Was haben die Römer je für uns getan? Den Fußball haben sie uns jedenfalls nicht gegeben; den haben bekanntlich die Briten im 19. Jahrhundert erfunden. Zwar kannte man in der Antike einige in zwei Mannschaften ausgetragene Ballspiele wie das griechische Episkyros oder das römische Harpastum. Doch glichen diese, wenn überhaupt, eher dem heutigen Handball oder Rugby und erreichten nie die Popularität von Laufwettbewerben oder Wagenrennen. Aristoteles als Libero und Sokrates als Goalgetter – das gibt es nur beim „Philosophenfußball“ von Monty Python.Oder doch nicht? Schlägt man im „Neuen Pauly" nach, dem renommiertesten Fachlexikon der Altertumswissenschaften, so findet man im ersten Band einen Eintrag unter „Apopudobalia“ (zu deutsch: „Vom-Fuß-weg-Schleudern“). Das sei eine antike Sportart gewesen, heißt es dort, „wohl eine frühe Vorform des neuzeitlichen Fußballspiels“. In den „Gymnastika“ des Achilleus Taktikos sei sie schon für das frühe 4. Jahrhundert vor Christus in Korinth belegt. Von ihrer späteren Popularität in Rom zeuge die Erwähnung einiger Spieler in der pseudo-ciceronischen Schrift „De viris illustribus“ („Über berühmte Männer“). Durch römische Legionäre sei Apopudobalia schließlich nach Britannien gelangt, von wo aus sich die Sportart – von christlichen Autoren lange bekämpft – im 19. Jahrhundert unter neuem Namen abermals ausgebreitet habe.F.A.Z.Scheint also, als hätten wir den Griechen und Römern nicht nur Demokratie und Jurisprudenz, sondern auch den Fußball zu verdanken – für manche vermutlich der größte Segen von allen. Das Problem: Was nach einer ebenso überraschenden wie plausiblen Genealogie klingt, beglaubigt durch den Gütesiegel des „Neuen Pauly“, ist in Wahrheit frei erfunden. Einen Achilleus Taktikos – dem Namen nach vielleicht ein antiker Guardiola – hat es nie gegeben; die Literaturangaben, darunter eine „Festschrift Matthias Sammer“, wirken wie die Halluzinationen einer schlecht trainierten KI. „Apopudobalia“ freilich entstand schon 1996 und ist einer der bekanntesten Scherzartikel der modernen Lexikographie.Anfangs ein StudentenstreichWie aber kam es dazu? Ein Anruf beim Autor. Heute ist Mischa Meier Leibniz-Preisträger und Professor für Alte Geschichte in Tübingen. Er war freilich noch Student, als ihn der Bochumer Althistoriker Walter Eder in den Neunzigerjahren als Hilfskraft einstellte und zur Mitarbeit am von ihm herausgegebenen „Neuen Pauly“ einlud. Zusammen mit einigen Kommilitonen, erzählt Meier, habe er nicht nur Beiträge redigiert, sondern sie unter großem Zeitdruck auch selbst verfasst, wenn vereinbarte Artikel wieder einmal nicht rechtzeitig eingereicht worden waren. In einer dieser Nacht- oder Wochenendschichten sei ihm und seinen Mitstreitern die Idee zu „Apopudobalia“ gekommen – zunächst nichts weiter als ein Spaß gegenüber ihrem Professor.Im Nebenberuf ein Schelm: Der Tübinger Althistoriker Mischa MeierUniversität TübingenDieser fand den Beitrag jedoch so lustig, dass er „Apopudobalia“ kommentarlos in die Liste der Lemmata aufnahm. Der Verlag merkte nichts, und so wurde mit der Erstausgabe des Lexikons der antike Fußball in die Welt gesetzt.Ein paar Sorgen um die Rezeption habe er sich schon gemacht, sagt Meier rückblickend. Wie nicht anders zu erwarten, flog der Scherz bald nach der Publikation auf. Eine Zeit lang hielten sich die belustigten und entsetzten Reaktionen die Waage; der Verlag verlangte anfangs sogar, dass Meier die Kosten für einen Neudruck trage. Doch dann stellte sich sein Professor Eder demonstrativ hinter ihn, und im Fach gewann homerisches Gelächter über senatorische Strenge.Bleibt zu klären, warum die schnöde Wirklichkeit sich nicht dem schönen Konstrukt fügt, warum die Griechen und Römer nicht auch den Fußball erfanden. Meier vermutet, das habe etwas mit dem Ursprung des antiken Sports als Elitenwettbewerb zu tun: In den olympischen Disziplinen wie Sprinten, Speerwerfen oder Ringkämpfen sei es immer um die Tugend des Einzelnen gegangen, die im aristokratischen Ehrenkodex an erster Stelle stand. Sportarten, in denen vor allem die Mannschaftsleistung zählte, hätten es demgegenüber schwer gehabt.So gesehen ist der moderne Fußball den antiken Leibesertüchtigungen dann vielleicht doch näher als erwartet: Der Starkult um Spieler wie Messi oder Mbappé kennt heute bekanntlich keine Grenzen.In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.