«Get your Kicks on Route 66»: Die berühmteste Strasse Amerikas inspirierte Schriftsteller, Musiker und McDonald'sDieser Highway ist ein Mikrokosmos der amerikanischen Kultur – und ein Mythos. Nun wird der hundert Jahre alt.21.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEntlang der Route 66 entstand eine ganz eigene Form der Kommerzarchitektur: Roy’s Motel & Café in der Mojave-Wüste in Kalifornien.Ted Soqui / Corbis / GettyDas Atomkraftwerk, in dem Homer Simpson arbeitet, gibt es wirklich: In Springfield, der kleinen Hauptstadt des Gliedstaates Illinois, ist die charakteristische Silhouette der Kühltürme auch im Vorbeifahren klar zu erkennen. Zu diesem Zeitpunkt haben Autofahrer auf der legendären Route 66 die Skyline von Chicago schon länger nicht mehr im Rückspiegel. Dort, mitten in den Häuserschluchten, lag der Anfang der Strecke, dort begann die Fahrt hinaus auf die Prärie der Great Plains. Es ist der Startpunkt der berühmtesten Strasse der USA – und vielleicht sogar der Welt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ab hier kann man seinen Speedometer auf 65 Meilen pro Stunde einstellen, sich zurücklehnen und aus dem Fenster schauen – der Kontinent zieht gemächlich an einem vorbei, man ist völlig ohne Drängelei oder Lichthupe unterwegs und fährt gebührenfrei, ohne Mautstellen. In der Nähe des Städtchens Joplin führt die Route ein kleines Stück durch die äusserste südöstliche Ecke von Kansas. Dieser Gliedstaat gilt als Fly-over-State, eine Region also, die man besser vom Flugzeugsitz aus, von oben betrachtet als aus der Perspektive hinter dem Lenkrad. Denn die Landschaft wird nun eine Weile repetitiv.Die Route 66 schneidet diagonal durch die schachbrettartig angelegten Riesenfelder. Wach wird man erst wieder am «Gateway to the West» in St. Louis. Die Stadt am Ufer des Mississippi ist das Tor zum amerikanischen Westen. Die Erschliessung der Gebiete westlich des Mississippi wurde von hier aus organisiert. Das Image der Boomtown des 19. Jahrhunderts, einst viertgrösste Stadt der USA, ist in der Zwischenzeit allerdings stark verblasst. Auch wenn St. Louis heute als gefährlichste Stadt der Vereinigten Staaten gilt, ein Stopp ist dennoch zwingend. Denn der elegante Gateway Arch von 1967 markiert den Beginn des westlichen Streckenabschnitts der Route 66.Ein Zwischenstopp ist noch heute Pflicht, auch wenn St. Louis die gefährlichste Stadt der USA ist: Der St. Louis Gateway symbolisiert das Tor zum Westen. Aufnahme von 1965.Bettmann/GettyMutter aller StrassenVon hier aus geht es fast schnurgerade nach Westen an den Pazifik. Die Route 66 wird in diesem Jahr hundert Jahre alt. Warum aber sollte man die Main Street of America zwingend in der «richtigen» Richtung, also von Ost nach West abfahren – wäre es nicht umgekehrt genauso reizvoll? Die Strasse «all the way from Chicago to L. A.» zu bereisen, wie es im Song «(Get Your Kicks on) Route 66» 1946 hiess, ist sinnvoll: Nur so wird ihre historische Bedeutung erlebbar: Der US-Highway 66 war die wichtigste Route für die Westwanderung während der Dust-Bowl-Jahre, der schweren Dürren und Sandstürme in den dreissiger Jahren, die eine landwirtschaftliche Krise auslösten.In John Steinbecks Roman «Früchte des Zorns» (1939) symbolisierte die Strasse die Flucht aus der wirtschaftlichen Misere der Landwirtschaft in der Mitte des Kontinents und grosse Hoffnung auf einen Neuanfang in Kalifornien. Steinbeck nannte die Route die «Mutter aller Strassen». Die kleinen Gemeinden, die am Wegesrand lagen, blühten wirtschaftlich auf.Dass die Route 66 ein Highway ist und keine Interstate, mag spitzfindig wirken, de facto spürt den Unterschied jeder Fahrer jedoch schnell: Denn auf der Strecke durch acht Gliedstaaten (Illinois, Missouri, Kansas, Oklahoma, Texas, New Mexico, Arizona und Kalifornien) führt die fast 4000 Kilometer lange Strasse heute nicht mehr linear der alten Route entlang. Seit 1985 gibt es den Highway offiziell nicht mehr. Heute heisst die Route National Scenic Byway Historic Route 66. Schon seit den sechziger Jahren gibt es das Bestreben, den originalen Highway als durchgehenden Fahrweg zu erhalten.Wichtigste Route für die Flucht nach Westen: Ein Abschnitt der Route 66 in New Mexico, um 1940.Archive Photos / GettyKorbflechterinnen an der Route 66 in Missouri, Juni 1940.Corbis/GettyBegonnen hatten die Festlegung und der Ausbau der Route 1938 in Tulsa in Oklahoma mit der Asphaltierung eines Segments. Die eingängige Zahl 66 für die Strasse war zu dem Zeitpunkt noch nicht vergeben. Per Zeitungsanzeige wurden Amerikaner ermuntert, die US 66 als Strecke zu den Olympischen Sommerspielen in Los Angeles zu nehmen. Die Route 66 wurde als erste durchgehend asphaltierte Strasse des Landes auch schnell zu einer architektonischen Perlenkette: Art-déco-Gebäude entlang des Wegs zeugen gestalterisch von der Begeisterung für Geschwindigkeit und das neue Massenverkehrsmittel Automobil.Im Zweiten Weltkrieg wurde die Strasse für den Transport von Militärgerät genutzt. Erst in den glücklicheren fünfziger Jahren fuhren erstmals zahlreiche Reisende und Familien in ihren grossen Strassenkreuzern in den Westen, zum Grand Canyon oder zum Meteor Crater in Arizona. Für derlei Roadtrips wurden die Ränder der Route mit einer ganz eigenen Form der Kommerzarchitektur bepflastert: Tipi-förmige Motels, schnittige Tankstellen und rustikale Diners, schicke Eisdielen, Autokinos, Souvenirläden für Indianerkitsch oder trostlose Reptilienfarmen sollten Autofahrer zu einem Stopp und zum Geldausgeben animieren.Heute gibt es sogar WLAN: Das Wigwam Motel in Holbrook, Arizona, das 1950 an der Route 66 gebaut wurde.Al Drago / GettyBurgers, shakes and friesEs war die Geburtsstunde der amerikanischen Fast-Food-Industrie: Die ersten Drive-in-Restaurants entlang der Strecke zeugen davon. Das erste McDonald’s-Schnellrestaurant öffnete 1940 in San Bernardino, am kalifornischen Abschnitt der Strecke. «Burgers, shakes and fries» sind seither die kulinarische Seite der Route 66, serviert im «Speedee Service System». Die Werbeschilder sind heute bei Souvenirjägern begehrt.Die Route 66 wurde in der Nachkriegszeit schneller: Sie schrumpfte durch neue Abkürzungen von 3945 auf 3601 km und wurde zugleich breiter: Vierspurig ausgebaut, ähnelte sie bald selber vielerorts einer Interstate. Zugleich wurden Dutzende Umgehungsstrassen um die Städte entlang der Route gebaut. Es ist zwar heute unmöglich, die US 66 durchgehend von Chicago nach Los Angeles zu befahren, aber grosse Teile der Strecke sind noch erlebbar.Am besten erhalten ist der Abschnitt zwischen Springfield, Missouri, und Tulsa, Oklahoma. Hier hat die legendäre Strasse noch ihre originale Breite inklusive Betonbordsteinen. Dieser Teil der Strecke wird von Automobilisten am stärksten romantisch verklärt. Die Route 66 führt durch drei Zeitzonen und zieht sich teils wie Kaugummi. Midpoint Café in Adrian, Texas, liegt genau auf halber Strecke (286 km) im Texas Panhandle. In Arizona durchquert man grosse Indianerreservate. Da hat man viel Zeit, um Bobby Troups «(Get Your Kicks on) Route 66» zu hören, das von Nat King Cole und den Rolling Stones, später auch von Depeche Mode adaptiert wurde.In Tijeras, New Mexico, ist ein Abschnitt der Strecke so gerillt, dass die Melodie von «America the Beautiful» ertönt, wenn man mit genau 45 mph darüberfährt. In der Cadillac Ranch bei Amarillo, Texas, stecken zehn Cadillacs mit der Front im Sand, Besucher dürfen mit der eigenen Spraydose ein Graffiti auf den Wracks hinterlassen. Die grössten Städte, die man entlang der Strasse passiert, sind neben St. Louis auch Tulsa, Oklahoma City, Albuquerque und Flagstaff.Souvenir- und Geschenkshop in Adrian, Texas, 7. Juni 2026.Heather Diehl / GettyCoors Cowboy Club Rodeo in Amarillo, 6. Juni 2026.Al Drago / GettyDas heisst im Umkehrschluss, dass die Route alle grossen Städte des Südwestens nicht touchiert: Weder Dallas noch Phoenix oder Las Vegas liegen an der Strecke. Deshalb lohnen sich Abstecher: nach Death Valley in der Mojave-Wüste beispielsweise, in den Petrified Forest oder tiefer in die Rocky Mountains hinein – oder auch in die Hippiestadt Arcosanti, die der italienische Architekt Paolo Soleri in den siebziger Jahren gebaut hat. Durch eine Änderung des Strassenverlaufs gibt es in Albuquerque eine Besonderheit: An der Central Avenue kreuzt sich die neue Route 66 mit ihrem alten Verlauf selbst.Ein Paradies für Art-déco-FansDie Gebäude in Albuquerque im Pueblo-Stil haben ebenso abgerundete Ecken wie die Art-déco-Architektur in Tulsa. Sie haben nach New York City und Miami die grösste Anzahl von Art-déco-Gebäuden in den USA. Durch das langgestreckte Kalifornien, ein bis heute verheissungsvolles Ziel, führt die Route 66 quer: Es dauert nicht lange von der Grenze zu Arizona aus, bis man über den Sunset Boulevard hinweg die Endstation der Route im Westen am Pacific Coast Highway erreicht hat, genauer: an der Strassenecke 101 Lincoln / Olympic Boulevard im schönen Santa Monica.Vor einem steht das legendäre «End of the Trail»-Schild. Hinter einem liegt zu diesem Zeitpunkt ein gutes Stück Americana, ein Symbol für Ungebundenheit, Abenteuer und die gute alte «Go West!»-Zeit. Was macht man, wenn man angekommen ist? Zurückfahren natürlich, vielleicht auf einer leicht variierten Strecke, der «Route 67» gewissermassen.Ein verwitterter Sessel in der Nähe des Whiting Brothers Motel in Continental Divide, New Mexico.Al Drago / GettyPassend zum Artikel
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