Die Strasse, die es nur noch gibt, weil sie gestorben warDie USA werden 250 Jahre alt, die Route 66 wird 100. In Seligman, einem Städtchen in der Wüste Arizonas, stellt sich die Frage, ob der amerikanische Traum noch lebt oder bloss am Leben erhalten wird.Peter Ackermann, Hannah Ackermann02.07.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDie Tür ist gelb. Der rechte Knauf lässt sich drehen, doch die Tür geht nicht auf. Aha, sie hat zwei Knäufe, einen rechts und einen links. Erst der linke öffnet sie. Dahinter liegt ein langer, schmaler Gang. Die linke Wand ist vollgeklebt mit Visitenkarten aus aller Welt. Rechts an der Theke gibt ein Motorradfahrer in Lederjacke und zerrissenen Jeans seine Bestellung auf. Über seiner rechten Gesässtasche trägt er eine Pistole.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Also einmal einen Cheeseburger mit Cheese?», fragt die junge Frau im neonfarbenen T-Shirt hinter der Theke. Kaum hat sie die Bestellung notiert, greift sie nach einer Ketchup-Flasche und drückt. Eine rote Schnur schnellt aus der Flasche. Der Motorradfahrer weicht zurück. Ringsum Gelächter. Kein Ketchup. Nur ein Scherz. Wie so manches im «Snow Cap», dem möglicherweise berühmtesten Burgerladen Amerikas: Der Strohhalm für die Cola kommt als Bündel Stroh, und auf einem Schild an einer Türe steht: «Sorry, we are open!»Das «Snow Cap» gehört John Delgadillo. Er ist unfreiwillig Erbe einer grösseren Sache: Sein Vater Juan zimmerte den Hamburgerladen 1953 aus Altholz und strich ihn in leuchtenden Farben an. Johns Onkel Angel wiederum rettete die Route 66.Seit 1953 gibt es das «Snow Cap» an dieser Stelle in Seligman an der Route 66.Buyenlarge / Archive Photos / GettyJohn hat ein Interview zugesagt, um über die Geschichte der Fernstrasse und den Kultladen seiner Familie zu sprechen. Um halb zwölf will er hier sein. «Ruf einfach an, wenn du da bist», hat er geschrieben.Um halb zwölf ist John nicht da.John, wann hast du gemerkt, dass das «Snow Cap» nicht mehr nur deiner Familie gehört, sondern allen?Die Strasse: die Route, die ihre Bestimmung verlorDer Burgerladen «Snow Cap» befindet sich im Südwesten der USA, in der Hochwüste von Arizona, auf 1600 Metern über Meer, mitten im Städtchen Seligman. Dessen Hauptstrasse ist Teil der Route 66, einer Strasse, die es nur noch gibt, weil sie gestorben war.Die Route 66 gibt es seit 1926. Sie verbindet das Hinterland mit dem Pazifik, von Chicago bis Santa Monica, fast 4000 Kilometer durch acht Gliedstaaten. Sie führte durch Dörfer, die auf keiner wichtigen Karte standen. Wer an ihr lag, existierte. Wer nicht an ihr lag, war von der Welt abgehängt.In den 1930er Jahren flohen Hunderttausende auf dieser Fernstrasse nach Westen, vor Dürre, Staubstürmen und Armut. Der Schriftsteller John Steinbeck nannte sie die «Mother Road». Zwanzig Jahre später reisten die Amerikaner auf ihr in die Ferien, von Motel zu Motel, von Diner zu Diner. Die Strasse war eine Lebensader in einer Wüste mit Kakteen, Büschen und roten Felsen. Seligman hatte zwölf Tankstellen, täglich rollten 9000 Fahrzeuge durch die Hauptstrasse.Dann kam die Interstate, die Autobahn. Sie war breiter und schneller, und sie führte an den kleinen Orten vorbei statt durch sie hindurch. Am 22. September 1978, um 14 Uhr 30, wurde die I-40 eine Meile südlich von Seligman eröffnet. Der Verkehr wechselte die Strasse und kam nicht zurück. Die Motels schlossen. Die Tankstellen verfielen. Die Diners standen leer. Die Bewohner gingen. 1985 strich man die Route 66 aus dem amerikanischen Strassennetz, und Seligman verschwand mit vielen anderen Dörfern von der Karte.John Delgadillos Onkel, Angel Delgadillo, war damals Barbier in Seligman. Er war direkt an der Route 66 aufgewachsen. Täglich hörte er nun das Brummen der Autos auf der anderen Seite der Bahngeleise, und täglich sah er die Last- und Personenwagen auf der I-40 vorbeiziehen. Angel schrieb Briefe, sprach mit Politikern und kämpfte darum, dass Seligman nicht zur Geisterstadt wurde.1987 hatte er eine gute Idee. Er lud Gleichgesinnte aus Kingman, Hackberry und Oatman ins «Copper Cart Restaurant» ein. Dort gründeten sie die Historic Route 66 Association of Arizona. Noch im selben Jahr erklärte der Staat Arizona die Strecke von Seligman bis Kingman zur «Historic Route 66», es war die erste offizielle Anerkennung dieser Art in den USA. Im Jahr darauf fuhren am ersten Fun Run 153 Oldtimer von Seligman bis zur kalifornischen Grenze. Unter den Fahrern war Bobby Troup. Er hatte den Song geschrieben, den Nat King Cole weltberühmt machte: «(Get Your Kicks on) Route 66».Seit 1987 läuft der Abschnitt der Route 66 von Seligman bis Kingman unter dem Markenzeichen «Historic Route 66».Nik Wheeler / Corbis Historical/ GettyDie ersten Touristen kamen zurück. Dann rollten die Reisebusse an. Schliesslich trafen Filmteams ein. 2006 brachte Pixar den Film «Cars» heraus. Der Regisseur hatte Angel Delgadillo besucht und sich schildern lassen, wie der Verkehr an einem Nachmittag von einer Stunde auf die andere verschwand. Diese Erzählung inspirierte die Macher des Trickfilms. Seligman diente als Vorlage für die animierte Stadt Radiator Springs.Angel ist heute 99 Jahre alt. Sein um elf Jahre jüngerer Bruder Juan baute 1953 das «Snow Cap Drive-In». Weil ihm das Geld fehlte, sammelte Juan Altholz vom nahen Eisenbahngelände und zimmerte einen Schuppen, den er bunt anstrich. Vor den Eingang stellte er einen alten Chevrolet, schnitt das Dach auf und dekorierte den Wagen mit farbigen Windrädern, Blumen, Amerikafahnen und einem Weihnachtsbaum. Das Auto steht noch immer vor der gelben Eingangstür.Schon damals stand «Cheeseburger with Cheese» auf der Karte. Bis heute gibt es «Dead Chicken». Wer ein Getränk ohne Eis bestellt, bekommt einen Becher voller Eiswürfel. Juan scherzte und arbeitete bis zu seinem letzten Tag. 2004 erlitt er mit 88 Jahren einen Herzinfarkt hinter der Theke.Ein weiteres alteingesessenes und inzwischen berühmtes Lokal an der Route 66, das «Dead Chicken»Visions of America LLC / Corbis Historical/ GettyAngel kämpfte, Juan unterhielt, und die beiden Brüder erhielten Seligman und die Route 66 am Leben.Weil John noch immer nicht da ist, wählen wir seine Nummer und hören den Summton.John, fühlst du dich als Besitzer dieses Ladens oder als Verwalter eines Erbes?Seligman: was übrig bleibtRechts und links der Hauptstrasse von Seligman stehen Holzhäuser. Die meisten sind ein oder zwei Stockwerke hoch. Ihr Weiss ist grau geworden und blättert. Heute leben 450 Einwohner in dem Städtchen.Die Route 66 ist zur Mittagszeit kaum befahren. Die Kennzeichen der Autos stammen aus Ohio, Kansas, Georgia, Florida. Ein Souvenirshop reiht sich an den andern. Sie verkaufen Sticker, Schlüsselanhänger, T-Shirts und Schneekugeln. Es gibt fast nichts, was es nicht zu kaufen gibt, und alles trägt das Signet der Route 66.Die Nebenstrassen wirken grau und verlassen. Auf der Veranda und auf dem Dach eines Hauses stehen Schaufensterpuppen in Partykleidern aus Nylon.Wir wählen Johns Nummer. Nur der Summton.John, kann ein Ort überleben, wenn vor allem Besucher kommen, aber immer weniger Menschen bleiben?Seligman Grocery: die toten DingeWenige hundert Meter westlich vom «Snow Cap» steht das einzige Lebensmittelgeschäft. An der Wand ein Graffito: «Seligman» in grossen Buchstaben.Lange Regale ziehen sich durch den Raum. Ein Korb mit zwei Äpfeln. Daneben drei Körbe: vier Zwiebeln, sechs Knoblauchknollen, sechs ungewaschene Kartoffeln. Zehn Sorten Chips und Müesli. Mehrere Paletten mit Trinkwasser.Eva, die Ladenbesitzerin, möchte verkaufen. Am liebsten den ganzen Laden, das Gebäude, alles. «900 000 Dollar.» Sie hat graues Haar und trägt eine runde, silberne Brille. Dann, im Gespräch, 800 000. Später 700 000. Schliesslich 400 000. Sie träumt von einem Leben auf ihrer Ranch. Stattdessen steht sie hier, hinter der Ladentheke.Draussen ein erneuter Versuch. John nimmt nicht ab.John, was bliebe von Seligman, wenn nur noch Souvenirläden übrig wären?Barbershop: wo niemand mehr Haare schneidetAn einen Souvenirshop grenzt ein Zimmer, auf dem Schild steht: «Angel Delgadillo’s Barbershop». Das Schaufenster quillt über vor Zeitungsausschnitten, alten Fotos, Briefen in Klarsichthüllen. Die Coiffeurstühle stehen vor den Spiegeln, als hätte Angel den Laden nur kurz verlassen und käme gleich zurück. Seit 2022 schneidet hier niemand mehr Haare. Der Barbershop wurde zum Museum.Wieder ein Versuch, John Delgadillo zu erreichen. Keine Antwort. Was, wenn er verhindert ist? Was, wenn er nicht kommt?Der National Trust for Historic Preservation spendierte dem «Snow Cap» 40 000 Dollar, einem von 25 Betrieben im Land, die lokale Geschichte bewahren sollen. Aus dem Burgerladen wurde ein Denkmal.John, wann wird Bewahren zum Stillstand?Coffee-Shop: der Laden mit ArbeitsmoralIm Nachbargebäude des Lebensmittelgeschäfts hat sich ein Coffee-Shop eingemietet. Ein braunes Holzhäuschen mit türkisen Fensterläden. Drinnen duftet es nach frisch gemahlenem Kaffee. Die Wände leuchten wie die Fassade in Türkis. An ihnen hängen Bilder von Indigenen, Landschaften und Tieren. Über der Theke steht in farbiger Kreide, was es gibt.Jenalyn steht hinter der Holztheke. Sie röstet ihren Kaffee selbst. Sie backt die Kuchen, die Kekse, die Mandelgipfel. 2020 hat sie damit angefangen, mitten in der Pandemie, mit einem Tisch im Vorgarten. «Direkt auf dem Gehweg», sagt sie. Dann kamen Veranstaltungen, ein paar Läden, die ihren Kaffee verkauften, dann dieser Laden, seit gut einem Jahr.Sie hat eine Mischung aus fünf Bohnen. Sie nennt sie «Work Ethic». «Die bringt einen in Schwung», sagt sie. Vorfahren von ihr kommen aus den Philippinen. Ihr Vater sei Marinesoldat in Korea gewesen. Zurück aus dem Militär, zog er mit der Familie nach Südkalifornien und später nach Phoenix, Arizona. In ihrem Erwachsenenleben hat sie in fast allen Teilen der USA gelebt, ausser im Nordosten, also nirgends nördlich von Virginia, wie etwa New York. Ihr Grossvater habe ihr gesagt, das einzige Werkzeug, das immer gratis sei, seien harte Arbeit und Leidenschaft.Jenalyn schaut auf die Strasse. «In diesem Ort ist fast jedes Geschäft in Familienbesitz. Es gibt keinen einzigen Grosskonzern, und der Ort blüht auf.» Mit einem McDonald’s, sagt sie, würde die Stadt kollabieren. Das Geld flösse zu den Aktionären ab.Durch das Fenster die Route 66. Auf der anderen Seite liegt ein Souvenirladen, der an die Delgadillos erinnert.«Nach den letzten Wahlen, seit alles schwierig geworden ist, kommen weniger», sagt sie. Europäer bleiben aus, Besucher aus Südamerika ebenfalls. Letztes Jahr erzielte sie in einem Monat, ohne Schild an der Tür, fast doppelt so viel Umsatz wie heute.Im Winter reicht das Geschäft in Seligman nicht. Dann muss Jenalyn weg. Letzten Winter war sie in Quartzsite, weit im Süden Arizonas. «Man muss in Bewegung bleiben», sagt sie.Einmal, erzählt Jenalyn, fuhr in Seligman ein Lastwagen gegen einen Strommast. Vier Tage lang waren Strom und Wasser ausgefallen. Alles in den Kühlschränken verdarb. Wer auf ein Beatmungsgerät angewiesen war, musste in die nächste Stadt gebracht werden. Ein gefallener Mast, und der Ort stand still.Wir wählen Johns Nummer. Er nimmt nicht ab.John, die Route 66 wurde gerettet. Aber als was, als Strasse oder als Erinnerung an eine Strasse?«Snow Cap»: die letzten FragenZurück zum «Snow Cap», zur gelben Tür. Diesmal der linke Knauf.Drinnen ist es voll. Der Motorradfahrer vom Mittag steht noch immer an der Theke. Oder wieder. Die Lederjacke, die zerrissenen Jeans, die Cowboy-Boots, über der rechten Hosentasche die Pistole. Die Frau im Neonshirt greift nach der Ketchup-Flasche und lässt die Schnur herausschnellen. Gelächter.John, wann hört ein Witz auf, ein Witz zu sein, wenn man ihn jeden Tag erzählt?John Delgadillo ist nicht da. Ein Angestellter sagt, er komme heute wahrscheinlich nicht mehr.Wieder auf der Strasse. Von weitem ist das Brummen der Interstate zu hören. Links ein Souvenirladen, rechts ein Souvenirladen und geradeaus, am Ende der Strasse, die Wüste.Ein letztes Mal Johns Nummer.John, kommen die Menschen wegen des «Snow Cap» hierher oder wegen eines Amerikas, das es vielleicht nie gegeben hat?John hebt nicht ab.Titelbild: Andreas Feininger / Life Collection / ShutterstockDie Reportage wurde möglich durch die Unterstützung des Arizona Office of Tourism sowie der Touristenbüros von Seligman, Kingman und Flagstaff.Passend zum Artikel
Lebt der amerikanische Traum noch, oder wird er nur am Leben erhalten? // Wie die Traumstrasse Amerikas starb und auferstand // Route 66: wie die Traumstrasse Amerikas starb und auferstand //
Die USA werden 250 Jahre alt, die Route 66 wird 100. In Seligman, einem Städtchen in der Wüste Arizonas, stellt sich die Frage, ob der amerikanische Traum noch lebt oder bloss am Leben erhalten wird.















