Extrembergsteiger Luis Stitzinger beschrieb es einmal so: „Wenn man zum Teil an direkt an der Aufstiegsroute liegenden Toten vorbei steigen muss, dann läuft es einem kalt den Rücken runter.“ Stitzinger bestieg den Mount Everest von beiden Seiten aus, der tibetischen Nord- und der nepalesischen Südseite. Auf beiden Routen stoßen Gipfelaspiranten auf die Leichen von Bergsteigern, die dort oben, in weit über 8000 Meter Höhe, ihr Leben verloren – und die wegen der extrem schwierigen Bedingungen seither nicht geborgen wurden. Denn jeglicher Versuch wäre riskant und extrem gefährlich. Und die Frage dabei ist: Will man wirklich Leben riskieren, um Tote herunterzubringen?Schätzungen gehen von bis zu 200 tödlich verunglückten Bergsteigern aus, die noch immer irgendwo am höchsten Berg der Welt ruhen. Einige der im Permafrost konservierten Leichen wurden immer wieder von Everest-Besteigern beschrieben, wie etwa im Fall von Hannelore Schmatz. Sie war 1979 die erste Deutsche gewesen, die den 8848 Meter hohen Gipfel des Everest erreicht hatte, war dann aber im Abstieg auf etwa 8300 Meter an Erschöpfung gestorben. Mehrere Bergsteiger berichteten später, ihren Leichnam gesehen zu haben, aufrecht am Hang sitzend, offenbar von einem gefrorenen Seil festgehalten. Irgendwann wurde sie wohl von einem Sturm in die Tiefe geweht.Bekannt wurde aber vor allem der Leichnam eines Bergsteigers, der in einer Felsnische an der Hauptroute auf der tibetischen Nordseite liegt, kurz vor einer auf etwa 8500 Meter gelegenen Felsstufe, dem sogenannten First Step – rund 350 Höhenmeter unterhalb des Gipfels. Er erlangte den Namen „Green Boots“, wegen der knallgrünen Koflach-Bergstiefel an seinen Füßen. Diesen Namen benutzten Bergsteiger auch häufig, wenn sie sich auf den Toten als Orientierungspunkt bezogen, etwa in Funksprüchen ins Basislager. Zugleich ist die schaurige Wegmarke seit Jahrzehnten eine düstere, brutal direkte letzte Warnung an die Bergsteiger, wie schnell der Aufstieg in die „Todeszone“ tatsächlich tödlich enden kann.Die Identität des Leichnams ist nach Jahrzehnten geklärtLange war unklar, um wessen Leichnam es sich bei „Green Boots“ handelt – um den von Tsewang Paljor oder von Dorje Morup. Beide waren Teil einer Expedition des Indo-Tibetischen Grenzschutzes (ITBP), die 1996 von Norden her auf den Everest steigen wollte. Es war jene katastrophale Frühjahrssaison, in der am 10. und 11. Mai acht Bergsteiger am Everest ums Leben kamen. Die Geschehnisse auf der nepalesischen Südseite fanden vor allem dank Jon Krakauers Buch „In eisige Höhen“ große Beachtung in Filmen und Dokumentationen – anders als jene auf der Nordseite.Dort drehten von den sieben Bergsteigern der ITBP-Expedition, die am 10. Mai Richtung Gipfel aufbrachen, vier auf etwa 8500 Meter Höhe wegen Sturm und Erschöpfung um. Drei gingen weiter, darunter Tsewang Paljor und Dorje Morup. Sie funkten später, sie hätten den Gipfel erreicht, was aber umstritten blieb, auch weil die schlechten Sichtverhältnisse die Orientierung zu dieser Zeit erheblich erschwerten. Im Abstieg, gefangen in Dunkelheit und zunehmendem Sturm und geschwächt durch Kälte und Erschöpfung, kamen alle drei ums Leben.Vor Kurzem gaben die indischen Behörden nun bekannt, dass es sich bei dem Toten um Dorje Morup handele. Das ergab laut ITBP ein DNA-Abgleich. Der Grenzschutz teilte weiter mit, dass er eine Bergungsmission initiieren wolle, die den Toten zu Tal bringen soll. Dafür soll ein spezielles Team zusammengestellt werden, dem unter anderem mindestens sechs Sherpas angehören sollen, die den Gipfel des Mount Everest schon mehrmals erreicht haben. Bis Oktober soll es den Leichnam bergen. In der Ausschreibung sind für die Mission bis zu 40 Tage vorgesehen – ein Hinweis darauf, wie groß die Herausforderung ist.Denn in der großen Höhe werden die Teammitglieder nicht nur mit dem Sauerstoffmangel zu kämpfen haben, der die physische Stärke und die gedankliche Klarheit beeinträchtigt. Sie werden auch große Mühe haben, den gefrorenen und daher besonders schweren, starren Leichnam über technisch schwierige Passagen in Fels und Eis zu transportieren, ohne dabei zu große Gefahren für das eigene Leben einzugehen. Und eine solche Aktion könnte aus religiösen Gründen problematisch werden, angesichts der Belastung, die es gerade für die Sherpas bedeuten würde, tagelang einen Toten über schwierig zu begehendes Terrain zu bugsieren.Noch ist es bislang daher fraglich, ob es wirklich zu einer Bergung von Dorje Morup kommen wird. Vielen Bergsteigern sind die Gefahren, die sie grundsätzlich mit sich bringt, sehr bewusst – sie hinterlassen daher für den schlimmsten Fall eines tödlichen Unglücks den Wunsch, am Berg zurückgelassen zu werden. Denn auch bei Bergungsmissionen an den hohen Bergen ist es in der Vergangenheit schon zu tödlichen Unfällen gekommen.
Green Boots-Leiche am Mount Everest wurde identifiziert
Seit 1996 liegt ein Leichnam an der Nordroute des höchsten Berges der Welt. Nun wurde der Mann mit den grünen Bergstiefeln identifiziert – und soll in einer riskanten Mission zu Tal gebracht werden.









