Was entscheidet über den Erfolg im Leben? Es ist nicht, wie oft behauptet, das ElternhausWer will, kann sozial aufsteigen, unabhängig von seiner Herkunft. Die gesellschaftliche Mobilität in der Schweiz ist laut einer neuen Studie hoch – und um einiges höher als im Ausland. 02.07.2026, 05.28 Uhr3 LeseminutenDie Familie bestimmt den späteren Erfolg der Kinder nur wenig. Jugendliche schnuppern an der Berufsmesse Thurgau.Niklas Thalmann / CH MediaWird in der Schweiz über Chancengerechtigkeit geredet, geht es zumeist um die Bildung. Inzwischen gilt es fast schon als Dogma, dass das hiesige Schulsystem ungerecht sei, weil Kinder von Akademikern an den Gymnasien und Universitäten übervertreten sind und Arbeiter- und Migrantenkinder häufiger eine Berufslehre absolvieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.An Vorschlägen, was man dagegen unternehmen müsse, fehlt es nicht: Von institutionalisierter frühkindlicher Betreuung bis zu einem Verzicht auf Noten und auf die schulische Selektion nach der Primarschule wird vieles gefordert, um gegen die angebliche Dominanz von Herkunft und Familie anzugehen.Viele Wege führen nach obenEs lohnt sich allerdings, den Blick über die Schule hinaus zu richten. Dann zeigt sich, dass die Mobilität bei der Bildung nicht mit sozialem Aufstieg gleichzusetzen ist. Wer in der Schweiz wirtschaftlich vorwärtskommen will, der kann das tun, ungeachtet seiner Herkunft. Im internationalen Vergleich sind die Chancen auf sozialen Aufstieg in kaum einem Land so ausgeprägt wie in der Schweiz. Das zeigt eine Studie vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern; die vorläufigen Ergebnisse wurden 2024 präsentiert, nun wurde die Forschungsarbeit in der Fachzeitschrift «Review of Income and Wealth» publiziert.Die Autoren Jonas Bühler, Melanie Häner-Müller und Christoph Schaltegger haben untersucht, wie stark die Familie den späteren wirtschaftlichen Erfolg beeinflusst und welche Merkmale des Elternhauses diesen Einfluss erklären können. Dazu stützten sie sich auf die Steuer- und Sozialversicherungsdaten von rund 700 000 Personen in der Schweiz, dies über 23 Geburtskohorten von 1966 bis 1988.Der Fokus liegt auf den Geschwistern und auf der Frage, wie ähnlich sich ihre Einkommen entwickeln. Geschwister haben nicht nur dieselben Eltern, sondern wachsen in derselben Nachbarschaft und Gemeinde auf, gehen in dieselbe oder eine ähnliche Schule und teilen auch sonst so einige Dinge. Deshalb lasse sich der Einfluss des gesamten familiären Hintergrunds auf den eigenen Erfolg breiter erfassen als mit einem reinen Eltern-Kind-Vergleich, so die Studienautoren.Die Geschwisteranalyse zeigt, dass lediglich 16 Prozent der Einkommensunterschiede mit dem familiären Hintergrund erklärt werden können. Mehr als 80 Prozent der Unterschiede gehen auf Faktoren zurück, die ausserhalb der Familie liegen – auf eigene Entscheidungen, individuelle Fähigkeiten, auf die Leistungsbereitschaft, Talent oder auch Glück. Der familiäre Einfluss bleibt auch dann gering, wenn man die tiefsten Einkommen ausschliesst oder Brüder und Schwestern getrennt analysiert.International gesehen ist die Schweiz damit vergleichbar mit den skandinavischen Ländern. In vielen anderen westlichen Ländern spielt die Familie laut den Autoren eine deutlich grössere Rolle: In Deutschland erklärt der familiäre Hintergrund rund 43 Prozent der Einkommensunterschiede, in den USA sogar 49 Prozent.Man kann also davon ausgehen, dass die Schweiz eine hohe gesellschaftliche Durchlässigkeit aufweist und den Leuten viele Wege offenstehen, um aufzusteigen. Wenn es um Arbeitsmarktchancen geht, reicht es nicht, sich auf den Zugang zum Gymnasium oder zur Universität zu konzentrieren. Gerade mit einer soliden Berufs- und Weiterbildung kann man in der Schweiz nicht selten mehr verdienen als Akademiker.Es kommt nicht darauf an, ob die Eltern lesenEine weitere Erkenntnis: Der familiäre Einfluss ist nicht nur vergleichsweise gering, sondern auch kaum von Faktoren geprägt, die man als diskriminierend bezeichnen kann. So spielen die Nationalität der Eltern, ihr Bildungsstand oder Einkommen nur eine sehr untergeordnete Rolle, wenn es um den Erfolg der Kinder geht. Dasselbe gilt für den Zivilstand, den Erwerbsstatus, die Religionszugehörigkeit oder die Familiengrösse. Zusammen erklären diese Faktoren weniger als 12 Prozent des gemessenen Familieneinflusses. Oder salopp gesagt: Auch ein Ausländer aus einem ärmlichen Arbeiterhaushalt mit geschiedenen Eltern kann im Leben vorwärtskommen. Systemische Hürden gibt es nicht.Die Studie untersuchte weitere Aspekte aus dem Schweizer Haushaltspanel, etwa zu den sozialen Kontakten oder den Lesegewohnheiten der Eltern – Faktoren, die für die Chancengerechtigkeit oft als wichtig angesehen werden. Doch auch sie ändern nichts am Befund: Ob ein Mensch persönlich Erfolg hat, liegt zum allergrössten Teil an ihm selber. Und nicht daran, ob seine Eltern lesen.Passend zum Artikel
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