Schottland ist Weltmeister! Zumindest auf der Briefmarke, die die „Royal Mail“ vor der WM in Argentinien entwerfen ließ. Sie zeigt Kapitän Bruce Rioch, den Pokal in Händen, und die Worte: „Scotland – World Cup Winners 1978“. Ein Brief ist damit nie frankiert worden. Die Marke dient heute als Kuriosum im britischen Postmuseum.Doch damals schien ganz Schottland ernstlich von der Idee ergriffen, sein Team tauge zum Weltmeister. Man hat Topspieler wie Dalglish, Souness oder Jordan, vor allem aber ist es Trainer Ally MacLeod, der die Erwartungen steil in die Höhe treibt. Ständig redet er vom Titel. Kurz vor der WM empfiehlt er Reportern, sich schon den 25. Juni 1978 anzukreuzen, den Tag, „an dem der schottische Fußball die Welt erobern wird“. Den Tag des Endspiels.„Wie im Wilden Westen“Auch Rod Stewart ist Optimist. Der Popstar, einst ein begabter Jungkicker, hat einen WM-Song aufgenommen, dessen Refrain das Versprechen enthält, „den WM-Pokal von da drüben mitzubringen“. Dann allerdings bringt Stewart aus Argentinien beinahe nur ein paar Einschusslöcher mit.Edelfan Rod Stewart überlebte damals unter dem TischdpaNach dem Besuch des ernüchternden 1:3 der Schotten im Auftaktspiel gegen Peru, zu dem Bundestrainer Helmut Schön seinen kompletten Kader geschickt hat, in der irrigen Annahme, einen möglichen Titelkonkurrenten zu studieren, gerät Edelfan Stewart in einem Lokal in Buenos Aires in einen Raubüberfall – der nach Eingreifen der Polizei in eine tödliche Schießerei mündet, jedenfalls für einen der Räuber. Stewart überlebt unter einem Tisch, „über den die Kugeln zischten“, wie er später lustig erzählt: „Wie im Wilden Westen.“Von Beginn an hakt es bei den Schotten. Schon der Bus vom Flughafen zum Hotel verreckt – Getriebeschaden. Stürmer Willie Johnston fällt wegen eines Mittels gegen Heuschnupfen durch den Dopingtest. Nicht mal die „Tartan Army“, die Fans mit Kilts und Dudelsäcken, die sonst jedes Schotten-Spiel zum Erlebnis machen, sind eine Hilfe. In Argentinien kommen sie wegen der hohen Flugkosten nur auf ein Häuflein von siebenhundert Mann. Und als der selbst ernannte Titelfavorit gegen WM-Debütant Iran, wie Peru von MacLeod vor dem Spiel nicht mal beobachtet, ein klägliches 1:1 abliefert, wenden sich selbst die treuesten Fans gegen das eigene Team.Letzte Chance ist das finale Vorrundenspiel gegen die Niederlande, die sie mit drei Toren Vorsprung schlagen müssen. Und erst jetzt, als alles verloren scheint, spielen sie groß auf, allen voran Archie Gemmill, der kleine Antreiber, der drei Mann umkurvt und zum 3:1 trifft. 18 Jahre später wird sein Tor im Kultfilm „Trainspotting“ in dem Satz verewigt: „Puh! So gut habe ich mich nicht mehr gefühlt, seit Archie Gemmill 1978 gegen Holland traf!“ Doch das gute Gefühl währt nur vier Minuten. Dann schießt Johnny Rep das 3:2, und die Schotten müssen nach der Vorrunde heim, so wie immer bei ihren neun WM-Teilnahmen von 1954 bis 2026.1978 weint ihnen niemand eine Träne nach. Ihr ödes Quartier bei Cordoba, so damals der „Kicker“, war jeden Abend Schauplatz eines Trinkgelages, bei dem „Spieler und Funktionäre in fröhlicher Eintracht um die Wette schluckten“. Als die Schotten nicht mehr dicht sind, sondern endlich weg, verrät der Hoteldirektor anrüchige Details: „Dass Weltstars im Whiskey-Delirium den Korridor mit der Toilette verwechseln, hat uns alle sehr geschockt.“