Alarmzeichen für den Wohlstand: Viele Unternehmen scheuen Zukunftsinvestitionen in DeutschlandDeutschlands Wirtschaft leidet nicht nur unter einer schwachen Konjunktur. Das eigentliche Problem liegt viel tiefer.01.07.2026, 13.41 Uhr4 LeseminutenProduktion des VW-Elektroautos ID.3 in Zwickau: Die schlechten Standortbedingungen treiben viele Unternehmen ins Ausland, auch die Autoproduktion hat es in Deutschland immer schwerer.Krisztian Bocsi / Bloomberg via GettyDer Fussball sei ein Spiegel des Landes, heisst es oft in Deutschland. Und tatsächlich zeigen sich – kausal oder zufällig – häufig Parallelen. So hat es die Nationalmannschaft seit 2018 bei drei Weltmeisterschaften in Folge nicht mehr unter die besten 16 Teams geschafft. Im gleichen Zeitraum ist das Wirtschaftswachstum kaum vorangekommen, die Produktion im verarbeitenden Gewerbe ist sogar deutlich zurückgegangen. Fussballerisch und wirtschaftlich stagniert Deutschland also seit bald einem Jahrzehnt auf tiefem Niveau.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In beiden Feldern gehören Zukunftsinvestitionen zu den wichtigsten Faktoren für künftige Erfolge, im Fussball etwa in die Ausbildung und in Leistungszentren für Jugendliche. In der Wirtschaft sind Investitionen in Maschinen, Anlagen oder Software ein zentraler Indikator für die Standortqualität und den Wohlstand. Doch in diesem Bereich liegt Deutschland im Vergleich unter 34 Industrie- und Schwellenländern abgeschlagen am unteren Ende, wie eine diese Woche veröffentlichte Studie der Unternehmensberatung McKinsey ergeben hat.Abstrafung des Standorts DeutschlandDie privaten und staatlichen Nettoinvestitionen sind in Deutschland mit 0,2 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) quasi vollständig zum Erliegen gekommen. Unternehmen scheuen also Investitionen in Deutschland, weil sie bessere Bedingungen und höhere Erfolgschancen im Ausland sehen.Die Nettoinvestitionen sind die Investitionen nach Abschreibungen auf alternde Anlagen. Sie betreffen zum Beispiel Infrastruktur, Fabriken und Maschinen sowie geistiges Eigentum wie Software, Datenbanken und Forschung. Sie gelten als Indikator für künftiges Wachstum und künftige Wettbewerbsfähigkeit.Das globale Bild ist eindeutig: China baut seinen sogenannten Kapitalstock mit Nettoinvestitionen von 23 Prozent seiner Wirtschaftsleistung stark aus. In den USA beträgt der Wert 4 Prozent und in Europa sogar nur 2 Prozent. Um die Lücke zu schliessen, müsste Europa jedes Jahr und 750 bis 800 Milliarden Euro investieren. Das wirkt völlig unrealistisch. Deutschland liegt mit seinen fast null Prozent sogar noch hinter dem Vereinigten Königreich (4 Prozent) und Frankreich (2 Prozent). Die Schweiz kommt in der Studie nicht vor.In absoluten Zahlen wurden 2024 im Reich der Mitte laut McKinsey 5,9 Billionen Dollar in produktive Anlagen investiert, in den USA waren es 5,1 Billionen und in Europa nur 3,1 Billionen Dollar. In Deutschland reichen die Nettoinvestitionen kaum noch aus, um den bestehenden Kapitalstock zu erneuern. Die Zahlen passen zu anderen bekannten Daten. So sinken seit 2022 laut dem Statistischen Bundesamt sogar die Bruttoinvestitionen in Deutschland – gemessen am BIP von knapp 22 auf gut 20 Prozent. Bedenklich ist dabei vor allem der deutlich stärkere Rückgang privater Investitionen, während staatliche zulegten.Der Hauptgrund für die geringen Investitionen sind die hohen Kosten, wie eine Untersuchung von zehn konkreten Investitionsfällen durch die Unternehmensberater zeigt. Über den gesamten Projektlebenszyklus liegen die Kosten neuer Investitionsvorhaben je nach Branche zwischen 40 und 250 Prozent über dem international jeweils wettbewerbsfähigsten Standort.Kosten höher als die ProduktivitätBei der Entwicklung neuer Plattformen für Elektroautos sind beispielsweise die Kosten für deutsche, aber auch amerikanische Autohersteller etwa drei- bis viermal so hoch wie für die chinesischen Konkurrenten. Ähnlich verhält es sich bei der Entwicklung von Biopharmaka. Und bei den immer wichtigeren Halbleitern beträgt der Kostennachteil in Deutschland rund 40 Prozent. Das dürfte ein wichtiger Grund sein, warum Deutschland oft Subventionen bieten muss, um Chiphersteller anzuziehen – beispielsweise des taiwanischen Halbleiter-Giganten TSMC in Dresden.Hauptverantwortlich für den Kostennachteil sind die hohen Löhne, die nicht mehr durch eine höhere Produktivität ausgeglichen werden. Dieses Problem bemängeln Unternehmer schon lange. «Wir sind in Deutschland schlichtweg nicht so viel besser, wie wir teurer sind», sagte beispielsweise Nicola Leibinger-Kammüller bereits vor anderthalb Jahren im Gespräch mit der NZZ. Die Chefin des Maschinenbauers Trumpf kritisierte die überbordende Bürokratie, die schlechte Infrastruktur, die fehlende Digitalisierung, die fatale Energiepolitik und vieles mehr.Diese Probleme führt teilweise auch die McKinsey an. In Deutschland benötige eine Baugenehmigung 200 Tage gegenüber 60 Tagen in den USA und 40 in China. Zudem lägen die Strompreise im Durchschnitt deutlich über jenen in anderen Ländern. Zwar seien Kosten immer nur ein Kriterium für die Wettbewerbsfähigkeit eines Standorts, sagt Jan Mischke, Partner beim McKinsey Globale Institute, das die Studie erstellt hat. Über den Standort würden auch politische Stabilität, Verfügbarkeit von Arbeitskräften, Kapitalmarktzugang und Infrastruktur entscheiden.Deutschland fällt in Rankings zurückDoch auch insgesamt fällt Deutschland immer weiter zurück, wie jüngste Daten zeigen. So liegt das Land zum Beispiel beim umfassenden Ranking der Lausanner Management-Hochschule IMD nur noch auf Platz 23 von insgesamt 70 weltweit untersuchten Ländern. Im Jahr 2014 – als Deutschland die Fussball-Weltmeisterschaft in Brasilien gewann – hatte das Land noch auf Platz 6 der wettbewerbsfähigsten Staaten gelegen. Danach ging es schrittweise immer weiter bergab. Die Schweiz ist dagegen seit Jahren unter den Top 3 des Rankings.Unternehmen müssen die Nachteile vor allem mit mehr Effizienz und Innovationen ausgleichen. Doch letztlich benötigt Deutschland vor allem bessere Standortbedingungen, um mehr Investitionen auszulösen. Dann klappt es vielleicht auch wieder mit mehr Wachstum – und im Fussball könnte das Elend dann ebenfalls irgendwann enden.Sie können Michael Rasch auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.Passend zum Artikel
Alarmzeichen für den Wohlstand: Bei den Zukunftsinvestitionen ist Deutschland abgeschlagen
Deutschlands Wirtschaft leidet nicht nur unter einer schwachen Konjunktur. Das eigentliche Problem liegt viel tiefer.










