Wie dramatisch ist die Lage?Gewisse Formulierungen klingen alarmierend. „Die Entnahmekapazitäten sind nahezu ausgeschöpft“, teilt das Rathaus mit und spricht von „Notmaßnahmen“. Der OB kündigt an: Wenn der Verbrauch nicht sinke, „werden wir weitergehende Maßnahmen ergreifen müssen“. Der Wasserchef der Stadtwerke (SWM) spricht im Stadtrat von Pegeln „im Tiefflug“, von „Notfallplan“ und dass man bereits „weitere Eskalationsschritte“ gegangen sei. Diese aber dürfe er nicht benennen, weil es sich um kritische Infrastruktur handle. Ist also zu befürchten, dass bald die Wasserhähne trocken bleiben? Nein, lautet die klare Antwort der Stadtwerke. Angespannt, aber nicht kritisch: So beschreibt Hermann Löhner, Leiter der Wassergewinnung, die Lage. Die Versorgung laufe „noch im geregelten Betrieb“. Aber es sei Zeit, Wasser zu sparen, um eine echte Krise zu vermeiden.Wie nah „an der Grenze“ ist Münchens Versorgungssystem?Zu mehr als 90 Prozent sei in der jüngsten Hitzeperiode das System der Wasserversorgung ausgelastet gewesen, normal seien im Sommer 80 Prozent, erklärt Löhner. Die Grenze des Systems definiere sich durch vier Faktoren. Die ersten beiden spielten derzeit keine Rolle: Wasserqualität (in Ordnung) und Technik (funktioniert). Relevant seien die beiden anderen limitierenden Faktoren: Wasserrecht und hydrogeologische Verfügbarkeit. Die SWM dürfen nur eine bestimmte Menge fördern, und dann ist natürlich entscheidend, wie viel Grundwasser vorhanden ist.Die SWM erklären: „Die Trinkwasserversorgung Münchens ist derzeit gesichert. Kritisch würde die Situation erst dann, wenn der Wasserbedarf die wasserrechtlich genehmigten Entnahmemengen dauerhaft übersteigt und gleichzeitig keine ausreichenden technischen und betrieblichen Reserven mehr zur Verfügung stehen“. Gemeint ist die Förderkapazität. „Davon sind wir aber weit entfernt.“ Es bestünde notfalls die Möglichkeit, eine zeitlich befristete Erhöhung der Fördermenge zu beantragen. Darüber müssten die zuständigen Behörden entscheiden.Was ist die Ursache der aktuellen Situation?Es ist zu trocken und zu heiß. Weil es seit Januar 2025 zu wenig Niederschlag gebe, bilde sich das Grundwasser nicht so nach, wie es München gewohnt ist. Als es im Juni knapp zwei Wochen sehr heiß war, stieg der Wasserverbrauch enorm an.Wie lange dauert es, bis Regen im Grundwasser ankommt?Es versickert nur ein Teil des Regens im Boden. Zunächst fließt auf versiegelten Flächen viel Wasser in der Kanalisation; zudem bedienen sich Pflanzen an ihm. Was dann noch übrig ist an Regen, werde irgendwann zu Grundwasser. Die SWM hätten eine Brunnenmischung, erklärt Löhner: In manchen Fördergebieten dauere es 50 bis 80 Tage, ehe der Niederschlag unten ankomme, bei manchen Brunnen aber spüre man Regen schon nach wenigen Tagen.Auf versiegelten Flächen fließt das Wasser erst mal in die Kanalisation. Florian PeljakWie viel Wasser braucht München?Laut SWM normalerweise 300 bis 350 Millionen Liter an einem durchschnittlichen Tag. Während der jüngsten Hitzeperiode sei der Verbrauch an manchen Tagen auf mehr als 400 Millionen Liter gestiegen, um knapp ein Drittel also.Woher kommt das Münchner Trinkwasser?Der größte Teil wird am Rande der Alpen gefördert. Aus dem Mangfalltal fließen laut SWM im langjährigen Durchschnitt rund 75 Prozent des Bedarfs gen Norden, aus dem Loisachtal nördlich von Garmisch-Partenkirchen etwa 15 Prozent. Zehn Prozent fördern die SWM in der Münchner Schotterebene südlich der Stadt. Die Grundlast bedienen die SWM aus dem Mangfall- und Loisachtal. Die Brunnen in der Schotterebene sind für Spitzenlast-Perioden da. Früher habe man sie im Winter nicht oder kaum benötigt. Das habe sich laut Löhner geändert: Seit Frühjahr 2025 liefen die Brunnen in der Schotterebene weitgehend durch und deckten zwischen zehn und 30 Prozent des Bedarfs.Drei Viertel des Münchner Wassers kommt aus dem Mangfalltal. Udo Siebig/mauritius imagesWarum nutzen die SWM nicht das Grundwasser unter dem Stadtgebiet?Weil nicht dauerhaft garantiert wäre, dass das oberflächennahe Grundwasser immer sauber ist. Man brauche ein Wasserschutzgebiet rund um die Brunnen, das ist in einer Großstadt nicht möglich. Dennoch gebe es laut Klimareferat Tausende Brunnen im Stadtgebiet, Privathaushalte nutzten das Wasser daraus oft zum Gießen des Gartens. Wenn es für thermische Zwecke, also zum Heizen und Kühlen, verwendet werde, fließe es nach der Nutzung wieder zurück in den Untergrund.Plant München, das besonders saubere Tiefengrundwasser anzuzapfen?Nein. Die SWM betonen, dass sie dies „derzeit“ ausschlössen. Tiefengrundwasser findet sich tiefer unter der Oberfläche, in München sind es teils 200 Meter und mehr. Genutzt wird es fast ausschließlich von den hiesigen Brauereien. Weil es durch weitgehend undurchlässige Erdschichten geschützt ist, ist es besonders rein und besonders geschützt, als „eiserne Reserve“ für absolute Notfälle.Wer verbraucht wie viel?Laut SWM hätten den größten Anteil am Wasserverbrauch Mehr- und Einfamilienhäuser sowie Hotels und andere Beherbergungsbetriebe. Einzelne Verbraucher dürfe man aus Gründen des Datenschutzes nicht nennen. Auch die Fragen, welche Sektoren der Wirtschaft, etwa Rechenzentren, viel Wasser brauchen, bleibt unbeantwortet.Wofür braucht eine Person Trinkwasser?Die 123 Liter, die ein Mensch in München durchschnittlich pro Tag verbrauche, werden laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft unter anderem dafür genutzt: Baden, Duschen, Körperpflege: 44 Liter; Toilettenspülung: 33 Liter; Wäsche waschen: 15 Liter, Geschirrspülen: sieben Liter, Raumreinigung, Garten: sieben Liter, Essen, Trinken: sechs Liter.Wie reagiert das Rathaus auf die Wasserknappheit?OB Krause hat eine Taskforce einberufen, um „unverzüglich“ Maßnahmen zum Wassersparen zu koordinieren, am Donnerstag traf man sich erstmals. Ihr gehören Fachleute des Klimareferats und der SWM an, bei Bedarf ziehe man weitere Experten hinzu. Krause hatte am Dienstag an alle Münchner appelliert, Wasser zu sparen. Auch wenn in diesem Aufruf Firmen nicht erwähnt werden: Die Bitte des OB richte sich auch an Firmen, erklärt ein Rathaussprecher. Zudem kündigte die Stadt an, selbst zu sparen, wo es geht.Was bringt es, wenn die Stadt Brunnen abstellt und aufs Gießen in Grünanlagen verzichtet?Die Wirkung ist einerseits symbolisch, Botschaft: Die Stadt geht mit gutem Beispiel voran, jeder eingesparte Liter hilft. Baureferentin Jeanne-Marie Ehbauer erklärte im Stadtrat, dass in Grünanlagen nicht viel zu sparen sei, weil dort ohnehin kaum gegossen werde. Ausnahme seien Blumenbeete und junge Bäume bis zum Alter von zwei bis fünf Jahren. Relevant sei dagegen das Sparpotenzial bei Brunnen. Allein der jetzt abgestellte Fischbrunnen vor dem Rathaus verbrauche pro Tag 130 000 Liter, weil er keine Umwälzpumpe habe. Sein Wasser fließt sofort in die Kanalisation. Zehn der 150 Zierbrunnen schalte man ab, bei 56 Brunnen stelle man die Zeitschaltuhr so ein, dass sie täglich vier Stunden weniger laufen, nur noch von zehn bis 20 Uhr. So spare man insgesamt knapp eine Million Liter pro Tag.Mitte Juni war der Fischbrunnen am Marienplatz bei Rekordtemperaturen noch Magnet für die Menschen. Mittlerweile ist er abgestellt. Imago/Wolfgang Maria WeberWas kann jeder Einzelne tun?In München leben rund 1,6 Millionen Menschen. Verbraucht jeder nur zehn Liter Wasser am Tag weniger, kommen schon mal 16 Millionen Liter zusammen. Viel lässt sich sparen, ohne dass es negative Auswirkung hat. Wer, statt sich in die Badewanne zu legen, unter die Dusche geht, verbraucht statt 150 Liter nur 30 bis 50. Wer während des Zähneputzens den Wasserhahn zudreht, spart ebenfalls; in nur drei Minuten laufen rund 20 Liter Wasser in den Ausguss. Viel Wasser lässt sich im eigenen Garten sparen, indem man aufs Bewässern von Rasen verzichtet, Pools und Planschbecken nicht mehr befüllt.Was bringen die Sparappelle?Man sehe erste Erfolge, sagt Löhner, „die Appelle haben gewirkt“. SWM-Sprecher Hannes Lindhuber sagt, er freue sich, dass die Münchner den Aufruf offenbar ernst nähmen, nun gelte es, nicht nachzulassen. Eine konkrete Zahl, wie stark der Verbrauch gesunken sei, könne man noch nicht nennen.