Herr Professor Braun, wo machen Sie die Aufbruchstimmung an der Universität Lübeck fest, deren Präsident Sie seit gut einem Jahr sind?Hier höre ich von Forscherinnen und Forschern nicht etwa, dass man dieses oder jenes mal müsste und sollte, sondern hier heißt es: Ich möchte gern etwas tun! Täglich hat man es mit begeisterten, intrinsisch motivierten Personen zu tun. Das ist für mich ein Frische-Elixier, an einem Ort zu sein, an dem man selbst noch nicht hundertprozentig trittsicher ist, an dem es einem aber wegen der guten Binnenatmosphäre leicht gemacht wird, Dinge zu verändern.Was macht die Universität Lübeck aus, die vor wenigen Jahren nur 3000 Studenten hatte und inzwischen auf 6437 Studenten angewachsen ist?Wir haben einen klaren lebenswissenschaftlichen Schwerpunkt und sind sehr agil und können deshalb rasch auf Veränderungen reagieren. Wir haben außerdem kurze Entscheidungswege, und die Bereitschaft ist groß, über die Fächergrenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Nur die Schwerpunktsetzung im lebenswissenschaftlichen Bereich und unsere Agilität ermöglichen uns, den großen Tankern überhaupt auf Augenhöhe zu begegnen, das hat uns auch der Wissenschaftsrat bei seiner Begutachtung bestätigt.Inwiefern haben Ihre Zeit im Bundesforschungsministerium und Ihre Jahre als Kanzleramtschef und Vorsitzender des Haushaltsausschusses im Bundestag Ihnen den Einstieg als Universitätspräsident erleichtert?Ich hatte immer das Gefühl, ich bin nah am Wissenschaftssystem dran und kenne es auch, schließlich war ich im BMBF und habe auch später noch regelmäßig den Innovationsdialog bei der Kanzlerin organisiert. Aber im Universitätsalltag staune ich dann doch über vieles. Dass Lübeck als Stiftungsuniversität ein Globalbudget hat, ist doch ein erfreuliches Privileg, dachte ich zunächst, um dann zu lernen, dass man im Rahmen der Ziel- und Leistungsvereinbarung immerhin 51 Zielindikatoren vereinbaren muss. Natürlich nutzen wissenschaftspolitische Vorerfahrungen in der strategischen Umsetzung eine Menge, aber die meisten Verfahren in der Wissenschaft sind aus gutem Grund sehr politikfern organisiert.Andere Länder wie Baden-Württemberg haben kleinen Universitäten mit Experimentierklauseln Freiräume geschaffen.Wir haben keine allgemeine Experimentierklausel in Schleswig-Holstein, aber durch die kurzen Wege hier im Land haben wir zum Beispiel gesetzliche Neuregelungen erreicht, die uns beispielsweise bei der Datennutzung für die Forschung helfen. Wenn man eine Gesetzesänderung zur Stärkung der Uni braucht, ist auch der Landtag extrem aufgeschlossen. Man kennt sich, man spricht miteinander, und dann geht das.Fürchten Sie da eine Änderung, was die Gesprächsbereitschaft angeht, wenn auch in Schleswig-Holstein die AfD in den Landtag kommt, was sie ja noch nicht ist?Also ich habe den Eindruck, dass gerade die Zustimmung zur Landesregierung und zum demokratischen Parteienspektrum hier in Schleswig-Holstein besonders gut ist.Wie beeinflusst Ihre politische Erfahrung strategische Überlegungen an Ihrer eigenen Universität?Häufig erscheint eine Förderbekanntmachung für den einzelnen Forscher völlig unerwartet. Wenn sie passt, ist das erfreulich, und man beginnt dann – erst – mit der Antragskonzeption. Es gibt aber keine ausgeprägte Kenntnis über die politischen Prozesse, die dorthin geführt haben. Ich merke das immer, wenn ich erzähle, wie große Forschungsprogramme entstehen und wie Wissenschaftspolitik eigentlich funktioniert. Es ist ungeheuer wichtig, dass jede einzelne Wissenschaftlerin und jeder einzelne Wissenschaftler an der Universität auch die Gesamtstrategie versteht und sich rechtzeitig darauf einstellt. Da kann ich nützlich sein.Gibt es neben den üblichen Gremien eigene Arbeitsgruppen, die sich mit der strategischen Ausrichtung befassen?Ja, es gibt eine Strategie-AG, an der auch viele aus dem Senat beteiligt sind. Wir haben so die Möglichkeit, mit allen Statusgruppen Dinge zu diskutieren, bevor Vorhaben in die offiziellen Gremien gehen. So haben wir für unsere Internationalisierungsstrategie gleich zwei Boards gebildet, ein Strategy Board und ein Community Board. Und wir haben für die ersten beiden Jahre ein Präsidiumsgespräch plus, wo wir uns als Präsidium neben den normalen Routine-Präsidiumssitzungen Zeit nehmen, um strategisch über die Zukunft nachzudenken. Wenn nach zwei Jahren alles einmal durchdiskutiert ist, kommt unser Strukturentwicklungsplan.Worauf zielt Ihre Internationalisierungsstrategie, wollen Sie mehr internationale Studenten anziehen, oder wollen Sie sich um die 900 internationalen Studenten, die Sie schon haben, besser kümmern?Beides. Und die gute Betreuung ist ja auch Grundlage, dass man herausragend gute Leute bekommt. Wir wollen nicht beliebiges Wachstum, sondern wir wollen Exzellenz. Wir haben keine kleine Medizin, keine kleine Psychologie, keine kleine Informatik und auch keine kleine Naturwissenschaft. Wir haben einfach nur Studiengänge nicht, die typischerweise hohe Studierendenzahlen haben, wie Betriebswirtschaftslehre oder Jura. Unser Profil als lebenswissenschaftliche Universität macht vieles einfacher.Sie wollen die Wissenschaftskommunikation und die Internationalisierung, aber auch die Exzellenz fördern. Dafür sind Sie womöglich mehr als andere auf Drittmittel angewiesen. Sie haben in Ihren BMBF-Zeiten den Overhead mit erfunden. Das sind Kosten für Infrastruktur etc. für eingeworbene Förderprojekte. Reichen die Overhead-Kosten, die etwa die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) überweist, aus?Wir machen hier keine kameralistische, sondern doppische Buchführung und können nachweisen, dass wir mit unserer schlanken Verwaltung etwa 54 Prozent Overhead-Kosten haben. Das bedeutet, dass kein einziges Förderprojekt wirklich kostendeckend finanziert ist. Und das setzt die Verwaltungsstrukturen jedes Mal zusätzlich unter Druck – etwa bei Einstellungen und Anschaffungen und allem, was noch daran hängt. Universitäten mit einem Exzellenzanspruch in den Lebenswissenschaften müssen enorme Infrastrukturkosten bewältigen. Selbst ein Mathematiker braucht heute erhebliche Rechenkapazitäten und viel IT-Infrastruktur.Internationalisierung und Wissenschaftskommunikation machen eigentlich alle, wo liegen die Alleinstellungsmerkmale Lübecks?Natürlich sind diese Aufgabenbereiche essenziell für alle Universitäten, aber wir wollen das lebenswissenschaftliche Themenspektrum in der Wissenschaftskommunikation besonders konsequent und mit innovativen Formaten bespielen. Ich hoffe, das wird in den nächsten Jahren sehr sichtbar. Unser Fokus auf das Leben, unser großes Klinikum gemeinsam mit Kiel und unser innerer Zusammenhalt machen die Universität zu Lübeck einzigartig.Ihr Medizin-Campus befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft mit dem Universitätsklinikum. Ergeben sich daraus Zukunftsperspektiven?Im Blick auf Patienten, Proben und Daten ist das UKSH – als zweitgrößtes Krankenhaus in Deutschland nach der Charité – für die klinische Forschung unser großer Standortvorteil in Schleswig-Holstein. Ich möchte die klinische Forschung stärken. Und ich möchte die Exzellenz im lebenswissenschaftlichen Bereich fördern. Das bedeutet, dass wir Professuren entsprechend strategisch besetzen. Das ist natürlich das Kerngeschäft, dass man Professuren so besetzt, dass sie in ihrem Forschungsprofil einen künftigen Schwerpunkt stärken, aber einfach ist das in der Praxis oft nicht.Ist der Verwaltungsapparat mit dem Anstieg der Studentenzahlen eigentlich mitgewachsen?Da wir das Wachstum aus dem Zukunftspakt für Studium und Lehre finanziert haben, ist die Verwaltung nie mitgewachsen. Wer eine Universität sehen will, die es mit einer schlanken Verwaltung schafft, viele Studierende zu betreuen, muss nach Lübeck kommen. Allerdings merken wir bei der Betreuung Studierender zunehmend, dass wir mehr Kapazitäten brauchen. Das Wachstum unserer Uni ist auch politisch ausdrücklich gewollt, weil alle unsere Studiengänge auf Mangelberufe vorbereiten.Auch in Schleswig-Holstein müssen allerdings die Universitäten sparen. Wie gehen Sie in Lübeck damit um?Wir haben in Schleswig-Holstein insofern eine Besonderheit, als es einen neuen Verteilschlüssel für die Finanzierung gibt, auf dieser Grundlage gehen wir jetzt noch durch drei harte Spar-Jahre, in denen wir rund zehnprozentige Einschnitte zu verkraften haben. Wir besetzen zum Beispiel sieben Professuren vorübergehend nicht. Individuelle Einsparvereinbarungen mit jedem Institut waren nicht leicht, berücksichtigen aber unterschiedliche Lehrbelastungen und andere Faktoren. Nach dieser Durststrecke erwartet uns eine bessere Berücksichtigung unseres enormen Größenwachstums, deshalb haben wir in Anerkennung der aktuell notwendigen Haushaltszwänge zugestimmt.Wie wollen Sie in Zukunft Wissenschaftskommunikation betreiben ?Zum einen möchten wir uns in bundesweiten Medien stärker in gesellschaftliche Debatten zu lebenswissenschaftlichen Themen einbringen. Ein schönes Beispiel dafür ist unser Ernährungsmediziner Professor Martin Smollich, der unseren Wissenschaftskommunikationspreis erhalten hat, weil er in den sozialen Medien unermüdlich gegen die verrücktesten Ernährungsmythen ankämpft. Zum anderen wollen wir ganz praktisch vor Ort für die Stadtgesellschaft erlebbar sein.Das Interesse der Lübecker Stadtgesellschaft an ihrer Universität ist offensichtlich groß. Was bietet die Universität ihr?Neben einer klassischen Ringvorlesung für die breite Bevölkerung setzen wir auf innovative Formate, um besondere Gruppen zu erreichen. In einem Projekt kümmern sich Medizinstudierende um Kinder krebskranker Eltern. Das verbindet Freizeiterlebnisse mit der Möglichkeit, niedrigschwellig Fragen zu dieser schwierigen Situation zu stellen. In einem Projekt zum Vapen lernen Jugendliche, selbst zu forschen und ihr Wissen weiterzugeben, wie kleine Professoren. Dadurch erreicht die gesundheitliche Aufklärung einen hohen Multiplikatorenwert. Und deshalb planen wir neue Projekte, in denen wir dem Vorurteil begegnen wollen, dass das Menschsein aus der Sicht von Universitäten mit dem Abitur überhaupt erst anfängt. Wir wollen zeigen, dass niemand Berührungsängste mit Hochschulen haben muss und Forschende etwas Bedeutsames tun. Beim ersten Jahresempfang in Lübeck habe ich unsere Ideen vorgestellt und bin hinterher überwältigt worden von Hunderten von E-Mails mit weiteren Vorschlägen.Sie sind fast jeden Abend bei Veranstaltungen. Wurde es also nichts mit dem ruhigeren Leben, das Sie sich nach den Corona-Jahren im Kanzleramt auch versprochen haben?Meine Frau hat mir gesagt, ich würde es auch in einem Archiv im fünften Stock unter der Erde schaffen, einen 18-Stunden-Tag mit Arbeit zu füllen, ich glaube, das ist ein Kompliment.
Helge Braun, Präsident der Universität Lübeck, im Gespräch
Seit einem Jahr ist Helge Braun Präsident der schleswig-holsteinischen Stiftungsuniversität. Wie beeinflusst die politische Erfahrung des früheren Kanzleramtschefs die strategischen Überlegungen für Forschung und Lehre? Ein Gespräch.







