Menschheitsgeschichte, genial gezeichnet: Ulli Lust hinterfragt in ihrer Graphic Novel traditionelle Bilder«Die Frau als Mensch» erzählt Menschheitsgeschichte neu. Ulli Lust folgt damit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, stellt aber auch Gewissheiten über Männer und Frauen in Frage.Regula Freuler28.06.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenUlli Lust«Überall Kerle!»: Ob in Rom, Wien, London – Ulli Lust fiel auf, dass unsere Kulturgeschichte vor allem männliche Helden feiert. Ganz anders die Eiszeit: Von den erhaltenen Darstellungen zeigen nur rund zehn Prozent Männer, die grosse Mehrheit hingegen Frauen – und dies während eines Zeitraums von rund 30 000 Jahren. Die von der Archäologie lange erotisch konnotierten Statuetten mit ihren betonten Brüsten, Pobacken und Labien prägen bis heute unser Bild der Vorgeschichte. Wen oder was zeigten sie?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dieser Frage geht die österreichische Comic-Künstlerin in «Die Frau als Mensch» nach. Der erste Band wurde 2025 als erster Comic mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet, der zweite für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Lust, eine der international meistprämierten deutschsprachigen Comic-Autorinnen, verbindet Wissenschaftsgeschichte und eine fiktive Erzählung um die Entstehung der Venus von Willendorf mit autobiografischen Elementen.Neue Methoden haben viele Gewissheiten der Archäologie erschüttert. Gräber mit Waffen wurden lange automatisch Männern zugeschrieben; DNA-Analysen zeigten später, dass dort mitunter Frauen bestattet waren. Vieles spricht dafür, dass Aufgaben in mobilen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften flexibler verteilt waren. Ulli Lust versucht weder ein eiszeitliches Matriarchat zu beweisen noch alte Gewissheiten durch neue zu ersetzen. Ihre Stärke liegt in der Offenheit des Fragens. Sie zeigt, wie sehr die jeweils geltenden Vorstellungen von Geschlecht archäologische Deutungen geprägt haben.Zeichnerisch überzeugt Ulli Lust ein weiteres Mal durch einen offenen, beweglichen Strich, der Forschung ebenso verständlich macht wie die fiktiven Szenen aus der Eiszeit. Gerade weil die Künstlerin Ambivalenzen stehen lässt und Antworten nicht erzwingt, verbindet das Werk wissenschaftliche Genauigkeit mit erzählerischer Leichtigkeit.Ulli Lust: Die Frau als Mensch. 2 Bände. Reprodukt 2025/2026. 448 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel