbus: Die Stadt gilt als wirtschaftlich dynamischste Stadt Deutschlands: Eine Studie der Gesellschaft IW Consult des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, dass sie die größten wirtschaftlichen Fortschritte verzeichnet. Cottbus schafft es auf den ersten Platz. Wegen des absehbaren Endes des Braunkohleabbaus fließen Millionen in die Lausitz. Im Mai schaffte Energie Cottbus den Aufstieg in die 2. Fußball-Bundesliga.«Wir werden nicht gehen»Der Cottbuser Studentenpfarrer Lukas Pellio hält mehr Schutz für notwendig. Der Sprecher der Initiative Sichere Orte Südbrandenburg sagte der Deutschen Presse-Agentur, er könne kein Nachlassen rechter Aktivitäten feststellen. «Wir nehmen stattdessen eine Zunahme der Brutalität wahr.»Der Verein Opferperspektive hat eine Anlaufstelle in Cottbus - zuletzt fehlte aber Geld, die Stelle sollte schließen. Oberbürgermeister Tobias Schick (SPD) sagte: «Zuallererst müssen wir uns um die Opfer solcher Attacken kümmern und brauchen dafür die notwendigen Strukturen und Finanzen.»Am Abend war eine Mahnwache vor dem Wohnprojekt geplant. Die «Zelle 79» will standhaft bleiben. «Wir werden diesen Leuten keine Macht über uns geben», sagte Fabi Buchholz. «Wir werden nicht gehen.»dpa-infocom GmbH
«Einfach Angst»: Mutmaßliche rechte Angriffe in Cottbus - WELT
Immer wieder Cottbus: Mutmaßliche Rechte werfen Molotow-Cocktails auf ein Wohnprojekt. In der Nähe brennt ein Zaun vor einem Club. Die Polizei ermittelt wegen versuchten Mordes und Brandstiftung.













