„Who is Helga?“, steht an der Wand gleich beim Eingang der Ausstellung, die Helga Gebert gewidmet ist, und das wäre schon die erste Antwort auf die Frage: Sie ist eine der bedeutendsten und meistverbreiteten Illustratorinnen von Märchenbüchern der letzten fünfzig Jahre. Allerdings trifft sie dasselbe Los, das Künstler, die vor allem für ein jüngeres Publikum arbeiten, seit jeher trifft: Ihr Stil ist bekannt, geradezu vertraut, man hat die Illustrationen von Rolf Rettich, Ilon Wikland oder Lilo Fromm in hundert Kinderbüchern gesehen, aber weil lange Zeit nur die Namen derer auf dem Buchcover standen, von denen die Texte stammen, waren die der Zeichnungsurheber den jungen Lesern kaum geläufig. Verankert im Gedächtnis des Publikums sind sie durchaus, aber eben nur im optischen – dass Illustratoren wie Axel Scheffler auch namentlich einem großen Publikum bekannt sind, ist eine eher neuere Erscheinung.Hinter ihr entsteht ein phantastischer PalastEin Anlass jedenfalls, zunächst nach Helga Geberts Biographie zu fragen. In dem großzügigen Saal, der in Kassels „Grimmwelt“ für Sonderausstellungen zur Verfügung steht, geschieht das über Wandtafeln, aber auch in einer Filmcollage, die überwiegend Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Leben der 1935 geborenen, heute in Freiburg lebenden Künstlerin mit von ihr geschaffenen animierten bunten Bildern verbindet, sodass Gebert etwa vorgebeugt an einem Tisch sitzt, den Stift in der Hand, während hinter ihr ein phantastischer Palast erscheint, gekrönt von einer leuchtenden Kuppel.Märchen, das weiß Helga Gebert, sind immer im Fluss, und das nicht nur, wenn sie mündlich weitergegeben und dabei verändert werden. Märchenmotive wandern durch die Kulturen, und die weltweite Rezeption der grimmschen Sammlung hat diesen Prozess noch befördert. Helga Geberts Interesse gilt dem, was die Märchen weit entfernter Gegenden gemeinsam haben, und so ist ein Teil dieser Ausstellung auch dem Vergleich in Wort und Bild gewidmet, Petrosinella mit Rapunzel beispielsweise oder Aschenputtel mit seinen Vorgängern und Nachfolgern.An dieser Stelle der Ausstellung, die mehr als 200 Arbeiten der Künstlerin zeigt, könnte man die Frage, wer Helga Gebert ist, auch mit dem Hinweis auf die Märchenphilologin beantworten, die das Ergebnis ihrer Forschungen lieber in Bildern als in Aufsätzen festhält. Dabei lenkt sie den Blick des Betrachters auch auf Details, wie in „Aschenputtel“ auf die Füße der Mädchen, die den Ausschlag über deren künftiges Schicksal geben, daneben ein Messer, das den Weg zum „Blut ist im Schuh“ bahnen wird.Zum Glück hat Schneewittchens Sarg eine GlasplatteHarmlos ist da gar nichts, aufregend eine Menge, und das geht oft genug Hand in Hand mit einem schleichenden Gefühl von Bedrohung. Eine unveröffentlichte Zeichnung Geberts zeigt Schneewittchen im gläsernen Sarg, die Augenlider geschlossen, die Lippen zusammengepresst, keineswegs friedlich, sondern wie beunruhigt durch das jähe Ende ihres Lebens. Unter dem ausgeführten Bild notiert sich die Künstlerin die Quelle, die Sammlung der Brüder Grimm und das erstmalige Auftauchen dieses Märchens im Jahr 1812, dazu den Satz, von dem ihre Illustration ausgeht: „Und die Tiere kamen auch und beweinten Schneewittchen, erst eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen.“Das Gesicht ist anders, der Blick doch sehr ähnlich: Geberts Illustration zum Märchen „Östlich von der Sonne und westlich vom Mond“Helga GebertDiese und ein paar mehr Vögel sehen wir in Geberts Bild dann auch neben und auf dem Sarg. Was es aber mit dem Beweinen auf sich hat, ist nicht leicht zu deuten. Denn so wie sich die Vögel auf der Glasplatte mit vorgestrecktem spitzen Schnabel der vermeintlich Toten nähern, weiß man nicht, was passierte, wenn es keine Barriere gäbe.So vollendet schön viele dieser Bilder sind, so frei von aller Sentimentalität sind sie auch. Das macht sie so aufregend und, bei allem Märchenbezug, auch so gegenwärtig. Die (natürlich!) sieben locker im großen Raum verstreuten Teile der Ausstellung betonen das ebenso wie die assoziative Form jeder Station – und die Übergänge sowieso.Denn mehr als alles andere prägt die Metamorphose die Auffassung, die Helga Gebert augenscheinlich von Märchen besitzt. Tiere und Menschen verschwimmen nicht nur in den Texten ineinander, sondern auch in den Bildern, hier vor allem. Denn wenn im Märchen ein Akt der Verwandlung nötig ist, damit aus dem Fuchs eine Frau werden kann und aus dem Schwan ein Mädchen, aus dem Prinzen ein Bär und aus dem stachligen Igel ein liebevoller junger Mann, dann sind in den hier ausgestellten Bildern jeweils die Züge beider Gestalten in derselben Figur dargestellt. Und Rotkäppchen und der Wolf sind sich hier ähnlicher als irgendwo sonst.All das macht die Ausstellung sehr deutlich und spielt am Ende den Ball gekonnt zum Besucher zurück. Eine Rotunde in der Nähe des Ausgangs ist innen mit lauter erlesenen Porträts bestückt, schöne, knorrige, ratlose, erhabene Gesichter, auch sie flirrend und schwer zu fassen, und viele von ihnen besitzen einen Hauch von fremden Existenzen, der über ihren eigentlichen Zügen liegt. Dazwischen aber sind in unterschiedlicher Höhe Spiegel in derselben Rahmenform wie die Porträts angebracht.Beim Ausgang, nach so viel „Who is Helga?“, steht an der Wand die Frage: „Who am I?“ Grund genug für einen zweiten Besuch.„Zwischen Gestalten. Helga Gebert – Erzählen in Bild und Wort.“ In der Grimmwelt Kassel, bis zum 24. Januar 2027. Der Katalog erscheint demnächst.