Vielleicht steckt ein uramerikanischer Optimismus dahinter, alles eine Nummer größer zu denken. Dieses Denken macht vor dem Automobil nicht halt, sofern es aus dem Land der Träume kommt. Während in Europa Effizienz und Kompaktheit als Tugenden gelten, wird jenseits des Atlantiks gern in anderen Dimensionen gerechnet.Mehr Leistung, mehr Platz, mehr Reichweite, mehr Komfort. So ähnlich dürften die Entwicklungsziele gelautet haben, als man im Silicon Valley über das nächste Elektroauto nachdachte. Nein, nicht von Tesla. Lucid stammt ebenfalls aus Kalifornien, wurde vor nicht einmal zehn Jahren von frustrierten Tesla-Mitarbeiten mit Geld aus Saudi-Arabien gegründet und hat schon 2021 mit der Limousine Lucid Air für reichlich Wind gesorgt.Nicht ganz schwerelos: Lucid Gravity Grand Touring, 2,7 Tonnen, 839 PSLucidThink big again, nun soll der europäische Markt erobert werden, mit dem Gravity, einer gut fünf Meter langen Mischung aus SUV, Van und Raumschiff. Die Sportwagenseele, welche der Hersteller beschwört, muss man zwar suchen. Der Name aber klingt durchaus realitätsnah. Gravity bedeutet Schwerkraft. Sowohl Schwere, knapp 2,7 Tonnen stehen auf dem Datenblatt, als auch Kraft sind hier reichlich vorhanden.Rollt mit 926 VoltAls Grand Touring leistet er bis zu 839 PS, verfügt über einen 123-kWh-Akku und eine moderne 926-Volt-Architektur. Die Wucht, mit welcher der Allradler losschießt, sorgt tatsächlich für eine gewisse Schwerelosigkeit im Kopf. Nach 3,6 Sekunden stehen 100 km/h auf dem Tacho, bei Bedarf geht es bis 250 km/h weiter. Für ein Fahrzeug dieser Größe ist das bemerkenswert.Van, SUV oder Raumschiff? Der Lucid Gravity nutzt jeden Zentimeter seiner fünf Meter Länge aus.HerstellerDass Lucid technologisch ganz vorn mitspielen möchte, zeigen Antrieb und Batterietechnik. Die besonders kompakten Elektromotoren gelten als Branchenmaßstab, selbst Aston Martin möchte seine Elektrozukunft mit deren Technik vorantreiben. Geladen werden kann theoretisch mit bis zu 400 kW Gleichstrom oder 22 kW Wechselstrom. Von zehn auf 80 Prozent sollen rund 25 Minuten genügen.Raumschiff surprise: Der Innenraum wirkt nicht zuletzt wegen seiner ins Dach gezogenen Windschutzscheibe spacig.HerstellerAuf Mallorcas Serpentinen überrascht der Gravity mit seiner Agilität. Empfehlenswert ist allerdings das optionale Handlingpaket mit Hinterachslenkung. Es verkleinert den Wendekreis spürbar und macht das Rangieren in der Stadt deutlich angenehmer, wo allerdings die mäßige Rundumsicht selbiges erschwert.Sieben Sitze im Innenraum, zwei unter der FronthaubeDas serienmäßige Luftfahrwerk schlägt einen eher straffen, sportwagenseeligen Ton an. Lange Bodenwellen werden dennoch souverän weggefiltert, Querfugen melden sich dagegen zu Wort, nicht zuletzt wegen der riesigen 22- und 23-Zoll-Räder.Bequeme Sitze und viel Platz, echtes Leder kostet allerdings Aufpreis.HerstellerGleichwohl bleibt es im Innenraum bemerkenswert ruhig. Wären da nicht die elektronischen Helfer. Vor allem der Geschwindigkeitswarner meldet sich mit einer Beharrlichkeit, die schnell auf die Nerven geht. Sein Abschalten über mehrere Menüs wird zur mittelmäßig erfreulichen Routineübung vor dem Losfahren.Drei Meter Radstand sorgen für großzügige Platzverhältnisse. Selbst als Siebensitzer bleiben noch 780 Liter Gepäckraum. Werden die hinteren Reihen umgelegt, wächst das Ladevolumen auf mehr als 3000 Liter. Beeindruckend. Besonders amerikanisch wirkt der Frunk, der nicht nur 235 Liter zusätzlichen Stauraum bietet, sondern auch eine bequeme Sitzbank für zwei mit Getränkehaltern. Picknick statt Ladekabel.Setzen Sie sich: Unter der Fronthaube versteckt sich eine bequeme Sitzbank mit Kissen, Stromanschluss und Getränkehaltern.HerstellerLucid definiert seine Wohlfühlatmosphäre mit viel Raum und viel Glas. Die Windschutzscheibe zieht sich weit ins Dach hinein und verleiht dem Innenraum eine futuristische Ausstrahlung. Weniger beeindruckend fällt die Verarbeitung aus. Das Design ist zweifelsfrei hübsch, bei näherem Hinsehen zeigen sich allerdings großzügig eingesetzte Kunststoffe, nicht immer perfekte Spaltmaße und Details, die etwas mehr Sorgfalt verdient hätten.Die elektrische Verstellung der zweiten Sitzreihe klingt mitunter angestrengt, auch manche Türgriffe wirken weniger solide, als der Preispunkt erwarten lässt. Der beginnt bei gut 100.000 Euro für das weniger darbietende Einstiegsmodell, die getestete Version Grand Touring kostet knapp 117.000 Euro. Voll ausgestattet sind auch 140.000 Euro kein Problem. Viel Geld.Doch Größe, Leistung und Platzangebot kennt man in dieser Form bislang kaum von einem anderen Elektroauto. Und, obwohl Schwerkraft sich gewiss nicht abschaffen lässt, lässt sie sich im Gravity beeindruckend schnell überwinden.