Fussball ist in vielen Ländern Nationalsport. Kaum jemand misst den Zustand des eigenen Landes aber so sehr am sportlichen Erfolg wie die Deutschen. Dafür gibt es historische Gründe.30.06.2026, 13.57 Uhr4 LeseminutenZum dritten Mal Weltmeister: Die Nationalspieler Lothar Matthäus (links) mit Rudi Völler auf der Ehrenrunde nach dem Sieg im WM-Final 1990 gegen Argentinien.Deutschland ist zum dritten Mal in Folge bei einer Fussballweltmeisterschaft früh ausgeschieden. Für den emotionalen Haushalt eines derart fussballbegeisterten und mit vier Weltmeistertiteln erfolgsverwöhnten Landes ist eine vorzeitige Heimreise nie leicht zu verkraften und immer eine Kränkung. Doch diesmal ist die Niederlage besonders bitter, hätte das Land angesichts unübersehbarer Probleme Aufmunterung doch so gut gebrauchen können wie lange nicht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Man geht wahrscheinlich nur um ein weniges zu weit, wenn man in dem Sieg die eigentliche emotionale Republikgründung sieht. «Wir sind wieder wer», lässt sich das Lebensgefühl vieler Westdeutscher nach dem Erfolg in der Schweiz auf den Punkt bringen.1974 holte die Bundesrepublik erneut den Titel20 Jahre später war die Bundesrepublik längst eine wirtschaftliche Erfolgslokomotive im Herzen Europas, politisch über die Massen stabil und Motor der europäischen Integration, die damals noch EG hiess und gerade erweitert worden war. In diesem Sinne war der zweite Weltmeistertitel – dazu noch auf deutschem Boden – die auch sportliche Bestätigung des unübersehbaren Erfolgsmodells Bundesrepublik. Deren Nationalelf etablierte sich damals endgültig als eines jener Teams, mit denen als Titelanwärter zu rechnen war.1990 war der Fussball wieder wie 1954 mehr als nur Fussball. Im Juni gewann die Nationalelf der Bundesrepublik in Rom zum dritten Mal bei einer WM. Vielen Deutschen prägte sich ein, wie Nationaltrainer Franz Beckenbauer nach dem Sieg gedankenversunken über das Spielfeld zog. Entscheidender aber war, dass der Sieg im italienischen Sommer emotional die Wiedervereinigung vorwegnahm, die politisch erst am 3. Oktober 1990 in Kraft trat. Deutsche in der Bundesrepublik wie in der formell immer noch bestehenden DDR freuten sich als ein Land.Bis zum nächsten WM-Titel sollte es danach eine Weile dauern. Dennoch bescherte sich Deutschland bei der auf eigenem Boden ausgetragenen WM 2006 auch ohne Titel ein Sommermärchen. Die Welt zu Gast bei Freunden, lautete das Motto des bei bestem Sommerwetter ausgetragenen Wettbewerbs, der Deutschlands Innenstädte zu Bühnen ausgelassener Feiern machte.Die Welt war überrascht davon, wie locker die Deutschen sein konnten. Und die Deutschen fanden einen entspannteren Umgang mit ihren nationalen Symbolen Schwarz-Rot-Gold. Zum Vergleich: Noch bis in die neunziger Jahre gehörte es in akademischen Milieus zum guten Ton, immer Deutschlands Gegnern die Daumen zu drücken.2006 beschenkten sich die Deutschen selbstIn jenem Sommer 2006 nahmen die Deutschen auch eine neue Seite an ihrer erst seit einem Jahr amtierenden Kanzlerin Angela Merkel wahr. Sie, die Ungelenke und Distanzierte, zeigte bei den Spielen echte Emotionen, und gewann dadurch viele Sympathien. Merkel und die Politik entdeckten den Sport für sich – möglicherweise mehr, als diesem das gut tat.In der Folge suchte Merkel immer wieder die Nähe zur Nationalelf. Deren Trainer Jogi Löw wiederum liess geschehen, dass die Nationalelf zur Schule der Nation umfunktioniert werden sollte. Türkischstämmige Spieler wie Mesut Özil galten als Beispiele gelungener Integration. Dass er später die Nähe zu Erdogan suchte, liess die Integrationskulissen krachend in sich zusammenfallen.Sportfans war die zunehmende Politisierung schon früh ein Dorn im Auge. Aber dem sportlichen Erfolg tat das keinen Abbruch. 2014 wurde Deutschland in Brasilien schliesslich zum vierten Mal Weltmeister. Möglicherweise stand das Land in der Welt nie höher im Ansehen als in jenem Jahr 2014.Seither hat Deutschland seine Mitte verloren. Der millionenfache Zustrom von nur schwer integrierbaren Migranten, die unheilbare Kluft zwischen Anhängern und Gegnern der AfD, zuletzt der unübersehbare wirtschaftliche Niedergang: all das nagt am Selbstbild eines unsicher gewordenen Landes. Und vom Fussball ist wie schon bei den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 auch 2026 kein Trost zu erwarten.Im Gegenteil, das Land verfällt nach einer schwachen Leistung der Fussballer gleich wieder in die schon so lange anhaltende trübe Stimmung.Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel, @DFB_Team! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch. pic.twitter.com/TCMfDH6ROS— Bundeskanzler Friedrich Merz (@bundeskanzler) June 29, 2026
WM-Aus: In der Geschichte Deutschlands war Fussball meist mehr als nur ein Spiel
Fussball ist in vielen Ländern Nationalsport. Kaum jemand misst den Zustand des eigenen Landes aber so sehr am sportlichen Erfolg wie die Deutschen. Dafür gibt es historische Gründe.











