Ein toter Inder soll nach 30 Jahren aus der Todeszone des Mount Everest geborgen werden. Das ist aufwendig, teuer – und sehr gefährlichDorje Morup alias «Green Boots» gilt als bekannteste Leiche des Mount Everest. Der Tote war jahrelang eine Wegmarke für Bergsteiger. Nun will ihn Indien zurückholen.06.07.2026, 17.19 Uhr4 LeseminutenBergsteiger im Camp 4 auf 7925 Metern Höhe, dem letzten Camp vor dem Gipfel. Im Hintergrund die sogenannte Todeszone.Purnima Shrestha / ReutersZusammengerollt liegt er da, als würde er schlafen. Ein rotes Vlies bedeckt sein Gesicht – vielleicht der letzte Versuch, sich vor dem Schneesturm zu schützen, der an seinem Todestag über den Berg fegte. Auf knapp 8500 Metern, nur 350 Meter unterhalb des Gipfels, liegt die Leiche des wohl bekanntesten Toten am Everest: «Green Boots», benannt nach seinen neongrünen Stiefeln. Der Permafrost hat den 1996 verstorbenen Mann all die Jahre konserviert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Green Boots» lag lange direkt an der Nordostroute, als Wegmarke für Aufsteigende: Wer an ihm vorbeikam, wusste, der Gipfel ist nah. Manche meldeten sich per Funk, sobald sie ihn erreicht hatten, andere ruhten sich neben der Leiche aus. 2014 wurde er an eine weniger einsehbare Stelle gebracht.Fast dreissig Jahre blieb seine Identität ein Rätsel. Nun hat ein DNA-Abgleich Gewissheit gebracht: Es handelt sich um den indischen Bergsteiger Dorje Morup, wie die indische Grenzschutzbehörde Ende Juni mitteilte.Ein Schneesturm tötet sechs BergsteigerMorup gehörte zu einer sechsköpfigen Expedition der indisch-tibetischen Grenzpolizei, die am 10. Mai 1996 über die Nordroute aufsteigen wollte. Als Gewitterwolken aufzogen, weigerten sich Morup und zwei Kollegen, umzukehren – bei schlechter Sicht glaubten sie, den Gipfel erreicht zu haben, dabei waren sie noch Stunden von ihm entfernt. Keiner der drei schaffte den Abstieg ins Lager. Ein japanisches Team sah die Männer mehrfach auf der Route ums Überleben kämpfen, half aber nicht. Einer der japanischen Bergsteiger sagte später: «Oberhalb von 8000 Metern ist nicht der Ort, wo Leute sich so etwas wie Moral leisten können.»Im selben Sturm starben fünf weitere Bergsteiger – es war eine der tödlichsten Saisons am Everest. Der Schriftsteller Jon Krakauer hat das Drama in seinem Klassiker «In eisigen Höhen» festgehalten.Die wenigsten Toten werden geborgenDie indisch-tibetische Grenzpolizei will Morup nun vom Berg holen und sucht dafür ein Bergungsteam: mindestens sechs erfahrene Sherpas, die die sterblichen Überreste in den kommenden Monaten über Nepal nach Indien bringen sollen.Ab etwa 8000 Metern über Meer beginnt die sogenannte Todeszone. Bergungen in dieser Höhe sind aufwendig, teuer und gefährlich. Helikopter-Rettungen sind in dieser Höhe praktisch ausgeschlossen: Über 7000 Metern ist die Luft so dünn, dass die Triebwerke an Leistung verlieren und der Rotor weniger Auftrieb erzeugt. Bei Rettungseinsätzen über 6500 Metern kann die Maschine mit minimalem Treibstoff fliegen und neben dem Piloten keine weiteren Einsatzkräfte transportieren. Deswegen müssen Bergungsteams die Leichname zu Fuss erreichen und abtransportieren.Die Kosten für die Bergung eines Verstorbenen vom Mount Everest müssen in der Regel die Angehörigen tragen. Viele Tote bleiben deswegen am Berg, Schätzungen gehen von 200 Leichen aus.Tshiring Jangbu, Gründer von Everest Sherpa Expedition, beschreibt im «Guardian», wie mühsam und gefährlich die Bergung von «Green Boots» selbst für erfahrene Sherpas wäre: Auf über 8000 Metern steht nur ein Drittel des üblichen Sauerstoffs zur Verfügung, jede Bewegung kostet Kraft, jede Entscheidung wird schwerer.Eine gefrorene Leiche in Kletterausrüstung kann bis zu 200 Kilogramm wiegen. Steif gefrorene, verdrehte Gliedmassen erschweren das Schleppen über Fels und Eis zusätzlich – manchmal bleibt nur die Amputation. Für die überwiegend buddhistischen Sherpas ist diese Arbeit auch eine emotionale Belastung. Jangbu schätzt die Kosten einer solchen Expedition auf rund 150 000 Dollar.Erschwerend kommt die Jahreszeit hinzu: Der ausgeschriebene Zeitraum von Juni bis Oktober fällt in die Monsunzeit mit heftigen Schneefällen. Die Mission könnte mehrere Wochen dauern.340 Menschen liessen ihr Leben am BergSeit Beginn der Everest-Besteigungen 1953 sind mehr als 340 Menschen am höchsten Berg der Erde gestorben – trotz moderner Ausrüstung zählt er weiterhin zu den gefährlichsten Gipfeln der Welt. Viele starben an Sauerstoffmangel, andere durch Schneestürme, Abstürze, Höhenkrankheit, Kälte oder Erschöpfung.Sicherer ist der Aufstieg dennoch geworden: Laut der Himalayan Database liegt die Todesquote heute bei 1,6 Prozent. Gefährlich bleibt er trotzdem, auch weil zunehmend unerfahrene Bergsteiger aufbrechen.Nepal verschärft die BedingungenDer Tourismus ist für Nepal wirtschaftlich zentral: Die Branche trägt fast 8 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei, eine Besteigungsgenehmigung kostet derzeit umgerechnet rund 10 000 Euro.Doch die tödlichen Unglücke sind mit ein Grund, warum das Land seine Auflagen verschärft: 2025 erhöhte die Regierung die Expeditionsgebühren und verbot Einzeltouren auf Berge, die über 8000 Meter hoch sind. Ein umfassendes Tourismusgesetz soll weitere Einschränkungen bringen – geplant sind ein verpflichtender Gesundheitscheck, ein detaillierter Besteigungsplan sowie der Nachweis, bereits einen nepalesischen Berg, der höher ist als 7000 Meter, bestiegen zu haben.Denn von den vielen Toten lassen sich die Bergsteiger schon länger nicht mehr abschrecken: In der diesjährigen Hauptsaison versuchten mehr als tausend den Gipfel zu erklimmen – so viele wie nie zuvor.Passend zum Artikel