Für manche steht sie für gelungene Integration, für andere für die emanzipierte Frau von heute. Doch Nadin Zaya will kein Symbol sein. Sie will mehr: „Mir geht es nicht darum, eine besondere Leistung zu verkörpern, sondern zu zeigen, dass es möglich ist, in Deutschland durch eigene Leistung voranzukommen.“ Seit Ende Mai sitzt die 27-Jährige, frühere Vorsitzende der Jungen Liberalen Niedersachsen, als gewählte Beisitzerin im Präsidium der FDP.Für Aufsehen sorgte ihre Bewerbungsrede, in der sie ihre Aufstiegsgeschichte erzählte: Als Kind floh sie mit ihren Eltern vor religiöser Verfolgung im Irak nach Deutschland, lebte zeitweise in einer Flüchtlingsunterkunft, wurde von ihren Eltern erzogen, „nicht faul zu sein“, studierte Jura und absolviert nun neben ihrem politischen Engagement das Referendariat am Oberlandesgericht Braunschweig.„Doppelleben“ zwischen Klausur und InterviewIn Braunschweig startete heute auch Zayas Tag. Sie ist keine Berufspolitikerin, und sie wolle es auch gar nicht sein. Von sieben bis um zwei Uhr war Zaya im Referendariat, hetzte dann nach Hause, fuhr nach Hannover zur Real Estate Arena „und darf jetzt Shootingstar spielen“. Spielen ist ihr Wort. Zayas „Doppelleben“ besteht daraus, einerseits die Handakte ihrer Ausbilderin zu holen und sich nervös auf die nächste Klausur vorzubereiten und andererseits auf Messen zu stehen und Interviews zu geben. „Das ist schon eine Dissonanz in meinem Tagesablauf.“„Vom Traum zum Versprechen“ steht über dem Podium, auf dem die FDP-Politikerin sitzt. Es geht um günstigeres Wohnen und einfacheres Bauen. Eingeladen auf die Immobilienmesse hat die Politikerin ein großer Gewerbeimmobilienberater, das Publikum ist homogen: Über Sakkos baumeln Lanyards, Anzughemden verschwinden unter Patagonia-Westen, seit Jahren die Quasi-Uniform der Investment- und Beraterszene. Männer sind hier weit in der Überzahl. Bauen ist hier kein „Traum“, sondern ein Geschäft.Die Messe entspricht nicht Zayas Erwartungen. „Mehr Bausubstanz und weniger Patagonia-Weste.“ Das hatte sie sich von diesem Tag erhofft, sagt sie. Es scheint jedoch, dass heute in Hannover mehr Bühne ist als Inhalt.Sie sticht herausManche würden das auch über ihre Partei sagen. Zaya weiß das. Sie kenne das Bild, das an der FDP klebt: die Ralph-Lauren-Armee in der ersten Reihe bei den Auftritten Christian Lindners, Poloshirt an Poloshirt. Es ist die Optik einer Klientel, welche nicht nach dem „Aufstieg“ sucht, den die junge Politikerin verspricht, sondern schon angekommen scheint. Dann bricht Zaya eine Lanze für die Poloshirt-Fraktion: „Das sind Menschen, die richtig leidenschaftlich für die FDP gebrannt haben“, sagt sie. Und überhaupt, die Partei stehe für viel mehr als für eine Uniform: „Es gibt keine Optik für einen FDP-Wähler.“Zayas plötzliche Bekanntheit in den sozialen Medien jedenfalls hängt auch damit zusammen, dass sie eine frische Optik für die geschrumpfte Partei ist, die nun von einem 74-Jährigen geführt wird. Zaya trägt Cowboystiefel und einen lockeren weißen Blazer. Sie weiß, was angesagt ist. Auf der Bühne sticht sie heraus, nicht weil sie sonderlich laut ist, sondern weil sie moderner auftritt als ihre Parteifreunde.Auf der Bühne werden die FDP-Positionen diskutiert, im Publikum scheint das Interesse an Zayas Person größer als am Inhalt. Ein Zuschauer tuschelt hörbar: „Aus dem Asylbewerberheim in die Politik, das ist gut“, und die Männer um ihn lachen.Technisch gesehen ist Bauen nicht ihr Fachgebiet, Zaya geht es um Bildungsthemen, um Aufstieg. Doch sie empfindet Bauen sehr wohl als ein für sie relevantes Thema. Denn die momentane Baupolitik, findet sie, breche das Aufstiegsversprechen. Das Eigenheim, früher der Beweis, dass man es geschafft habe, sei selbst für gut Ausgebildete in weite Ferne gerückt. Zaya sagt, es sei ihre Mission, Hürden beim Bauen, welche die Politik errichtet, abzureißen.Als „Shootingstar“ betitelt – und das Wort setzt die Latte hochDass sie sich in der Wahl für das Parteipräsidium durchsetzt, habe sie für gut möglich gehalten. Überraschend sei allerdings die mediale Aufmerksamkeit danach gewesen. Auf ihre Wahl folgten Tweets, Artikel, Kommentare, primär gefüllt von Interesse, Lob und Anerkennung.Doch die Aufmerksamkeit erzeuge auch einen „wahnsinnigen Druck“, sagt sie. Die Zuschreibung „Shootingstar“, mit der sie in Hannover gleich doppelt anmoderiert wird, habe sie „fast beschämt“. „Solche Zuschreibungen sorgen immer dafür, dass die Messlatte enorm hochgesetzt wird.“ Eine Woche im Amt, und schon ruht auf ihren Schultern die Erwartung, eine von Friedrich Merz für beerdigt erklärte Partei wieder mit zum Leben zu erwecken. Es ist viel verlangt von jemandem, der morgens noch im Klausurstress war.Den Rummel um ihre Person erklärt sich Zaya mit einem Hunger, der nicht ihr gilt, sondern einem Zustand. „Deutschland hat wieder Lust darauf, FDP und Lachen miteinander zu verbinden.“ Zaya sieht sich deshalb aktuell in der Pflicht. In den kommenden Wochen will sie jede Veranstaltung nutzen, um möglichst viel aus ihrem Momentum zu machen. „Ich habe Lust, das jetzt noch ein Jahr so weiterzumachen“, sagt sie. Ihre berufliche Zukunft sehe sie aber nicht unbedingt in der Politik. Sie sei sehr gerne Juristin, und wenn sie sich entscheiden müsse, ziehe sie es in die Anwaltschaft. „Politisch engagiere ich mich leidenschaftlich gerne im Ehrenamt.“Lieber Anwältin, als Berufspolitikerin: Nadin Zaya, Präsidiumsbeisitzerin der FDP.Florian SchönfeldAls Frau bietet sie eine andere Angriffsfläche, das hat sie gelerntNach der Panel-Diskussion berichtet Nadin Zaya im Gespräch über eine Erschwernis, die sie als junge, weibliche Politikerin wahrnehme. Wie dieses im Kleinen aussieht, zeigt sich gleich nach ihrem Auftritt. Ein junger Mann lädt sie zu einem „politischen Gespräch in der Bibliothek“ ein. Dass es ihm dabei nur zweitrangig um Politik gehe und vor allem um eine Verabredung, merkt sie sofort. So etwas passiere ihr häufiger. „Mich begleitet das als Frau immer“, sagt sie, „egal wo ich hingehe.“ Sie gehe erst einmal vom Guten aus, vom echten Interesse an ihren Positionen. Merke sie, dass es in eine andere Richtung gehe, dann „habe ich überhaupt kein Problem damit, Männern ihre Schranken zu weisen“.Resilienz, sagt sie, habe sie sich über die Jahre antrainiert. Nötig sei sie vor allem online. Kommentare und Anfeindungen, die sich auf ihre Optik beziehen, interessieren Zaya wenig. „Dass Herbert, 63, findet, ich sehe nicht gut aus, damit kann ich gut leben.“Gegen eine Geschichte, die alle erzählen wollenEs gibt aber einen Satz, der sie ärgert: vom Asylheim an die Spitze. Man hört ihn heute im Saal, man liest ihn in Zeitschriften, und faktisch falsch ist er nicht. Zaya ist nicht in Deutschland geboren, verbrachte die ersten anderthalb Jahre ihres Lebens im Irak, und in einer Asylunterkunft lebte ihre Familie kurzzeitig auch. Nur sei das nicht der Kern ihrer Geschichte und ihrer Persönlichkeit: „Ich bin Deutsche mit aramäischen Wurzeln“, sagt sie sehr fest: „In einer Identitätskrise, was meine deutsche Identität angeht, war ich noch nie.“ Zu Hause sprach man Aramäisch, es gab levantinische Küche, und das, sagt sie, sei eine schöne Abwechslung gewesen, keine Frage der Zugehörigkeit.Was Zaya an der Geschichte stört, ist die Erwartung, die daraus folgen soll. „Man sieht mich, hört die Geschichte und denkt: Die hat richtig Lust, mit uns über Migration zu diskutieren.“ Pause. „Habe ich gar keine.“ Reden will sie schon, allerdings über Geldpolitik, über Bildung. „Mein eigener Migrationshintergrund macht mich nicht zur Migrationsexpertin.“Und die eigene Aufstiegsgeschichte? „Ich finde es schade, dass das als Kern herausgenommen wurde.“ Es gehe ihr nicht darum, sich als etwas Besonderes zu zeigen, sondern um den Beweis, dass man es in Deutschland durch eigene Leistung nach vorne schaffen kann, und darum, dass der Weg, den sie über fünfundzwanzig Jahre gegangen sei, heute womöglich gar nicht mehr gangbar wäre. Während des Gesprächs zieht sie DIN-A5-Zettelchen mit Fakten hervor und sieht kurz nach, bevor sie eine Zahl nennt. Nur acht Prozent der Deutschen glaubten noch, dass es der nächsten Generation besser gehen werde. Das sei ihr eigentliches Thema.Das Vermeiden der One-Man-ShowWas sie gegen diese Erstarrung tun will, ist im Kern das vertraute liberale Repertoire, allerdings jünger vorgetragen. In einem liberalen Staat stellt sich Zaya weniger Steuern vor. Begleitet von höheren Freibeträgen und einem Spitzensteuersatz, der nicht schon „mit einer guten Ausbildung sehr schnell“ zuschlägt. In der Bildungspolitik ihr liebstes Beispiel: „Wir haben zu viele Abiture“, lieber „einen guten Auszubildenden als einen schlechten Abiturienten“. Der Staat sollte den Menschen nicht Geld zustecken, sondern aufhören, ihnen Steine in den Weg zu legen: kein Almosen, sondern Werkzeug.Und mit Blick auf ihre Partei sei ihr wichtig, dass die FDP keine „One-Man-Show“ werden dürfe. Daran sei sie schon einmal zerbröckelt. Mit Wolfgang Kubicki hat die FDP nun wieder einen dominanten Parteichef. Was an diesem Tag in Hannover – bei allem Respekt – deutlich wird: Zaya will die Aufmerksamkeit nicht alleine den Alteingesessenen überlassen.
FDP-Aufsteigerin: Nadin Zaya schaffte es „vom Asylheim an die Spitze“
Die 27-jährige Nadin Zaya ist frisch ins FDP-Präsidium gewählt. Ihr Weg „vom Asylheim an die Spitze“ begeistert und macht Hoffnung. Doch die junge Politikerin will nicht auf Symbolpolitik reduziert werden. Wie geht es für sie weiter?






