Sie treten an diesem Mittwoch Ihr Amt als neuer Präsident der Leibniz-Gemeinschaft an. Die Leibniz-Gemeinschaft ist eine bunte Mischung natur-, technik-, geistes- und sozialwissenschaftlicher Institute, die flexibel auf Lücken im Wissenschaftssystem reagieren soll. Nehmen Sie diese Vielfalt als Vorteil oder als Nachteil wahr? Was verbindet die Osteuropaforschung mit der Tropenmedizin?Durch die breite Vielfalt an Disziplinen sind wir in der Lage, die großen Fragen unserer Zeit multidisziplinär und multiperspektivisch anzugehen. Genau darin liegt unsere große Stärke – auch wenn diese Vielfalt nach außen mitunter erklärungsbedürftig ist. Ich sehe meine Aufgabe darin, unser Profil zu schärfen und in einem Strategieprozess sektionsübergreifend definierte thematische Schwerpunkte zu identifizieren, die uns charakterisieren und die unsere Weiterentwicklung leiten können. Das wird verdeutlichen, wie unverzichtbar das Zusammenwirken verschiedener Disziplinen für die Lösung großer gesellschaftlicher Herausforderungen ist.Unverzichtbar sind schon heute die Leistungen einzelner Institute. Wäre die einfachste Form der Profilbildung nicht, sich auf die Sozial- und Geisteswissenschaften zu konzentrieren und die naturwissenschaftlichen Institute an andere Organisationen abzugeben?Das würde unsere Stärke verspielen. Wir kombinieren ja gerade unsere Leistungen in den Natur- und Ingenieurswissenschaften mit denen der sozialwissenschaftlichen Forschung. Innovation ist weder eine rein technische noch eine rein sozialwissenschaftliche Angelegenheit.Wie hat man sich das vorzustellen?Einer unserer Schwerpunkte ist beispielsweise Gesundheit und Prävention. Unsere Institute entwickeln diagnostische Verfahren, die Früherkennung und Prävention möglich machen. Wir müssen aber auch Akzeptanz für diese technischen Lösungen schaffen und sie in Geschäftsmodelle übersetzen. Unsere Technikwissenschaften und Mediziner arbeiten zu diesem Zweck mit unseren Wirtschaftswissenschaftlern und Bildungsforschern zusammen. Eine weitere wichtige Aufgabe ist es, Wissenschaft und Gesellschaft zu verbinden. Wir müssen Wissenschaft als Prozess in ihrer ganzen Ungenauigkeit, Vorläufigkeit und Korrekturbedürftigkeit darstellen und zugleich verdeutlichen, dass sie uns als Methode weiterbringt – mehr als jede Ideologie und holistische Erklärungen mit ihren tendenziell viel zu einfachen Antworten.Die Leibniz-Gemeinschaft steht für gesellschaftlich relevante Forschung. Profitieren Sie von der neuen Innovationspolitik auf Bundesebene, insbesondere der High-Tech-Agenda, die den Forschungstransfer in den Vordergrund stellt?Für uns wirkt sich dieser Aufbruch in der Forschungs- und Innovationspolitik sehr positiv aus. Beispielsweise werden hitzeresistente Materialien für die Fusionsforschung, einem der Schlüsselbereiche der Agenda, an unseren materialwissenschaftlichen Instituten entwickelt. Wir haben auch keine Berührungsängste bei der Kooperation mit Unternehmen. Unser Institut für innovative Mikroelektronik ist Weltmarktführer im Bereich siliziumbasierter Mikroelektroniksysteme. Wenn Sie einen Flug in den Weltraum planen, kommen Sie daran nicht vorbei.Mit ihrem Etat von achtzehn Milliarden Euro wirkt die Agenda gegenüber den Forschungsetats der großen amerikanischen Tech-Unternehmen recht klein.Die besten Wissenschaftler werden schon heute stark von den amerikanischen Big-Tech-Firmen umworben. Dem können wir im europäischen Rahmen durchaus begegnen. Doch aufholen werden wir nur, wenn Europa nicht bloß für exzellente Forschung, sondern auch für lukrative private Investitionen steht. Investitionen kommen auch bei uns zu fast neunzig Prozent aus der Privatwirtschaft. Die amerikanischen Tech-Unternehmen haben neben ihrem großen Vorsprung an Rechenkapazität Vorteile beim Datenzugang. Sie bedienen zudem einen großen integrierten Markt, ihre Geschäftsmodelle lassen sich folglich besser skalieren. Der europäische Binnenmarkt ist hingegen noch unvollendet, die Regulierung ist komplex und gerade auf dem Gebiet der KI fragmentiert. Zudem generiert die übermäßige Betonung des Datenschutzes große Unsicherheiten.Wie lässt sich der Abstand verringern?Wir müssen vor allem hinreichenden Datenzugang gewähren, ohne die Privatsphäre zu kompromittieren. Unsere Stärke könnte in der Entwicklung vertrauenswürdiger KI liegen, möglicherweise auch in der nächsten Generation energieeffizienter KI auf der Basis von Quantenchips. Ein besserer Datenzugang wäre auch im Interesse der Politik.Wie meinen Sie das?Wir haben große administrative Datenschätze, die wir für die bessere Gestaltung politischer Maßnahmen nutzen könnten, was wir bislang jedoch nicht dürfen. Durch die Verknüpfung großer Datensätze könnten wir deutlich zielgerichteter politische Empfehlungen aussprechen. Nehmen wir den Tankrabatt. Wir wüssten schon gern, wer wirklich stark von den Preiserhöhungen betroffen ist. Gegenwärtig können wir es nur grob abschätzen. Ein ebenfalls noch ungehobener Datenschatz sind die Sensordaten aus unseren Industriebetrieben. Die Herausforderung besteht darin, über Datentreuhandmodelle kuratierte Datenräume zu erstellen, die sich flexibel für Anwendungen wie Verkehrsleitsysteme oder Wetterprognosen nutzen lassen, ohne dass die Eigentumsverhältnisse an den Daten berührt werden. Das böte uns große Chancen.Sie gehörten lange Jahre zu den Wirtschaftsweisen und stehen für evidenzbasierte Politikberatung. Wissenschaftler müssen immer wieder erleben, dass ihre Ratschläge von der Politik ignoriert werden. Welche Wirkungstreffer sind Ihnen gelungen?Wir müssen als wissenschaftliche Politikberater ein Verständnis dafür haben, dass wir nicht demselben Funktionssystem wie die Politik angehören. Wir sind aufgefordert, der Politik zu widersprechen, wo dies nötig ist, dürfen aber in der Regel nicht erwarten, dass die Politik unsere Empfehlungen eins zu eins übernimmt. Manchmal besteht der Nutzen wissenschaftlicher Politikberatung schon darin, falsche Entscheidungen zu verhindern. Die Erfolge sind nicht immer klar erkennbar. Nehmen wir die Agenda 2010, die viele Ideen des vorangegangenen Jahresgutachtens aufgegriffen hat. Natürlich hatten andere Ökonomen zu dieser Zeit ähnliche Empfehlungen ausgesprochen. Und doch bleibt mein Eindruck, dass der Sachverständigenrat einen erheblichen Beitrag leisten konnte.Wissenschaftliche Politikberatung ist heute eine dauerhafte Struktur zur Steuerung, Bewertung und Legitimation politischer Maßnahmen. Im schlimmsten Fall schlägt dies in Expertokratie und eine Politik der Alternativlosigkeit um, die vermeintlich von der Wissenschaft beglaubigt wird. Sollte die Wissenschaft mehr Zurückhaltung üben und weniger evaluieren?Im Gegenteil, es wird zu wenig evaluiert. Wir können die Welt nicht vorausberechnen, aber wir können die Wirksamkeit politischer Maßnahmen näherungsweise bewerten und daraus praktikable Ergebnisse ableiten. Die vorliegenden Daten können allerdings oft unterschiedlich interpretiert werden und führen nicht automatisch zu eindeutigen politischen Schlussfolgerungen. Daher ist ihre Begutachtung durch Experten so wichtig. Wir müssen als Wissenschaftler allerdings immer darauf hinweisen, welche alternativen Interpretationen möglich sind, und zugleich klarmachen, warum wir uns dennoch für die eine oder andere Bewertung entschieden haben. Unglücklich ist es, wenn Wissenschaftler nicht erkennbar zwischen ihrer Rolle als Wissenschaftler und politischer Mensch unterscheiden. In unserer polarisierten Medienwelt, die zugespitzte Aussagen belohnt, ist das aber auch nicht immer ganz einfach.Der Philosoph Konrad Paul Liessmann hat kritisiert, die Verzahnung von Politik und Wissenschaft über die Antragsforschung verführe zum wissenschaftlichen Aktivismus. Sind die überbordenden Drittmittel ein Nährboden für Wissenschaftskepsis und Elitenkritik?Unser System funktioniert im Grundsatz sehr gut. Am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen werden wir zu zwei Dritteln institutionell durch Bund und Länder gefördert, ein Drittel sind wettbewerblich eingeworbene Drittmittel. Letztlich beruht nicht nur die Vergabe der forschungsgeleiteten Drittmittel, sondern unsere gesamte Qualitätssicherung auf dem Peer-Review-Prozess der Wissenschaft. Das ist weit weg von politischer Steuerung. Problematisch ist der hohe Zeitaufwand für die Begutachtung. Die Wissenschaft muss überlegen, wie sie diesen Prozess ohne Qualitätsverlust verschlanken könnte.Sie forschen selbst zur Arbeitsmarktpolitik. An amerikanischen Universitäten sorgen sich Studenten, dass die Künstliche Intelligenz ihre Jobs vernichtet. Sind die Sorgen berechtigt?Derartige Ängste hat es bei allen technologischen Revolutionen gegeben. Bislang haben sie sich als unbegründet erwiesen, weil Beschäftigung und Wertschöpfung nach einer Zeit der Übergangsschmerzen gestiegen sind. Wir haben in Deutschland zudem einen starken Sozialstaat, der die Übergangsprobleme abfedert, Anpassungen aber leider auch verzögert. Ich bin zuversichtlich, dass wir die neue Technik fruchtbar mit menschlicher Arbeit verbinden können. Die KI eröffnet große Chancen, beispielsweise bei der Altenpflege. Grundsätzlich haben wir es aber mit einer disruptiven Technologie zu tun, deren Folgen niemand trennscharf voraussagen kann.Es ist nicht auszuschließen, dass es zu Massenentlassungen kommt, die nicht durch neue Tätigkeiten kompensiert werden können. Gäbe es in einem solchen Fall noch eine kaufkräftige Nachfrage für die durch KI erreichten Produktivitätsfortschritte, oder bräuchte man ein neues Finanzierungsmodell für den Sozialstaat?Ob die Ungleichheit durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz in einer Weise verstärkt wird, die den Sozialstaat überfordert, wird aktuell sehr kontrovers diskutiert. Wir können die Berufe der Zukunft, in denen Menschen wertschöpfend tätig sind, jetzt noch gar nicht vollständig kennen. Wir bewegen uns hier in einem hochspekulativen Feld. Ein Blick auf Ausbildungsgänge und Berufsbilder über längere Zeiträume zeigt, dass viele heutige Tätigkeiten vor zwanzig oder dreißig Jahren in dieser Form gar nicht existierten. Wenn wir die künftigen Berufe heute nicht benennen können, wäre es ein Fehlschluss, darauf zu schließen, dass es sie nicht geben wird.Oder dass die Künstliche Intelligenz sie nicht verrichten kann. Zu einem anderen Thema: In einigen Bundesländern könnte die AfD bald die Regierung stellen. Davon wäre auch die Leibniz-Gemeinschaft betroffen, die hälftig von Bund und Ländern finanziert wird. Wie wollen Sie darauf reagieren?Der hohe Länderanteil macht uns tatsächlich vulnerabel. Wir diskutieren in Wissenschaft und Politik derzeit intensiv, welche institutionellen Vorkehrungen wir treffen können, damit die auf Konsens beruhenden Finanzierungsbeschlüsse stabil bleiben. Für die Wissenschaft ist jedenfalls nichts so befreiend wie finanzielle Stabilität. Die Politik wäre deshalb gut beraten, die Wissenschaft so auszustatten, dass sie Phasen überbrücken kann, in denen Zuwendungsbescheide möglicherweise aus bestimmten Gründen nicht erstellt werden. Dafür muss man ihr nicht zuletzt Freiräume beim Umgang mit ihren Finanzen belassen, etwa bei den Selbstbewirtschaftungsmitteln.Welche Strategie empfehlen Sie im Umgang mit der AfD: Brandmauer, differenzierte Debatte oder Konfrontation?Ich habe nicht den Eindruck, dass diese Partei für den intellektuellen Austausch offen ist. Es ist aber sehr wichtig, mit ihren Wählern intensiv im Gespräch zu bleiben. Ich denke, dass wir Wissenschaftler nach wie vor den Rückhalt von Bürgern und Bürgerinnen genießen, weil die Menschen darauf vertrauen, dass die Wissenschaft einen wichtigen Beitrag zur Lösung ihrer Probleme leistet. Dieses Vertrauen bewahren wir insbesondere dann, wenn wir selbst respektvoll miteinander umgehen. Ich bin manchmal schon etwas verblüfft, wie schnell Gegenpositionen in der Wissenschaft niedergebügelt werden. Derartige Zuspitzungen spielen nur den Gegnern der Demokratie in die Hände.