Die Technologiebranche sieht sich in diesen Tagen wachsender Feindseligkeit in der Öffentlichkeit gegenüber. Das hat vor allem mit Sorgen rund um Künstliche Intelligenz zu tun. In Umfragen bewerten Amerikaner die Risiken von KI-Technologien höher als den Nutzen, und in immer mehr Regionen in den USA mobilisiert sich Widerstand gegen den Bau von KI-Rechenzentren. Antonio Neri, der Vorstandschef des Technologiekonzerns Hewlett Packard Enterprise (HPE), sieht ein Rezept gegen eine solche „Anti-Tech-Haltung“ darin, den Blick auf positive Beiträge der Industrie zu lenken.Er argumentiert, Technologien von HPE spielten bei vielen alltäglichen Dingen eine große Rolle im Hintergrund. Sie kämen zum Beispiel in 40 Prozent aller Telefonate oder 70 Prozent aller Transaktionen mit Kreditkarten zum Einsatz. „Wir sind eine fundamentale Stütze der Gesellschaft“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Was HPE tue, sei „absolut“ gut für die Welt.HPE hat Umsatzprognose dramatisch nach oben korrigiertEs ist im Moment auch gut für HPE selbst. Die rasant steigenden Investitionen in KI-Technologien helfen derzeit vielen Unternehmen, und dazu gehören auch traditionsreiche Branchenvertreter wie Intel, Dell oder eben HPE. Bei der Vorlage seines jüngsten Quartalsberichts hat das Unternehmen kürzlich einen Auftragsbestand auf Rekordniveau gemeldet und seine Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr dramatisch nach oben korrigiert. Es rechnet nun mit einem Wachstum von bis zu 33 Prozent, zuvor war von bis zu 22 Prozent die Rede. HPE sagte außerdem voraus, sein für 2028 ausgegebenes Gewinnziel schon 2026 zu erreichen. Der Aktienkurs des Unternehmens reagierte auf diese Nachrichten mit einem Kurssprung von fast 20 Prozent. Seit Jahresbeginn hat er sich in etwa verdoppelt.Neri bestreitet nicht, im Moment von allgemeinen Branchentrends zu profitieren. Aber HPE habe sich auch mit der „Qualität und Beständigkeit“ seiner Ergebnisse in eine stärkere Position gebracht. Neri beschreibt auch die Aktie trotz der stattlichen jüngsten Kursgewinne noch immer als „billig“. Er verweist darauf, dass einige Analysten dem Kurs in den nächsten zwölf Monaten einen weiteren Anstieg um 40 Prozent zutrauten.HPE steht im Wettbewerb mit Unternehmen wie Cisco oder HuaweiHPE ist eines von zwei Unternehmen, die vor rund zehn Jahren aus der Aufspaltung von Hewlett-Packard hervorgegangen sind. Die unter Endverbrauchern besonders bekannten Geräte wie Personal Computer und Drucker werden seither von der HP Inc. verkauft, während HPE auf Geschäfte spezialisiert ist, die auf Unternehmenskunden abzielen, darunter Netzwerkrechner (Server) und Datenspeichersysteme. Neri, ein gebürtiger Argentinier, kam 1995 zum damaligen HP-Konzern. Den Vorstandsvorsitz von HPE übernahm er 2018, und er hat das Unternehmen seither weiter umgebaut.Sein wohl wichtigster Schritt war die 14 Milliarden Dollar teure Akquisition von Juniper Networks, mit der er das Geschäft mit Netzwerkausrüstung erheblich ausgeweitet hat. Sie wurde vor fast genau einem Jahr nach zwischenzeitlichem Widerstand der amerikanischen Kartellbehörden vollzogen, und mit ihr wurde der gesamte HPE-Konzern profitabler, weil die Netzwerksparte überdurchschnittlich hohe Gewinnmargen hat. Mit Juniper hat sich HPE im Wettbewerb mit Unternehmen wie Cisco oder Huawei verstärkt. Neri beschreibt es dabei als Vorteil gegenüber der Konkurrenz, seinen Kunden ein breites Portfolio an Produkten für ihre Computerinfrastruktur anbieten zu können.Allianz mit NvidiaDas größte Geschäft von HPE bleiben auch nach dem Juniper-Zukauf Server, sie standen im jüngsten Quartal für rund die Hälfte des Konzernumsatzes. Neri sagt, das starke Wachstum in diesem Segment habe nicht nur mit KI zu tun, sondern auch mit einem starken Modernisierungsbedarf in den Rechenzentren vieler Kunden. Eine neue Version der Serverreihe Proliant zum Beispiel spare gegenüber einem vergleichbaren Gerät von vor zwei Modellgenerationen 65 Prozent Energie und nehme nur ein Siebtel so viel Platz in Anspruch. Eine Umrüstung verspreche also erhebliche Ersparnisse.Server, die speziell auf KI-Anwendungen ausgerichtet sind, bringen HPE jetzt noch einen zusätzlichen Schub für das Geschäft. In diese Rechner werden zum Beispiel KI-Chips von Nvidia eingebaut. Erst vor wenigen Wochen haben HPE und Nvidia eine weitere Kooperation angekündigt. Demnach bietet HPE künftig einen Server mit der neuen Nvidia-Chipreihe Vera an, die für sogenannte KI-Agenten konzipiert ist, also Programme, die komplexe Aufgaben selbständig ausführen können.HPE sieht im zunehmenden Einsatz von KI-Agenten eine große Chance für sein Geschäft und hat dieses Thema vor wenigen Tagen in den Mittelpunkt seiner jährlichen Konferenz „Discover“ in Las Vegas gestellt. Nach Auffassung des Unternehmens sind KI-Agenten auf dem Weg, das Experimentierstadium hinter sich zu lassen und immer mehr praktische Anwendung zu finden, deren Nutzen auch gemessen werden kann.Batmans Butler als KI-AgentNeri sagt, HPE habe auch selbst für interne Zwecke KI-Agenten entwickelt. Zum Beispiel ein Programm für das Rechnungswesen, das in Zusammenarbeit mit der Beratungsgesellschaft Deloitte entstanden sei. Es heißt Alfred, nach dem Butler des Superhelden Batman. Alfred sei zum Beispiel in der Lage, jederzeit Auskunft darüber zu geben, wie sich HPE gerade gemessen an seinen gesetzten Finanzzielen schlage. Das Programm hole sich die entsprechenden Daten aus verschiedenen Quellen im Unternehmen und liefere „auf Knopfdruck“ einen ausführlichen Bericht, inklusive Visualisierung und vorausschauender Analyse. Früher seien für diese Aufgabe zwischen fünf und acht Mitarbeiter notwendig gewesen.HPE verzichte heute außerdem in wöchentlichen Treffen des Finanzteams auf Powerpoint-Präsentationen, in die früher viel Arbeit geflossen sei. Stattdessen werde eine von Alfred erstellte Zusammenfassung der relevanten Daten verwendet. Für die Beschäftigten, denen der KI-Agent die Arbeit abnehme, hätten sich Neri zufolge „andere Tätigkeiten“ mit „Mehrwert“ gefunden, also zum Beispiel eher strategische Aufgaben. Alfred wird mittlerweile nach Angaben von HPE nicht mehr nur intern verwendet, sondern auch Kunden angeboten.„Ingenieure und KI-Agenten werden Seite an Seite zusammenarbeiten“In Las Vegas kündigte HPE jetzt auch eine KI-Partnerschaft mit dem deutschen Energietechnikkonzern Siemens Energy an, dessen Auftragsvolumen sich derzeit ebenfalls auf einem Rekordstand bewegt. Demnach will Siemens Energy künftig an deutschen und amerikanischen Standorten eine KI-Plattform von HPE einsetzen, mit Servern, die unter anderem KI-Chips von Nvidia verwenden. Das Unternehmen sagt, es sichere sich damit „enorme Computerleistung“ und werde KI auf ganz andere Weise als bisher nutzen können. Beispielsweise werde es möglich, Simulationen von Turbinendesigns erheblich zu beschleunigen und von Tagen oder Wochen auf Stunden zu reduzieren. Die Allianz werde es Siemens Energy zudem erleichtern, Störungen seiner Produkte vorherzusagen, bevor sie passieren. Das deutsche Unternehmen beschreibt das Bündnis auch als Wegbereiter für eine Zukunft, in der „unsere Ingenieure und KI-Agenten Seite an Seite zusammenarbeiten“.Die gewaltigen KI-Investitionen haben Diskussionen über die Gefahr einer KI-Blase befeuert, und manche Unternehmen haben Zweifel angemeldet, ob sich ihre Ausgaben für KI-Technologien auszahlen. Neri sagt, er sehe keinerlei Blase. „KI treibt eine industrielle Revolution voran. Wir bauen die Infrastruktur dafür nicht nur um der Infrastruktur willen auf.“ Wenn er mit Kunden spreche, dann höre er vor allem die Sorge heraus, abgehängt zu werden, wenn sie nicht genug in KI investierten. Neri zufolge sind Finanzdienstleister mit dem Einsatz von KI-Technologien am weitesten, noch vor der Technologiebranche. Dahinter komme die verarbeitende Industrie, die zum Beispiel gewaltige Fortschritte in der Robotik mache.„Innovationskurve ist nicht zu stoppen“Neri sagt, seiner Meinung nach sollten die Menschen keine Angst vor KI haben. Er könne zwar manche Bedenken nachvollziehen, und er halte eine „konstruktive Debatte“ für notwendig, an der sich Unternehmen ebenso wie Regierungen beteiligen. Ein Moratorium für die Entwicklung von KI-Technologien, wie es kürzlich der KI-Spezialist Anthropic vorgeschlagen hat, wäre ihm zufolge aber der falsche Weg: „Ich denke, damit kann kein Problem gelöst werden. Die Geschichte zeigt ja: Wenn es einmal eine Innovationskurve gibt, kann man sie nicht stoppen.“ Neri zeigt sich auch überzeugt, dass sich einige der mit KI verbundenen Herausforderungen mit Innovationskraft bewältigen lassen. Also zum Beispiel mit neuen Ansätzen, um angesichts des hohen Energieverbrauchs der KI-Infrastrukur zusätzliche Energiequellen zu finden.Größere Sorgen macht sich Neri nach eigenem Bekunden über die Konsequenzen, wenn Menschen KI zu wenig oder auch zu viel nutzen. Gerade ältere Generationen könnten zurückbleiben, wenn der technologische Fortschritt an ihnen vorbeigehe. Für junge Menschen wiederum bestehe die Gefahr, das Denken zu verlernen, wenn sie sich zu sehr auf KI verlassen. „Viele von ihnen verstehen, wie man sich Informationen und Antworten beschafft, aber nicht, wie Dinge wirklich funktionieren. KI kann nicht das grundsätzliche Verständnis der Gesellschaft ersetzen.“Neri sagt, er merke das auch in Gesprächen mit seinen beiden Kindern, die 23 und 26 Jahre alt seien: „Ich stelle oft gezielte Fragen, was sie über dieses oder jenes denken. Aber die Antworten sind dann sehr seicht und gehen nicht in die Tiefe, weil sie von dieser Informationsflut überwältigt sind.“ Das Beste, was er als Vater tun könne, sei es, sie dafür zu sensibilisieren.
„Die Innovationskurve von KI kann man nicht stoppen“
Auch traditionsreiche Technologieunternehmen wachsen durch Künstliche Intelligenz. HPE-Chef Antonio Neri erklärt, warum Menschen keine Angst vor KI haben sollten – er sich aber trotzdem Sorgen um KI-Effekte auf seine Kinder macht.







