Schweizer Unternehmer verspricht KI auf Silicon-Valley-Niveau – von heute an kann man sie nutzenDank der neuen KI von Giotto gebe es ab jetzt keinen Grund mehr, Chat-GPT zu nutzen, sagt der Unternehmer Aldo Podestà. Seine Software soll die Unabhängigkeit Europas retten.02.07.2026, 09.00 Uhr6 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZAldo Podestà pokert hoch: Seine künstliche Intelligenz namens Giotto, entwickelt von 27 Mitarbeitern in Lausanne, sei «auf Silicon-Valley-Niveau». Das könne er garantieren: «Ich habe monatelang meine Tage verbracht mit Chat-GPT Pro, Claude, Giotto, Chat-GPT, Claude, Giotto. Und jetzt merkt man beim Programmieren keinen Unterschied zwischen Giotto und Claude mehr.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ende Juni hat Podestà Termine in Zürich und kommt zwischendrin für ein Gespräch in die NZZ-Redaktion. Kein Kaffee, «wir haben dreissig Minuten.» Mit dem der Hitze entsprechend weit aufgeknöpften Hemd, jovialem Lächeln und Vollbart könnte er eine Surfschule besitzen. Aber der gebürtige Römer ist Mathematiker und Unternehmer. Eineinhalb Jahre lang hat er auch beim Tabakkonzern Philip Morris gearbeitet. Spötter würden sagen, dort müsse er das Marketing gelernt haben.Aldo PodestàPDDenn was der CEO der KI-Firma Giotto.AI mit vollster Überzeugung verkündet, klingt surreal. Während Europa darüber diskutiert, wie viele Rechenzentren und Investment-Initiativen es brauche, um irgendwann im KI-Wettlauf aufzuschliessen, sagt er, dass wir schon da seien: «Es wird keine Ausrede für irgendwen in der Schweiz geben, noch Chat-GPT zu nutzen. Denn es wird ein besseres Produkt geben, gratis, für alle.» Sein Modell brauche zudem 72-mal weniger Rechenkapazität.Das Versprechen könnte grösser kaum sein. Funktioniert Giotto so gut wie die Konkurrenz, wäre das nicht nur für die Schweiz ein Durchbruch, sondern für ganz Europa. Eine Chance, im KI-Wettlauf zwischen China und den USA weiter mitzuspielen.Podestà weiss, dass es für solche Aussagen Beweise braucht. Und die will er jetzt liefern.Ab heute kann jeder selbst testen, ob Giotto.AI wirklich mit dem mithalten kann, was er oder sie von den besten amerikanischen Modellen gewohnt ist. Man kann sich auf der Website der Firma für einen kostenlosen Zugang anmelden. Die Kapazität reicht zu Beginn für 10 000 Nutzer.Die NZZ konnte die vorherige Version testen – die war gut, aber noch nicht auf dem Niveau, von dem Podestà bezogen auf die neue Version spricht. Über die Leistungen des neuen Modells werden wir berichten. Giotto wird nach eigenen Angaben Mitte Juli technische Details zum neuen Modell veröffentlichen.Weil Giottos KI-System so effizient ist, kann es bei Firmenkunden auf den eigenen Servern laufen. Das ist das wichtigste Geschäft für Giotto. Der nun freigeschaltete öffentliche Zugang ist kostenlos. Die Ergebnisse werden in einem finnischen Datenzentrum errechnet, das mit B300-Chips von Nvidia ausgestattet ist, den neuesten KI-Prozessoren auf dem Markt. Ein solch modernes Rechenzentrum gebe es in der Schweiz noch nicht, sagt Podestà.Noch ist unklar, wie gut das neue Modell wirklich ist. Doch wenn auch nur in Teilen stimmt, was Podestà verspricht, ist die Leistung für ein derart kleines Team erstaunlich. Podestà liefert zwei Erklärungen. Die erste hat mit Zeit und Glück zu tun und die andere mit China.Giotto hatte Glück – und dadurch viel Zeit, KI zu entwickelnPodestà und seinem Team fiel schon 2017 das Paper «Attention is all you need» auf. Der Aufsatz beschreibt, wie man neuronale Netze dazu bringt, Texte nicht Wort für Wort zu verarbeiten, sondern die Wörter im Kontext wahrzunehmen. Diese neue Art von KI-Modell nannten die Autoren «Transformer». Transformer-Modelle wurden der Grundbaustein der jetzigen KI-Revolution. Das T in GPT steht für diese Art von Modell.Als Podestà vor neun Jahren Investoren für Transformer begeistern wollte, stiess er auf wenig Resonanz. «Die fragten: Was will dieser verrückte Italiener?», erzählt er. Nach Chat-GPT hätten viele angerufen, um sich zu entschuldigen. «Aldo, du lagst genau richtig. Woher wusstest du das bloss?» Seine Antwort: Das war auch Glück.Auf Basis des «Attention is all you need»-Papers baute das Team um Podestà, damals noch unter dem Firmennamen L2F, eine Software, die regulatorisch notwendige Dokumente rund um Medizinprodukte erzeugt. Ein Übernahmeangebot lehnte Podestà ab, stattdessen verkaufte er das Sprachmodell für 15 Millionen Dollar dem Medizinproduktekonzern RQM.Im selben Jahr, 2022, wird Chat-GPT veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt kennt Podestà die Probleme von Sprachmodellen bereits gut: Erstens machen sie Fehler, die sogenannten Halluzinationen. Zweitens verbrauchen sie viel Rechenzeit.Giotto investiert das Geld aus dem Verkauf in die Forschung. Diese Probleme wollen sie lösen, um echten Denkmaschinen näherzukommen. Podestà hat keine neue Anwendung im Blick, sondern einen Wettbewerb.Er ist der heilige Gral der KI-Forschung: der Abstract Reasoning Corpus (ARC), eine Sammlung aus Logik-Rätseln, um künstliche Intelligenz zu bewerten.Drei Jahre befasst sich Podestàs Team ausschliesslich mit dem Lösen dieser Challenge. Ende 2025 schafft es Giotto an die Spitze und erregt weltweit Aufsehen. Erstaunlich? Podestà sagt: «Wenn 25 fähige Ingenieure jahrelang an einer Sache arbeiten ohne jede Ablenkung – da kommst du weit. Wir haben Algorithmen entwickelt, die andere schlicht nicht haben.»Giotto verdankt seinen Fortschritt auch chinesischer KIDieselben Algorithmen steckten auch im neuen Sprachmodell. Genau darum könne es so effizient Denkaufgaben lösen, sagt Podestà.Der zweite Grund für die Leistungen von Giotto ist profaner: Es sind die Open-Source-Modelle der Konkurrenz. Chinesische KI-Entwickler – und infolgedessen auch die grossen Tech-Firmen – stellen ihre Sprachmodelle zum Teil kostenlos zum Download und zur Weiterverarbeitung zur Verfügung. Diese Modelle hat Giotto genutzt, um seine eigene KI zu entwickeln.Sie wurden dabei nicht einfach kopiert, sondern weitertrainiert und nachjustiert. Das Giotto-System kombiniert dann mehrere Modelle, um die Fragen der Nutzer zu beantworten.Diese Schweizer KI wäre also nicht möglich ohne die rasante Entwicklung offener KI-Modelle, hinter der vor allem China steckt. Wenn Giotto ein Erfolg für Europa wird, dann auch dank den Krümeln, die der KI-Wettbewerb der Grossen für alle anderen abwirft.Podestà zeigt nun, was man aus diesen Krümeln alles machen kann, wenn man, wie die Lausanner sehr viel Fachwissen und eigene Innovation mitbringt.Podestàs Traum ist es, eines Tages bei der Entwicklung seiner KI auf offene Modelle aus Europa zu bauen. Er habe dem EPFL-Professor Martin Jaggi Unterstützung für die Schweizer KI Apertus angeboten: «Giotto kann Ressourcen, Leute, Rechenleistung zur Verfügung stellen. Ich würde liebend gerne auf Apertus setzen. Aber dazu muss es zehnmal besser werden, als es heute ist. Dabei können wir helfen.»Jaggi bestätigt, dass Giotto mit diesem Angebot auf die Technische Hochschule EPFL zugekommen sei. Man sei offen für alle Arten von Zusammenarbeit. Er sagt aber auch: «Ein Basismodell von Grund auf zu trainieren, kostet um die zehn Millionen Franken an Rechenzeit. Reichen Giottos und unsere Ressourcen, um das gemeinsam zu stemmen?»Für Giotto wäre Apertus die perfekte Grundlage. Erstens wäre das Modell dadurch vollständig in Europa entstanden – und damit ein grosses Stück souveräner, als es Giotto allein ist. Zweitens ist Podestà sehr daran gelegen, mit seiner KI die Vorgaben der EU zu befolgen. In Bezug auf Transparenz, Ethik und legale Datenbeschaffung ist Apertus ungeschlagen. Indem Giotto auf offene Modelle aufbaut, übernimmt es in Teilen deren legale Probleme.Zugang zu KI wird zum politischen DruckmittelAber Giotto will nicht nur mit Regeltreue punkten, sondern auch mit Datenschutz. Firmen können Giotto auf eigenen Servern laufen lassen. Nur das schafft die komplette Sicherheit, dass heikle Daten nicht abfliessen. «Heute nutzt jeder KI und lädt dort vertrauliche Dokumente hoch. Man toleriert es, weil es alle tun. Aber eigentlich ist das total illegal», sagt Podestà.Zwar bieten Open AI und Co. Firmenkonten an, aus denen Daten nicht abfliessen sollen. Doch wie bei anderen Cloud-Lösungen braucht es dazu ein gewisses Vertrauen. Und mit der Einschätzung, dass zum Teil Daten ohne das nötige Einverständnis aller Beteiligten bei KI-Diensten landen, dürfte Podestà recht haben.Nach 25 Minuten bestellt Podestà sein Uber-Taxi. Während es sich nähert, betont der Unternehmer noch einmal, wie wichtig ihm Europa sei. Es gehe ihm um die Zukunft des Kontinents. Europa dürfe bei KI, vor allem auch militärischer KI, nicht in eine Abhängigkeit geraten.Die Ereignisse der letzten Wochen haben gezeigt, dass man seine Warnungen ernst nehmen muss. Trump hat kurzerhand beschlossen, dass Ausländer keinen Zugang zu den besten amerikanischen KI-Modellen erhalten sollen. Leistungsfähige KI ist zum politischen Druckmittel geworden.Doch auch Podestà ist klar, dass «made in Europe» kein ausreichendes Argument ist. Um souverän zu werden, ist ein gutes KI-Modell nicht genug. Es braucht eines der besten.Passend zum Artikel
Adieu Chat-GPT? Schweizer KI Giotto will Europa unabhängiger machen
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